Es lohnt sich, zu kämpfen

Rita Winkelmann pflegte ihren Vater fast zehn Jahre nach seinem Schlaganfall. Mit ihrer Bewerbung für den Motivationspreis möchte sie anderen Angehörigen Mut machen.

Rita Winkelmann weiß, wie viel Kraft Pflege kosten kann. Fast zehn Jahre lang pflegte sie gemeinsam mit ihrer Mutter ihren Vater Günther. Sie organisierte Therapien, stellte Anträge, suchte Unterstützung und übernahm viele Aufgaben selbst – bis zu seinem Tod Mitte letzten Jahres.

 

Ein Schlaganfall verändert alles

Am 12. September 2015 verändert sich das Leben der Familie Winkelmann. Günther Winkelmann aus Würselen erleidet eine schwere Hirnblutung. Die Diagnose schockierte die ganze Familie. Danach war der damals 71-Jährige halbseitig gelähmt, überwiegend auf den Rollstuhl angewiesen und pflegebedürftig.

 

Der Weg zurück nach Hause

Wirklich bewusst wurde Rita Winkelmann ihre neue Rolle in der Reha-Klinik. Drei Monate verbrachte ihr Vater dort. Mutter und Tochter wechselten sich ab, wer bei ihm bleibt. „Die Pflegekräfte können schließlich nicht rund um die Uhr für ihn da sein“, sagt 54-Jährige rückblickend

 

In der Rehaklinik war man der Auffassung, dass es besser wäre, Günther Winkelmann, in ein Pflegeheim zu gebe. Die Belastung für Mutter Elisabeth könnte zu groß werden. Doch die Familie lehnte ab. „Wir haben uns gegen diesen Rat entschieden“, erklärt Rita Winkelmann. „Es war der ausdrückliche Wunsch meines Vaters, meiner Mutter und auch mein eigener.“

 

Also bereitete Rita Winkelmann die Rückkehr nach Hause vor: Sie organisierte Therapien, Hilfsmittel, Pflege. „Das war schwieriger als gedacht. Anfangs haben wir nicht einmal einen Pflegedienst gefunden, der unterstützen konnte“, erinnert sie sich.

 

Der Alltag als Kraftakt

Zu Hause begann der nächste Kraftakt. Ehefrau und Tochter organisierten den Alltag zwischen Pflege, Therapien, Tagespflege und täglichem Üben. Sie stellten Anträge, legten Widerspruch ein und fragten immer wieder nach. „Wir mussten um vieles kämpfen“, sagt Rita Winkelmann. Viele pflegerische Aufgaben übernahm sie am Ende selbst. Um ihren Vater zu pflegen, besuchte sie mehrere Workshops und Schulungen in ihrer Freizeit.

 

Mit der Zeit wuchs Rita Winkelmann in eine Rolle hinein, auf die man kaum vorbereitet ist. Sie war Tochter und wurde zugleich pflegende Angehörige. „Ein Spagat, den ich erst schaffen musste“, gibt sie zu.

 

Gemeinsam Fortschritte machen

Gemeinsam mit seiner Familie bot Günther Winkelmann dem Schlaganfall und seinen Folgen die Stirn. Mit Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie machte er Fortschritte. Unter Anleitung konnte er den Rollstuhl verlassen und einige Schritte gehen.

 

Auch das möchte Rita Winkelmann mit ihrer Bewerbung für den Motivationspreis zeigen: Angehörige können viel bewirken. Sie können Halt geben, Mut machen und Betroffene dabei unterstützen, Fortschritte zu erreichen

 

Das eigene Leben nicht vergessen

„Bei pflegenden Angehörigen sehen viele nur die Pflege“, sagt Rita Winkelmann. Für sie gehört mehr dazu. Sie arbeitet weiter, steht als Schauspielerin vor der Kamera und trägt zeitweise nachts Zeitungen aus. 

 

Trotz der vielen Aufgaben nahm sie sich immer wieder bewusst Zeit für sich. Sie traf Freunde, ging ins Kino oder auf Konzerte.

 

Diese Auszeiten waren mir wichtig, um Kraft zu sammeln und mich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren.
Rita Winkelmann

Für pflegende Angehörige ist das oft schwer. Wer gebraucht wird, stellt die eigenen Bedürfnisse schnell zurück. Rita Winkelmann hat gelernt: Pausen sind kein Luxus. Sie helfen, weiter da sein zu können. „Man hat selbst ein Anrecht auf ein eigenes Leben“, betont sie.

 

Mehr Unterstützung für Angehörige

Gefragt, was pflegende Angehörige am dringendsten brauchen, antwortet Rita Winkelmann: die richtigen Ansprechpartner. Viele Angehörige wüssten nicht, was ihnen zusteht. Dabei gehe es oft auch um Dinge, an die man zunächst nicht denke. „Zum Beispiel um die Erstattung von Stromkosten für ärztlich verordnete Hilfsmittel wie ein Pflegebett“, erklärt sie. Würde sie heute etwas anders machen? „Nein“, sagt sie. „Man bekommt viele Steine in den Weg gelegt. Aber deswegen sollte man nicht aufgeben.“

 

Denn für Rita Winkelmann steht fest: Es lohnt sich, zu kämpfen.

 

 

 



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