Angehörige fragen in der SPRECHZEIT – Fachleute antworten

Angehörige fragen – Fachleute antworten

In unserer SPRECHZEIT nahmen fünf Fachleute die Anrufe pflegender Angehöriger von Schlaganfall-Betroffenen entgegen. Unterstützt wurde die Aktion durch die Ipsen Pharma GmbH. Hier haben wir Ihnen wichtige Fragen und Antworten zusammengestellt.

  • Mein Vater kommt nach einem schweren Schlaganfall bald aus der Reha zurück. Ich fühle mich für seine Pflege nicht qualifiziert. Wie kann ich mich vorbereiten? 

Christian Voigt: Sprechen Sie noch in der Reha mit der Pflege und dem Sozialdienst. Die können Ihnen zeigen, welche Hilfe Ihr Vater braucht und bei der Suche nach passenden Pflegekursen, Hilfsmitteln oder einem ambulanten Pflegedienst unterstützen. Auch bei der Beantragung eines Pflegegrads unterstützt der Sozialdienst. Nach der Reha bietet die Pflegekasse Beratung an, sie ist bei der Krankenkasse ihres Vaters angesiedelt. Unabhängige Pflegeberatungsstellen oder Pflegestützpunkte finden Sie in der Stadt- oder Gemeindeverwaltung oder bei Trägern wie AWO, Caritas, Diakonie oder dem DRK.

 

  • Ich möchte meine Frau so lange wie möglich zu Hause pflegen, komme aber körperlich an meine Grenzen. Wer kann mich unterstützen? 

Christian Voigt: Liegt ein Pflegegrad vor, kann ein ambulanter Pflegedienst, die stundenweise Nutzung von Tagespflegeangeboten oder eine Kurzzeit- oder Verhinderungspflege Entlastung schaffen. Vor allem sollten Sie auch auf sich selbst achten. Niemandem nützt es, wenn Sie sich selbst bis zur Erschöpfung aufopfern, am wenigsten Ihrer Frau. Lassen Sie sich bei der Pflegekasse beraten, welche Angebote für Sie infrage kommen. Greifen Sie zur eigenen Entlastung zudem auf die Unterstützung von Familienmitgliedern, Freunden oder Nachbarn zurück.

 

  • Gibt es Unterstützung speziell für Angehörige von Schlaganfall-Betroffenen?

Christian Voigt: Ja. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe bietet telefonische Beratung und vermittelt regionale Anlaufstellen. In manchen Regionen gibt es ehrenamtliche Schlaganfall-Helfer, die Angehörige stundenweise entlasten können. Auch Selbsthilfegruppen sind eine wichtige Informationsquelle und können Angehörigen Halt geben. Nutzen Sie die Erfahrungen anderer Angehöriger und Betroffener, um sich Anregungen zu holen.

 

  • Gibt es finanzielle Unterstützung, wenn wir unser Bad barrierefrei umbauen lassen?

Gabriele Reckord: Ja. Wenn ein Pflegegrad vorliegt, kann die Pflegekasse für Maßnahmen, die das Wohnumfeld verbessern, bis zu 4.180 Euro beisteuern. Ganz wichtig: Stellen Sie den Antrag, bevor sie den Umbau beauftragen, sonst ist eine Förderung nicht möglich. Ein formloser Antrag genügt in der Regel. Legen Sie am besten den Kostenvoranschlag des Handwerksbetriebs bei.

 

  • Der beantragte höhere Pflegegrad für meinen Mann wurde vom Medizinischen Dienst abgelehnt. Was müssen wir bei einem Widerspruch beachten?

Gabriele Reckord: Legen Sie den Widerspruch innerhalb eines Monats nach Zugang des Bescheids schriftlich bei der Pflegekasse ein. Sie können zunächst kurz widersprechen und die Begründung nachreichen. Fordern Sie das Gutachten des Medizinischen Dienstes an und benennen Sie konkrete Alltagssituationen: Was kann Ihr Mann nicht mehr selbstständig, wobei braucht er Hilfe und wie häufig?

 

  • Welche Möglichkeiten für die Beantragung einer Kur/Reha stehen mir als pflegende Angehörige zur Verfügung?

Gabriele Reckord: Wenn Ihre Gesundheit darunter leidet, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über eine Vorsorgekur oder medizinische Reha. Je nach Einrichtung kann Ihr Mann mitversorgt werden; alternativ lässt sich seine Pflege für die Zeit Ihrer Abwesenheit organisieren. Fragen Sie Ihre Krankenkasse, Pflegekasse oder Rentenversicherung, wer für den Antrag zuständig ist.

 

  • Mein Lebenspartner ist nach dem Schlaganfall ungeduldig und aufbrausend – das nimmt mich ziemlich mit. Sind solche Veränderungen normal?

Dr. Iris Adelt: Reizbarkeit und ein aufbrausendes Verhalten können nach einem Schlaganfall auftreten, etwa als Folge der Hirnschädigung. Sprechen Sie es gemeinsam beim Neurologen an, eventuell kann ein medikamentöser Therapieansatz helfen. Je nach Ursache können eine neuropsychologische oder psychologische Behandlung und praktische Tipps für den Alltag unterstützen. Auch Angehörige dürfen sich Unterstützung holen, wenn sie durch das Verhalten des Partners belastet sind.

 

  • Die Spastik meiner Frau wird immer schlimmer und führt zu Schmerzen. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Dr. Iris Adelt: Bitte lassen Sie die Beschwerden zeitnah neurologisch oder in einer spezialisierten Spastik-Sprechstunde abklären. Je nach Ausprägung kommen Physio- und Ergotherapie, Hilfsmittel und Medikamente infrage. Sehr gute Ergebnisse erzielen wir heute oft durch eine Behandlung mit Botulinumtoxin. Regelmäßig wiederholt führt sie zu einer großen Entlastung bei vielen Betroffenen.

 

  • Das Umsetzen meines Mannes vom Bett in den Rollstuhl fällt mir zunehmend schwer. Welche Hilfsmittel stehen dafür zu Verfügung?

Carolin Grande: Je nachdem, wie viel ihr Mann mithelfen kann, kommen ein Rutschbrett, eine Aufstehhilfe oder ein Patientenlifter infrage. Ein höhenverstellbares Pflegebett kann den Transfer zusätzlich erleichtern. Lassen Sie sich von Physio- oder Ergotherapie beziehungsweise einer Pflegefachkraft beraten. Das Sanitätshaus findet das passende Gerät für Sie und zeigt Ihnen die Handhabung.

 

  • Mein Mann hat eine starke Halbseitenlähmung. Welche Möglichkeiten gibt es, ihn im Rollstuhl und im Bett gut zu lagern, damit er keine schlimmeren Schmerzen bekommt?

Carolin Grande: Wichtig sind eine gute Abstützung des gelähmten Arms, eine passende Sitzposition im Rollstuhl und regelmäßige Lagewechsel. Die richtige Lagerung ist individuell: Eine Physio- oder Pflegefachkraft kann ihnen geeignete Positionen für Bett und Rollstuhl zeigen. Das Sanitätshaus berät Sie bei Sitzkissen und Lagerungshilfen.

 

  • Mein Mann ist seit seinem Schlaganfall ein ganz anderer Mensch geworden. Wie kann ich das Thema ansprechen, ohne ihn zu verletzen?

Meike Hörnke: Wenn sich das vertraute Miteinander verändert, kann das schmerzhaft und verunsichernd sein – für beide. Suchen Sie einen ruhigen Moment und beschreiben Sie eine konkrete Situation, statt seine Persönlichkeit zu bewerten: „Wir geraten gerade schneller in Streit. Das macht mich traurig, und ich möchte verstehen, wie es dir damit geht.“ Geben Sie auch seiner Sicht Raum. Was Sie als Veränderung erleben, nimmt er möglicherweise anders wahr. Sie müssen nicht alles in einem Gespräch klären. Psychologische Begleitung kann Ihnen beiden helfen, Veränderungen besser zu verstehen und wieder zueinanderzufinden.

 

  • Mein Mann und ich geraten ständig aneinander, seit ich ihn pflege. Er fühlt sich bevormundet, dabei will ich doch nur sein Bestes. Was soll ich tun?

Meike Hörnke: Sie möchten ihm helfen, und er möchte selbst bestimmen. Beides ist verständlich. Fragen Sie deshalb, bevor Sie eingreifen: „Möchtest du es selbst versuchen, oder wünschst du dir Unterstützung?“ Besprechen Sie in einem ruhigen Moment, wobei er Hilfe braucht und wie diese aussehen soll. Auch Ihre Kräfte und Grenzen gehören in dieses Gespräch. Und schaffen Sie bewusst kleine Momente, in denen Sie einfach ein Paar sind. Wenn Sie sich immer wieder im selben Streit verfangen, kann eine gemeinsame Beratung helfen, neue Wege miteinander zu finden.



In der Sprechzeit waren diese Expertinnen und Experten für Sie da:

Christian Voigt
Pflegewissenschaftler
Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Gabriele Reckord
Fachanwältin für Medizinrecht und Familienrecht, Gütersloh

Dr. Iris Adelt
Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Lünen

Meike Hörnke
Psychosoziale Nachsorge
Wendepunkt Schlaganfall, München

Carolin Grande
Gesundheits- und Krankenpflegerin, Teamleitung HomeCare, 
Orthopädie- und Rehatechnik Dresden



Bei der SPRECHZEIT nicht durchgekommen?

Sie konnten Ihre persönliche Frage nicht stellen? In den kommenden Wochen gibt es zwei weitere Möglichkeiten, Antworten auf Ihre Fragen rund um Angehörige und Pflege nach einem Schlaganfall zu erhalten.

: 11. November: Schlaglicht

Beim nächsten Schlaglicht steht das Thema Angehörige und Pflege im Mittelpunkt. Auch hier können Sie Ihre Fragen stellen und erhalten Informationen und Orientierung zu Ihrer persönlichen Situation.

Schlaglicht: Zur Anmeldung


: 25. November: Telefonischer Expertenrat

Beim Telefonischen Expertenrat können Sie sich mit Ihren persönlichen Fragen zu Pflege und zur Situation von Angehörigen direkt an unsere Expertinnen und Experten wenden.

Expertenrat: Einfach anrufen


Haben Sie weitere Fragen zum Schlaganfall?

Unser Service- und Beratungsteam hilft gern weiter.