Trotzig wie Frida Kahlo

Sein Schlaganfall 2003 war ein „harter Schlag im wahren Wortsinn – in einer Zeit, wo andere Karriere machen, Häuser bauen, ihre Familie planen“, sagt der damals 29-jährige Olaf Herrmann über das wohl einschneidendste Erlebnis seines Lebens. Aus der Kurve getragen habe ihn der Vorfall, „plötzlich war der Job weg, Freunde haben sich abgewendet, es war wie ein Stresstest für mein soziales Umfeld“, beschreibt Olaf Herrmann die Begleiterscheinungen.

Olaf Herrmann

Brüche können neue Anfänge sein

Der Schlaganfall-Betroffene musste jede Menge vermeintlich einfacher Dinge ein zweites Mal lernen, sogar die Fähigkeit des Schluckens war ihm abhandengekommen. „Brüche sind nicht das Ende, manchmal sind sie der Anfang“, urteilt der Mann aus heutiger Perspektive.

 

Ungeschönte Geschichten im Inklusionsblog

Er kennt nun beide Welten – das Leben mit und das Leben ohne Schlaganfall. Diese Kenntnisse nutzt Olaf Herrmann, um Nichtbetroffene zu sensibilisieren. Mit seiner Frau veröffentlicht er ungeschönte Geschichten übers wahre Leben, weil Geschichten Augen öffnen, man Zugang zu den Menschen bekommt – und weil sie mehr schaffen als die schlichte Forderung von Inklusion.  Neben dem eigenen Inklusionsblog (www.olaf-herrmann.com) ist er auch in seinem Job als Referent beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung engagiert für die Schwächeren. Als Gesamtschwerbehindertenvertretung ist er da für gut 45 Betroffene.

 

Zynismus nach dem Koma

Damals, als er aus dem Koma zurückkam, wurde Olaf Herrmann mit dem Zynismus eines Arztes konfrontiert. Der habe wortwörtlich gesagt: „Das war’s. Suchen Sie sich schon mal jemanden, der Sie wäscht und anzieht.“ 

 

Trotzreaktion setzt Energie frei

Während das Zitat im Umfeld blankes Entsetzen hervorrief, löste es bei Olaf Herrmann eine kräftige Trotzreaktion aus. Diesen Mythos vom aufrechten Gang, dieses „Nur wer steht und marschiert, kann die Welt bewegen“ – dem Patienten war das zuwider. Und ihm fiel Frida Kahlo ein. Die mexikanische Künstlerin verbrachte nach einem Busunfall wesentliche Teile ihres Lebens im Bett mit Schmerzen als ständigem Begleiter. „Das Bett aber begriff sie nicht als Symbol von Krankheit und Stillstand“, erklärt Olaf Herrmann: „Sie machte es mittels eines Spiegels unter der Decke zur Wiege ihrer Kunst und malte sich in unzähligen Selbstporträts zurück ins Leben.“

 

Gelähmt bleiben? Nein!

In der Fantasie sah Olaf Herrmann Frida Kahlo in ihrem Spiegel, als der Arzt sein nicht gerade respektvolles Urteil sprach. Die Künstlerin sah auf den Ausgelieferten herab und sprach: „Gelähmt bleiben? Nein!“ Dieses Nein hat sich bei Olaf Herrmann verankert – ein Nein zur Endgültigkeit, eine Weigerung, sich auf die eigenen Defizite reduzieren zu lassen.

 

Auf das Leben

Olaf Herrmann hat im Liegen neu angefangen, damals nach dem Schlaganfall 2003. Heute ist der 53-jährige sehr gefestigt und wild entschlossen, anderen vom Schicksal Getroffenen Kraft zu geben. Imaginär greift er dabei zu einem Glas, das seit dem Schlaganfall immer halbvoll und nie halbleer ist. Er erhebt es:

Auf das Leben, das bleibt.
Olaf Herrmann


: Motivationspreis 2026

Lesen Sie weitere Geschichten.