Neuropsychologische Folgen nach Schlaganfall: „Offene Kommunikation, viele Pausen“

Nach einem Schlaganfall bleiben oft unsichtbare Folgen zurück. Dr. Caroline Kuhn erklärt im Interview, welche neuropsychologischen Störungen häufig auftreten, warum Erschöpfung und Aufmerksamkeitsprobleme viele Betroffene belasten und weshalb in der Rehabilitation oft gilt: weniger ist mehr.

Dr. Caroline Kuhn leitet die Neuropsychologische Universitätsambulanz der Universität des Saarlandes. Mario Leisle sprach mit ihr über Strategien, die Betroffenen und Angehörigen helfen können.



Welche neuropsychologischen Störungen nach einem Schlaganfall häufig sind

  • Frau Dr. Kuhn, welche neuropsychologischen Störungen treten nach einem Schlaganfall am häufigsten auf?
     Das sind primär Aufmerksamkeitsdefizite und Erschöpfungszustände. Das heißt: Menschen können einem Gespräch vielleicht nur 5 Minuten folgen und fühlen sich schnell erschöpft. Nach unseren Erfahrungen betrifft das bis zu 90 Prozent der Patientinnen und Patienten. Oft ziehen Aufmerksamkeitsstörungen Gedächtnisprobleme nach sich, was emotional sehr belasten kann. Viele Betroffene zeigen außerdem neuroaffektive, das heißt psychische Veränderungen: Reizbarkeit, Ungeduld oder Rückzug/Depression.

    Wichtig: Das ist nicht einfach eine Frage von mangelnder Selbstdisziplin, sondern hat reale neurobiologische Ursachen. Das Gehirn muss trotz der Verletzungen ständig Hochleistungen vollbringen. Das geht buchstäblich an unsere Substanz!

 

 

Wie sich Beschwerden entwickeln können

  • Gibt es eine Prognose — was bessert sich, was bleibt?
     

    Das erste halbe Jahr ist eine spannende Phase, da laufen im Gehirn unglaublich viele Anpassungsprozesse ab, und man beobachtet oft große Entwicklungssprünge. Aber auch später, vor allem in den ersten 18 Monaten, werden viele Funktionen nach und nach wiederhergestellt oder verbessert, nur in einem deutlich langsameren Tempo. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen! Zum Beispiel können sich Aufmerksamkeitsspannen Schritt für Schritt verlängern, aus den anfänglichen 5 Minuten werden 20 Minuten. Das hängt von Umfang und Lage der Schädigung ab — bei großen Infarkten kann vieles länger dauern oder leider auch chronisch bleiben. Entscheidend für die Erholung und den Reha-Erfolg sind daher ein gutes Pausenmanagement und Anpassungsstrategien. Wächst unsere Belastbarkeit, verbessern sich auch andere Funktionen wie Wahrnehmung, Gedächtnis, aber auch die Motorik!

     

Warum Pausen in der Rehabilitation so wichtig sind

  • Heißt das, unser Gehirn braucht nicht nur Training, sondern auch Pausen?
     

    Ganz genau. Da unterscheidet sich das Gehirn gar nicht so sehr von einem Muskel. Der benötigt viel Training für den Aufbau, aber auch ausreichend Erholung für den Muskelzuwachs. Für die Regeneration neuropsychologischer Störungen gilt: Konsequentes, aber wohldosiertes Üben ist wichtig. Weniger ist in diesem Zusammenhang tatsächlich oft mehr!

     

  • Sie sprachen die affektiven Störungen an. Können solche Verhaltensveränderungen den Reha-Erfolg blockieren?
     

    Absolut — Emotionen und kognitive Leistung hängen eng zusammen. Ein Beispiel: Depression oder Streit in der Partnerschaft beeinflussen nachweislich unsere kognitive Leistungsfähigkeit. Wenn Stimmung und Alltag stabiler werden, verbessern sich oft auch die Funktionen. Therapie sollte deshalb sowohl Kognition als auch Emotion, also Kopf und Herz gleichzeitig adressieren. Lange Zeit hat man das nicht getan, heute wissen wir, dass sich beides gegenseitig stark beeinflusst.

     

Was Betroffene konkret tun können

  • Was können Betroffene konkret tun, um Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit wieder zu steigern?

    Sie sollten mit Systematik vorgehen: kurze Arbeitsblöcke von 20 oder 30 Minuten Aktivität, und dann kurze Ruhepausen. Danach kann es weitergehen. Wieder für circa 20 Minuten, dann wieder kurze Pause und so weiter. Wichtig ist: Ablenkungen minimieren, zum Beispiel einen ruhigen Raum wählen, das Telefon ausschalten. Eine feste Tagesstruktur mit Ritualen hilft dem Gehirn, energiesparend zu arbeiten. Checklisten, Kalender oder die Erinnerungsfunktion des Handys können externe Hilfen sein.

     

  • Wie sieht es mit Apps aus?

    Aufmerksamkeits-und Hirnleistungstraining können nie schaden. Effektiv helfen sie aber nur, wenn es sich um störungsspezifische Programme handelt, beispielsweise bei Aphasikern zur Unterstützung der Sprachtherapie, oder bei Planungsstörungen.

     

Was sollten Angehörige beachten?

  • Was sollten Angehörige beachten?

    Kommunikation ist zentral – offen, aber ohne Vorwurf. Dabei sollte man sich an ein paar wichtige Regeln halten. Man sollte Betroffene nicht therapieren wollen: Ermahnungen erzeugen Gefühle von Rollenungleichgewicht und kränken, obwohl man es gut gemeint hat. Und es braucht viel Geduld. Einsicht wächst oft langsam. Viele Betroffene erkennen, dass etwas anders ist, können es aber selbst noch nicht klar benennen. Deshalb sollte man Beobachtungen konkret schildern: „Mir fällt auf, dass du nach 15 Minuten müde wirst“ statt „Reiß dich zusammen!“ Wie gesagt: Emotionale Spannungen und Konflikte wirken sich ungünstig auf die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit aus.


     

Warum neuropsychologische Hilfe früh wichtig ist

  • Sollte neuropsychologische Hilfe schon früh ansetzen?

    Unbedingt. Das Problem ist, dass diese Störungen häufig erst bei der Rückkehr in den Alltag deutlich werden, vor allem wenn keine motorischen oder sprachlichen Ausfälle im Vordergrund stehen! Die ambulante Versorgung mit neuropsychologischer Therapie ist weiterhin nicht gut, es gibt schlicht zu wenig Therapeutinnen und Therapeuten. Aber neuropsychologische Diagnostik ist entscheidend für eine präzise Therapieplanung. 

     

    Ergotherapie mit einem neurologischen Schwerpunkt ist eine wertvolle Ergänzung, durch ihre alltagsnahen Übungen insbesondere für Menschen mit Planungsstörungen. Wer keine neuropsychologische Praxis findet oder lange Wartezeiten hinnehmen muss, sollte sich zur Überbrückung eine qualifizierte Ergotherapie suchen. 

     

    Genauso wie Menschen mit Sprachstörungen natürlich Logopädie erhalten müssen.

     

Was Betroffenen Mut machen kann

  • Was kann aus Ihrer Sicht Betroffenen Mut machen?

Auch wenn es sich zu Beginn noch ganz anders anfühlt: Vieles verbessert sich über die ersten 3 bis 5 Jahre nach dem Schlaganfall, ohne dass Betroffene die Fortschritte sofort bemerken. Wenn man konsequentes Pausenmanagement, zielgerichtete Therapien und die familiäre Kommunikation ernst nimmt, kann man die Rehabilitation wie einen Marathon bewältigen: erst feste und große Schritte, dann folgen kleine, leise Fortschritte. 

 

Aber mit jedem noch so kleinen Schritt geht es immer weiter voran! Neuroplastizität begleitet uns ein Leben lang – das ist doch eine gute Botschaft!