Sprecher und Fürsprecher auf dem DSG-Kongress 2026

2. Deutscher Schlaganfall-Kongress

Wie lässt sich die Schlaganfall-Versorgung noch schneller und besser machen – und welche Rolle spielen Patienten in Forschung und Leitlinien? Beim 2. Deutschen Schlaganfall-Kongress in Berlin diskutierten Fachleute aktuelle Entwicklungen. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe war dabei.

Akutversorgung: schneller zur richtigen Behandlung

Geht es noch schneller?

Mit mehr als 350 zertifizierten Stroke Units (Schlaganfall-Stationen) ist die akute Versorgung in Deutschland inzwischen hervorragend. Doch noch immer gelingt es bei zu wenigen Patienten, sie innerhalb der „Golden Hour“ – der ersten Stunde nach Symptombeginn – zu behandeln. Lassen sich die Abläufe vor der Klinik noch weiter verbessern, noch mehr Zeit einsparen? 

 

Stroke Units: Stadt und Land unterschiedlich versorgt

Dr. Marius Vach (Düsseldorf) stellte die Landkarte der akuten Schlaganfall-Versorgung in Deutschland vor. Hier gibt es große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Im Nordosten Deutschlands, in der Pfalz oder im Schwarzwald sind die Wege in die nächste Stroke Unit oft noch weit. Und selbst im dichtbesiedelten Nordrhein-Westfalen gibt es Regionen wie den Hochsauerlandkreis, in denen der Rettungsdienst lange unterwegs ist.

 

Neue Versorgungskonzepte könnten Wege verkürzen

Grundsätzlich gilt: Patienten mit Schlaganfall-Verdacht sollten in die nächstgelegene Stroke Unit gebracht werden. Unter Schlaganfall-Medizinern gibt es aber Überlegungen, ob man an der starren Vorgabe festhalten sollte. 85 Prozent der Menschen in Deutschland erreichen eine Stroke Unit innerhalb von 30 Minuten. Ein Krankenhaus mit einem Computertomographen erreichen dagegen 99 Prozent. Bei den 14 Prozent, die hier den Unterschied machen, könnte die Radiologie im nächsten Krankenhaus schnell ein Bild des Gehirns machen. Notfallmediziner oder Internisten würden dann in einer Videokonferenz mit Neurologen die weitere Therapie besprechen. Viele der Betroffenen könnten von einer flexiblen Regelung profitieren.

 

KI könnte den Rettungsdienst unterstützen

Die Entscheidung über den Transport muss der Rettungsdienst vor Ort treffen. Digitale Vernetzung und Künstliche Intelligenz könnten ihm künftig dabei helfen. Simon Winzer (Dresden) berichtete über das ARAS-Projekt. Hier wird ein System erprobt, das den Rettungsdienst unterstützt, die für den jeweiligen Patienten beste Entscheidung zu treffen. In fernerer Zukunft könnten dabei auch sogenannte Biomarker eine wichtige Rolle spielen. Dr. Kilian Röhrs (Berlin) stellte interessante Ergebnisse einer Studie vor. Bereits wenige Minuten nach Symptombeginn zeigen sich im Blut von Schlaganfall-Betroffenen Unterschiede bei den Proteinwerten, je nachdem, ob sie eine Hirnblutung oder einen Gefäßverschluss erlitten haben. Sollten hier eines Tages verlässliche Tests entwickelt werden, könnte das die Therapie noch einmal deutlich beschleunigen. 

 

Tenecteplase gewinnt bei der Thrombolyse an Bedeutung

Die wichtigste Therapie bei einem Gefäßverschluss ist und bleibt die Thrombolyse, die Auflösung des Verschlusses mit einem Medikament. Zugelassen dafür sind dafür seit zwei Jahren zwei Substanzen: die Alteplase und die Tenecteplase. In vielen Studien wird der Tenecteplase inzwischen ein leichter Vorteil eingeräumt. Das einfache Handling scheint zu einer geringfügigen Verkürzung der Zeiten zu führen. Zunehmend mehr Kliniken wechseln zu dem neuen Präparat.

 

Schluckstörungen stärker beachten

Schluckstörungen werden nicht immer gut behandelt

Schluckstörungen sind eine häufige Komplikation nach Schlaganfall, werden jedoch noch immer nicht ausreichend beachtet und behandelt. Mehr als 50 Prozent der Schlaganfall-Patienten sind in der akuten Phase davon betroffen, 30 Prozent behalten eine schwere Dysphagie, berichtete Prof. Dr. Rainer Dziewas (Osnabrück). Schluckstörungen fallen unterschiedlich aus, je nach Schwere und Ort des Schlaganfalls. Und die Frage, ob das Schlucken wieder neu erlernt werden kann, ist abhängig davon, ob das Gehirn diese Fähigkeit in einem gesunden Areal neu erlernen kann.

 

Patienten stärker in Forschung und Leitlinien einbeziehen

Patientenperspektive gewinnt an Bedeutung

Patienten spielen in Studien und wissenschaftlichen Behandlungsleitlinien eine zentrale Rolle, doch dass man sie in die Planung mit einbezieht, ist ein recht neuer Gedanke. Zumindest in Deutschland, machte Dr. Markus Wagner von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe deutlich. In England setze man bereits seit 20 Jahren auf Patientenbeteiligung. Christina Franzisket (ebenfalls Schlaganfall-Hilfe) berichtete von einer Befragung unter Forschenden in Deutschland. Immerhin 58 Prozent von ihnen haben mittlerweile erste Erfahrungen mit der Einbindung von Patienten gesammelt. Die Stiftung als Fürsprecherin der Patienten wird dafür immer häufiger angefragt. In 15 Forschungsprojekten und Leitlinienkommissionen ist sie derzeit eingebunden, fast 50 weitere Projekte sind in Vorbereitung.

 

Patientenbeteiligung braucht Zeit und Ressourcen

Dr. Christian Dohle und Heike Unger (Berlin) berichteten über die Patienten-Einbindung in die Leitlinien-Entwicklung. Man brauche Ressourcen dafür, keine Frage. Dafür erhalte man jedoch eine weitere, wichtige Perspektive. Patienten brächten eine andere Sicht in die Forschung, sagt auch Dr. Thorsten Rakoll (Berlin). Außerdem verbreiteten sie die Erkenntnisse in ihren Netzwerken, was zu weiteren Rückmeldungen führe. „Wir brauchen diese patientenorientierte Sicht“, meint auch Prof. Dr. Michael Ertl (Günzburg).

 

Auch bei Einschränkungen ist Beteiligung möglich

Gemeinsam mit Rebecca Pries (Schlaganfall-Hilfe) warf er einen Blick auf Theorie und Praxis der Einbindung. Nach wie vor gebe es dabei Hürden, etwa wenn Menschen in der Sprache oder kognitiv eingeschränkt sind. Doch international gibt es mittlerweile Modelle, wie man diese Personengruppen einbinden kann. Theoretisch steht der weiteren Einbindung von Patienten also wenig im Wege. Dr. Michael Brinkmeier und Prof. Dr. Darius Nabavi (beide Schlaganfall-Hilfe) erwarten eine deutliche Zunahme.

 

v.l.: Dr. Thorsten Rakoll, Christina Franzisket, Ulrich Joerg, Rebecca Pries, Heike Unger, Dr. Christian Dohle, Prof. Dr. Michael Ertl, Dr. Markus Wagner, Dr. Michael Brinkmeier und Prof. Dr. Darius Nabavi