Die verlorene Sprache

Wie sehr eine Sprachstörung ein Leben verändert, lässt sich kaum nachempfinden. Samira Klaho hat versucht, es in ihrem Film zu beschreiben.

Samira Klaho

Ein Aneurysma verändert ihr Leben

Ihr Studium der Sozialpädagogik und Kunsttherapie hat sie gerade abgeschlossen, als 2004 ein Aneurysma und ein Schlaganfall ihr Leben dramatisch verändern. Samira Klaho überlebt, doch verliert ihre Sprache. Aphasien zählen zu den häufigsten Folgen eines Schlaganfalls.

 

Ein langer Weg zurück zur Sprache

Sechs Jahre braucht Samira, um sich wieder gut verständigen zu können. Akribisch arbeitet sie an ihrer Sprache. Nutzen Freunde unbekannte Wörter, lässt sie diese auf Karten schreiben. Den Karteikasten nutzt sie bis heute. An der Sortierung lässt sich erahnen, was eine Aphasie im Gehirn ausrichtet. Für Außenstehende ist die Ordnung unverständlich. Nur Samira findet schnell, was sie sucht. 

 

Aphasiker werden ausgeschlossen

Noch immer kämpft die 45-Jährige mit Wortfindungsstörungen. Sprichwörter, Abkürzungen und Zahlen fallen ihr besonders schwer. Telefonate mit Arztpraxen oder Behörden sind eine Herausforderung. Und sie erlebt viel Unverständnis. Aphasie ist nicht nur unsichtbar, sie ist auch unbekannt. „Die Leute denken immer, ich sei geistig behindert“, berichtet sie.

Wir Aphasiker werden oft aus der Gesellschaft ausgeschlossen.
Samira Klaho

Samira stößt oft an Grenzen

Sie kämpf gegen die Ungleichbehandlung. „Wenn jemand einen Pflegegrad beantragt, wird gefragt, ob er sich allein waschen kann“, erklärt Samira. „Dass ich kein Formular allein ausfüllen kann, interessiert niemanden.“ Auch beruflich stößt sie an Grenzen. Seit Jahren ist Samira arbeitslos. Bewerbungen enden häufig im Vorstellungsgespräch, wenn klar wird, welche Anforderungen der Job stellt. „Ich bin sehr wohl in der Lage zu arbeiten“, sagt sie. „Ich kann bloß nicht alles.“

 

Land NRW fördert Samiras Projekt

Eine Fotoausstellung mit Portraits und Texten von 15 Aphasikern ist ein erster Versuch, die Krankheit künstlerisch zu dokumentieren. Daraus entsteht die Idee eines Films. Sie schreibt ein Drehbuch, bewirbt sich beim Land Nordrhein-Westfalen um eine Förderung, sucht sich eine Agentur. Nach mehr als zwei Jahren ist das Werk im April 2025 fertiggestellt.

 

Kein normaler Film

„Die verlorene Sprache“ begleitet drei Aphasiker durch die Hürden ihres Alltags. Dramaturgisch lässt sie sich viel einfallen, um das Lebensgefühl der Protagonisten zu vermitteln. „Das ist kein normaler Film“, sagt sie. „Man muss auch mit Pausen leben.“ Den Text zum Film schreibt und spricht sie selbst ein, eine Mammutaufgabe für Samira. „Der Tontechniker tat mir leid“, lacht sie. 

 

Samira bietet Vorführungen an

Und was geschieht nun mit dem Werk? „Ich biete Filmvorführungen an, gezielt für Gruppen wie Menschen mit Aphasie, aber auch medizinisches Fachpersonal,“ erklärt sie. „Im Anschluss an die Vorführung findet eine moderierte Gesprächsrunde statt. Ziel ist es, Austausch und Verständnis und zu fördern.“

 

Selbsthilfegruppe gegründet

Neben der Aufklärung liegt Samira auch viel an ganz praktischer Hilfe. 2023 gründete sie eine Aphasie-Selbsthilfegruppe. Die Selbsthilfe-Kontaktstelle der Stadt Recklinghausen hat sie daraufhin für den Motivationspreis der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe nominiert.

 



: Motivationspreis 2026

Lesen Sie weitere Geschichten.