Mit den Bedingungen arrangieren
„Weil das Formular nur ein Kreuz zuließ, Jörn aber der Schlaganfall-Betroffene und ich quasi die Ehrenamtliche bin“, sagt Sabine Hohnfeld. Eigentlich eine Marginalie, aber auch bezeichnend für das, was zu den Eigenschaften des Paares gehört: Sie können sich arrangieren mit den Rahmenbedingungen, die das Leben bereithält. Das war vor dem Schlaganfall im Januar 2025 so – und es ist noch einmal intensiver nach dem Schlaganfall so.
Jörn braucht keinen Lift
Sie wirken ein wenig rebellisch und bestätigen das auch: „Ja, wir gehen den anderen Weg.“ Da ist zum Beispiel diese Wohnung im dritten Stock – ohne Aufzug. Man kann sich viele Menschen vorstellen, die alles dafür täten, um nach dem Schicksalsschlag in eine Erdgeschoss-Wohnung zu kommen. Nicht so Sabine und Jörn: „Ich gehe die Treppe wieder allein, auch mehrmals am Tag“, sagt Jörn mit dem Duktus, der ausdrückt:
Denen habe ich es aber gezeigt.
Da, wo andere das Angebot einer elektrischen Treppenhilfe sicher gern in Anspruch genommen hätten, bot das Paar die Stirn: „Damit wird man unselbstständig…“.
Immer motiviert
„Mir geht’s richtig gut, mental gut, ich bin immer noch motiviert“, sagt Jörn Kießig über sich. Und wenn ihn die Lust mal verließe, dann sei das eine kurze Momentaufnahme, aber nichts von Bedeutung. Das Paar lässt keinen Zweifel: Es hat eine unfassbare Power - und Jörn eine beeindruckende Willensstärke: Zum Delfinschwimmen war er in Hurghada/Ägypten und dort für eine Woche auf dem Boot. Sein nächstes Motivationsziel: „Ich will mein Auto wieder fahren können.“ Bis dahin ist es sicher noch ein Weg, aber der Mann wird auch den schaffen.
Intensiver zusammengewachsen
Sie sind durch den Schlaganfall noch intensiver zusammengewachsen. Das erkennt man auch an dem Vorlauf, den sich Jörn Kießig und Sabine Hohnfeld gönnen: Drei Stunden Anlauf brauchen sie, bis alles in Ordnung ist für den Tag – inklusive einer 40-minütigen Danke-Meditation. Erste Termine machen sie dann so gegen Mittag.
Jeder Tag ein guter Tag
Dankbarkeit spielt neben Genügsamkeit eine wesentliche Rolle im Leben von Sabine und Jörn: Jeden Abend schreiben beide auf, wofür sie an diesem Tag dankbar sind. Und jeder Tag sei schließlich ein guter Tag, wenn man sich nur bemühe, das Gute zu finden.
Jörn hat schon viel geschafft
Das Beste haben sie natürlich längst gefunden: Die beiden sich. Und, man muss das einen Augenblick auf sich wirken lassen, auch dem Schlaganfall haben sie etwas Positives abgewinnen können: Jörn ist 18 Kilogramm leichter geworden, was ihm gut gefällt. Und beide finden gut, dass sie nun so viel Zeit zusammen verbringen. Zeit, in der Jörn sich anstrengt, die Dinge selbst zu machen: „Jörn hat ganz viele Fähigkeiten schon jetzt zurückerlangt, weil er mich entlasten will.“ Das spricht Sabine Hohnfeld so aus, wie man es ausspricht, wenn man noch ganz viel miteinander vorhat.