Lähmungen, Sprachstörungen und ein hängender Mundwinkel sind bekannte Schlaganfall-Warnzeichen. Sie gelten für Männer und Frauen gleichermaßen. Doch Frauen berichten zusätzlich häufiger über weniger typische oder diffuse Beschwerden, etwa Verwirrtheit, Übelkeit oder starke Erschöpfung. Auch Atemnot oder Brustbeschwerden können vorkommen.
Diese Symptome lassen sich teils schwieriger einordnen – von Betroffenen wie auch vom Fachpersonal – und werden deshalb leichter fehlgedeutet.
Der Neurologe ist Klinikdirektor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Schlaganfälle betreffen beide Geschlechter – aber nicht gleich. Frauen erleiden ihren ersten Schlaganfall im Schnitt später als Männer. „Je höher das Alter, desto ungünstiger ist die Ausgangslage“, erklärt Thomalla.
Frauen sind zum Zeitpunkt des Schlaganfalls häufig älter und bringen öfter eine komplexere gesundheitliche Ausgangslage mit. Dazu können Begleiterkrankungen, Gebrechlichkeit oder Einschränkungen vor dem Schlaganfall gehören – und all das kann den Verlauf beeinflussen.
Akutbehandlung: Beim Schlaganfall zählt jede Minute
Hinzu kommt: Frauen holen sich bei akuten Beschwerden nicht immer sofort Hilfe. Sie warten mitunter länger, bevor sie den Notruf wählen. Dabei gilt in der Schlaganfall-Medizin ein einfacher Satz: „Zeit ist Gehirn.“
Möglicherweise spielen dabei auch Rollenbilder eine Rolle: Manche Frauen stellen eigene Beschwerden zurück oder hoffen, dass es von selbst wieder besser wird. Auch das Umfeld kann diffuse Beschwerden unterschätzen.
Das Ergebnis: Sie treffen in einigen Studien später in der Klinik ein. „Jede verlorene Minute verkleinert das Zeitfenster für wirksame Therapien und die Chancen, bleibende Schäden zu verhindern“, betont Thomalla.
Die gute Nachricht: Thrombolyse und Thrombektomie, die Standardtherapien bei einem akuten ischämischen Schlaganfall, wirken bei beiden Geschlechtern grundsätzlich gut – vorausgesetzt, sie kommen rechtzeitig zum Einsatz.
Das Problem liegt häufig nicht erst in der Klinik, sondern schon auf dem Weg dorthin.
Nachsorge: Warum Frauen oft stärker belastet sind
Die größten Unterschiede zeigen sich in der Nachsorge. „Bei Frauen verläuft der Genesungsprozess nach einem Schlaganfall häufig anders als bei Männern. Das liegt zum einen am höheren Alter, zum anderen an Begleiterscheinungen wie Depression oder sozialer Isolation“, erklärt Thomalla. Das Risiko, ein Jahr nach dem Schlaganfall in einer Pflegeeinrichtung zu leben, ist für Frauen etwa sechsmal höher als für Männer.
Ein entscheidender Grund ist das soziale Umfeld. Männer werden nach einem Schlaganfall häufig von ihren Partnerinnen zu Hause gepflegt. Bei Frauen fehlt diese häusliche Unterstützung oft. Hinzu kommt: Betroffene Frauen verzichten manchmal auf Rehabilitation, weil sie Betreuungsaufgaben für andere übernehmen.
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