Prof. Dr. Silke Walter ist Neurologin an der Universität des Saarlandes. Sie hat sich speziell mit dem Schlaganfall bei Frauen beschäftigt. Mario Leisle sprach mit ihr über Gender Medicine, typische Denkfehler und darüber, was Frauen für ihre Gesundheit tun können.
Warum Schlaganfälle bei Frauen manchmal übersehen werden
- Frau Prof. Walter, woher kommt Ihr Interesse an weiblichen Schlaganfällen?
Direkt aus der Praxis. Während meiner Arbeit auf einer mobilen Stroke Unit habe ich immer wieder erlebt, dass mir von anderen Rettungswagen-Crews Frauen zugewiesen wurden, deren Symptome eines Schlaganfalls unterschätzt wurden. Sie wurden mit eher unspezifischen Beschwerden vorgestellt, häufig mit dem Etikett „Stress“ oder „allgemeines Unwohlsein“. Am Ende stellte sich dann ein Schlaganfall heraus. Da habe ich mich gefragt: Werden Frauen anders wahrgenommen? Oder präsentieren sie sich anders?
- Und? Kennen Sie heute die Antwort?
(Lacht) Es ist beides. In Deutschland ist die Akuttherapie insgesamt sehr gut. Aber in der Phase davor, also beim Erkennen und bei der Einordnung der Symptome, gibt es offenbar noch Lücken. Da müssen wir genauer hinschauen.
Welche Symptome Frauen ernst nehmen sollten
- Empfinden Frauen andere Symptome?
Der FAST-Test funktioniert bei Frauen genauso gut wie bei Männern. Das Problem ist eher: Es gibt neben den klassischen Symptomen auch weniger typische Zeichen eines Schlaganfalls, etwa Verwirrtheit, Gedächtnisstörungen oder starke Kopfschmerzen. Wir müssen in der Ausbildung stärker betonen, dass Schlaganfälle nicht immer nur nach dem klassischen FAST-Schema auftreten. Es könnte sein, dass wir bestimmte Schilderungen unterschiedlich bewerten, je nachdem, ob sie von einer Frau oder einem Mann kommen.
Welche Risikofaktoren für Frauen besonders wichtig sind
- Tatsächlich sind Frauen sogar häufiger von Schlaganfällen betroffen…
Weltweit ja. Rund 57 Prozent aller Schlaganfälle betreffen Frauen. Ein Teil davon lässt sich dadurch erklären, dass Frauen älter werden. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Wir sehen auch, dass Frauen auf klassische Risikofaktoren anders reagieren.
- Was bedeutet das konkret?
Ein Bluthochdruck wird für Frauen womöglich schon bei niedrigeren Werten relevant problematisch und erhöht deutlicher das Schlaganfall-Risiko. Auch Diabetes erhöht bei Frauen das Schlaganfall-Risiko stärker als bei Männern. Beim Vorhofflimmern ist es ähnlich: Vor allem im höheren Alter spielt diese Herzrhythmusstörung bei Frauen eine wichtige Rolle und sie führt oft zu besonders schweren Schlaganfällen. Warum das so ist, ist noch nicht vollständig geklärt. Genau das macht das Thema Gender Medicine so wichtig. Über viele Jahrzehnte wurden Männer und Frauen in der Medizin im Grunde nach denselben Maßstäben betrachtet. Heute wissen wir, dass das nicht immer so gut ist.
Warum Schwangerschaft und Migräne eine Rolle spielen
- Welche Risiken jüngere Frauen kennen sollten
Die Schwangerschaft ist eine besondere Phase. Durch die hormonellen Veränderungen verändert sich auch das Blutgerinnungssystem. Das ist einerseits biologisch sinnvoll, erhöht aber zugleich das Risiko für Thrombosen und in der Folge für Schlaganfälle. Besonders wichtig sind schwangerschaftsbezogene Risikofaktoren wie Bluthochdruck in der Schwangerschaft oder Präeklampsie. Dazu kommt: Auch junge Frauen bringen heute häufiger zusätzliche Risikofaktoren mit, etwa Übergewicht und Adipositas. Das heißt, wir sehen nicht mehr nur das klassische Bild der jungen, ansonsten völlig gesunden Schwangeren, sondern oft eine Mischung aus hormoneller Umstellung und weiteren Belastungsfaktoren. Das macht die Prävention gerade bei jüngeren Frauen wichtiger.
- Migräne mit Aura: Wann Frauen aufmerksam werden sollten
Genau. Migräne mit Aura tritt bei Frauen häufiger auf und kann Symptome verursachen, die einem Schlaganfall sehr ähnlich sehen. Das macht die Unterscheidung schwierig. Mein wichtigster Rat an betroffene Frauen: Wenn sich die Migräne anders anfühlt als gewöhnlich, dann sagen Sie das ausdrücklich. Der Satz “So kenne ich das nicht” ist für medizinisches Personal ein ganz wichtiger Hinweis. Im Zweifel muss immer ein Schlaganfall ausgeschlossen werden, denn beim Schlaganfall zählt jede Minute.
Warum Frauen oft schwerere Verläufe haben
- Warum haben Frauen oft schwerere Verläufe?
Viele Frauen kommen später in die Klinik, weil sie Symptome eher abwarten oder herunterspielen. Sie werden statistisch in Studien auch seltener auf einer spezialisierten Stroke Unit behandelt. Und ein weiterer Grund ist sicher, dass Vorhofflimmern bei älteren Frauen häufiger eine Rolle spielt und große, schwere Schlaganfälle auslösen kann.
Welche Rolle soziale Faktoren spielen
- Spielen auch soziale Faktoren eine Rolle?
Ja, eine sehr große. Ein niedriger sozialer Status ist mit einem deutlich höheren Schlaganfall-Risiko verbunden. Die Menschen sind schlechter informiert und leben ungesünder. Frauen sind davon in manchen Lebenslagen besonders betroffen, etwa wenn sie alleinerziehend sind und auch sonst stark belastet. Dann bleibt die eigene Gesundheit schnell auf der Strecke. Genau deshalb ist Aufklärung so wichtig – und zwar so, dass sie Menschen wirklich erreicht.
Was Frauen konkret tun können
- Welche konkreten Ratschläge können Sie Frauen geben?
Erstens: Risikofaktoren früh ernst nehmen. Die Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes, Vorhofflimmern oder erhöhten Blutfetten sollte man nicht auf später verschieben.
Zweitens: die eigene Gesundheit nicht hintenanstellen. Viele Frauen kümmern sich zuerst um alle anderen und erst zuletzt um sich selbst.
Drittens: Symptome ernst nehmen. Nicht hoffen, dass es schon wieder weggeht. Und viertens: im Verdachtsfall sofort 112 anrufen. Nicht auf den nächsten Arzttermin warten, nicht erst Angehörige nach Hause kommen lassen. Beim Schlaganfall entscheidet das Tempo mit über das Ergebnis.
Wichtig ist auch: Beim Notruf klar sagen: “Verdacht auf Schlaganfall.” Außerdem sollte möglichst genau genannt werden, seit wann die Beschwerden bestehen oder wann die Person zuletzt ohne Symptome war.
- Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern?
Wir brauchen mehr Bewusstsein dafür, dass Frauen und Männer medizinisch nicht einfach gleich sind. Wir müssen in der Ausbildung von Ärztinnen, Ärzten und Rettungsteams stärker für weniger typische Schlaganfall-Symptome sensibilisieren. Und wir brauchen mehr Forschung, in der Frauen ausreichend vertreten sind. Denn nur dann verstehen wir besser, warum Risiken, Symptome und Verläufe sich unterscheiden.
Ihr Fazit?
Frauen werden beim Schlaganfall noch zu oft übersehen oder zu spät ernst genommen. Gleichzeitig haben sie bei einigen Risikofaktoren ein höheres Risiko und oft schwerere Verläufe. Die wichtigste Botschaft lautet deshalb: Risiken konsequent behandeln, Warnzeichen ernst nehmen und im Notfall sofort handeln.
Bei Verdacht auf Schlaganfall gilt: nicht abwarten, sondern sofort 112 wählen.
Vielen Dank für das Gespräch.
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Dieser Artikel gehört zu unserem Gesundheitsmagazin-Schwerpunkt „Frauen und Schlaganfall“. Auf der Übersichtsseite finden Sie alle Beiträge zu Symptomen, Risikofaktoren, Vorbeugung, Behandlung und persönlichen Erfahrungen.