Erst TIA, dann schwerer Schlaganfall
Frank Tiemann ist 43 Jahre alt, als ihn eine TIA trifft. Solche transitorisch-ischämischen Attacken sind häufig, besonders unter Stress.
Doch am nächsten Tag folgt ein schwerer Schlaganfall. Frank Tiemanns Erinnerung setzt erst Tage später wieder ein. Fünf Wochen verbringt er auf der Stroke Unit, der Schlaganfall-Station, in seiner Heimatstadt Minden. Seine linke Körperseite ist vollständig gelähmt. Und noch mehr: Er verliert seine Sprache.
Die Prognose: ein Pflegefall
Als seine jüngste Tochter, damals acht Jahre alt, ihn besucht, wird ihm das ganze Ausmaß bewusst. Ein Kinderbuch vorlesen? Unmöglich.
Auch seine Frau Irene schaudert es, wenn sie sich an jene Zeit erinnert. „Schlimm waren die Prognosen der Ärzte“, erzählt sie. „Sie sagten, Frank werde ein Pflegefall bleiben. Und was nach einem Jahr nicht zurück sei, das komme nicht wieder.“
Ein Satz, der sich einprägt. Bis heute verfolgt er Irene Tiemann.
Aphasie: Wort für Wort zurück ins Leben
Heute, 17 Jahre später, sitzt Frank Tiemann da, spricht, lacht – und kämpft doch noch immer um Worte. Sein Weg zurück war lang, mühsam und alles andere als gradlinig.
Ich musste Wort für Wort wieder sprechen und lesen lernen.
Bis heute ist er nicht am Ziel. Noch immer erhält er zweimal pro Woche Sprachtherapie. „Meine Logopädin meint, ich bin bei etwa 80 Prozent.“
Intensivtherapie hilft ihm bis heute
Ein Satz, der Mut macht. Denn er zeigt: Entwicklung endet nicht nach einem Jahr. Im Gegenteil. Frank Tiemann trainiert bis heute.
Einmal im Jahr fährt er für vier Wochen zur Intensivtherapie nach Vechta. „Wenn er zurückkommt, merkt man das sofort“, erzählt Irene. „Gerade Außenstehende sehen dann die Fortschritte.
So viel zu der Prognose von damals („Das kommt nicht wieder.“).
Abschied vom Beruf
Vor dem Schlaganfall war Frank Tiemann beruflich erfolgreich. Doch sein Arbeitsalltag bestand vor allem aus Kommunikation. Da gleicht eine globale Aphasie einem Drama.
Wenige Monate nach der Reha bietet ihm seine Firma einen Auflösungsvertrag an. „Das war wirklich hart“, sagt er leise. Der Schmerz darüber ist auch nach 17 Jahren noch spürbar.
Der Führerschein bringt ein Stück Freiheit zurück
Seitdem arbeitet Frank Tiemann nicht mehr in seinem Beruf, sondern vor allem an seiner Rehabilitation.
Ein Jahr nach dem Schlaganfall erhält er seine Fahrerlaubnis zurück – ein großer Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Und auch eine Entlastung für seine Frau. „Ich musste ihn vorher sechsmal die Woche zur Therapie fahren“, erzählt Irene.
Für kurze Wege kann er heute sogar auf seinen Rollstuhl verzichten.
Eine Hochzeitsrede mit Applaus
Einen besonderen Meilenstein erreicht Frank bei der Hochzeit seiner mittleren Tochter.
Ein halbes Jahr lang schreibt und übt er an seiner Rede. Wort für Wort. Satz für Satz. Als er schließlich vor den Gästen steht, gelingt ihm das, was lange unmöglich schien: Er hält seine Rede. Und er bekommt dafür viel Applaus.
Glücklich leben trotz Aphasie
34 Jahre sind Frank und Irene Tiemann inzwischen verheiratet. 17 Jahre vor dem Schlaganfall. 17 Jahre danach. Ihr Leben wurde auf den Kopf gestellt. Es gab Wut, Zweifel und die Frage: „Warum wir?“ Und doch sagen sie heute: „Wir führen ein glückliches Leben.“
Frank Tiemann weiß, dass er diesen Weg nicht allein gegangen ist.
Ohne die Hilfe meiner Frau und meiner Familie hätte ich das nicht geschafft.
Fortschritte sind immer möglich
Heute geben Frank und Irene Tiemann ihre Erfahrungen weiter. Sie haben eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Aphasie gegründet – und später auch eine Gruppe für Angehörige. Aus ihrem eigenen Weg ist eine neue Aufgabe entstanden: anderen Betroffenen Mut machen.
Frank Tiemanns Geschichte zeigt: Fortschritte sind möglich. Auch viele Jahre nach einem Schlaganfall. Sie brauchen Zeit. Geduld. Kraft. Und Menschen, die an einen glauben und unterstützen.
-
Verstehen & VermeidenBasisinformationen zum Thema Schlaganfall
-
Medien- und WarenkorbInformationsmaterial als Download und zum Bestellen.
-
Wissen hilft weiterUnterstützen Sie unsere Arbeit durch Ihre Spende.