Die Frau, die Zeit hat

Ihr Leben hatte sich Andrea Eißer anders vorgestellt. 2004 warf sie ein schwerer Schlaganfall aus der Bahn. Damals war sie 25. Heute hilft sie anderen Betroffenen zurück ins Leben.

Eine Frau der Tat

„Ich bin niemand, der zuhause hockt“, sagt Andrea Eißer. Die Frau aus Techau in Schleswig-Holstein hat – neben ihrem Dialekt – etwas unverkennbar Norddeutsches: Andrea ist kein Mensch der großen Worte, sondern eher der stillen Taten. „Sie jammert nicht, sie macht einfach“, sagt ihre Mutter über sie. „Als Eltern sind wir sehr stolz auf Andrea, wie sie ihr Leben trotz Handicap im Griff hat.“ Reden kann sie natürlich – überall dort, wo es wichtig ist. Wie schreibt eine Teilnehmerin ihrer Selbsthilfegruppe? „Ich finde Andrea super! Sie setzt sich für einen ein und hilft bei allen Angelegenheiten heiter weiter!“

 

Leben mit einer Lähmung

Das war 2004 noch nicht abzusehen. Der Schlaganfall hinterließ eine Halbseitenlähmung und eine Spastik, die bis heute anhält. Beruflich hatte die gelernte Bürokauffrau Glück im Unglück. Lange noch konnte sie trotz Handicap bei ihrem alten Arbeitgeber arbeiten, der ihr einen behindertengerechten Arbeitsplatz einrichtete. Mittlerweile ist der Standort jedoch geschlossen, Andrea erhält eine Erwerbsminderungsrente.

 

Andrea übernimmt Leitung der Selbsthilfe

Nach ihrem Schlaganfall informierte sie sich bei der Deutschen Schlaganfall-Hilfe und besuchte regelmäßig die Veranstaltungen der Stiftung. Daraus entwickelten sich neue Freundschaften. Sie hörte von einer Selbsthilfegruppe am Universitätsklinikum Lübeck und schloss sich der Gruppe an. 2017 galt es, die Leitung neu zu besetzen. „Da waren alle der Meinung, das kann doch Andrea machen“, erklärt sie schmunzelnd, wie sie nach und nach in ihre neuen Aufgaben hineinwuchs.

 

Ausbildung zur Schlaganfall-Helferin

Rund 50 Mitglieder zählt die Gruppe heute. 20 bis 25 kommen regelmäßig zu den Treffen. Gemeinsam mit ihrer Co-Leiterin schmiedet Andrea immer ein Jahresprogramm mit Vorträgen, zu denen sie Fachleute als Referenten gewinnt. Daneben kommen auch gesellige Aspekte nicht zu kurz. Außerdem absolvierte Andrea beim Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein die Ausbildung zur ehrenamtlichen Schlaganfall-Helferin. Da kam ihr Idee, ihr Wissen und ihre Erfahrung über die Selbsthilfegruppe hinaus auch anderen Schlaganfall-Betroffenen anzubieten.

 

Andrea wird Beraterin

Sie wandte sich an die Sana-Kliniken Lübeck. In der neurologischen Klinik war man gleich angetan von ihrer Idee. Seit Mai 2025 ist Andrea nun dort angestellt. Montags und mittwochs ist sie von 14 bis 16 Uhr auf der neurologischen Station und der Stroke Unit, der Schlaganfall-Station. Mit einem Rucksack voller Infomaterial der Deutschen Schlaganfall-Hilfe steht sie dann am Bett der neu aufgenommenen Patienten. Medizinisch beraten kann sie natürlich nicht, aber dafür vieles aus eigener Erfahrung berichten und laienverständlich erklären. Sie gibt praktische Tipps und vermittelt Ansprechpartner. Und sie spricht mit den Angehörigen. „Die wollen oft wissen, wie es weitergeht.“

 

„Ich bin die, die Zeit hat“

Chefarzt Dr. Jens Schaumberg freut sich sehr über die Unterstützung „Sie bringt eine ganz besondere Perspektive mit: die einer Betroffenen“, so der Neurologe.

Ihre Unterstützung ergänzt unsere medizinisch-therapeutische Versorgung auf ideale Weise – nah am Menschen, direkt im Alltag.
Dr. Jens Schaumberg

Bei ihren Gesprächen merkt Andrea Eißer stets, wie gut ihr Besuch ankommt. Manche Patienten besucht sie auch ein zweites Mal. „Ich bin ja die, die Zeit hat“, sagt sie. Das ist ihr großes Plus gegenüber den Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten. „Ich kann mich einfach hinsetzen und zuhören.“ Und wenn Fragen nach der Entlassung auftauchen, hilft Andrea am Telefon weiter. Denn viele Fragen ergeben sich erst später. 

 

 

 



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