Expertinnen-Rat zu unsichtbaren Folgen

Expertinnen-Rat zu unsichtbaren Folgen

Vier Expertinnen berieten Betroffene zu neuropsychologischen Störungen. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten für Sie.

  • Was kann ich selbst tun, um meine Konzentrationsfähigkeit wieder zu verbessern? 
     

Birgit Straßek: Idealerweise sollten Sie Übungen von ihrer Therapiepraxis erhalten und diese regelmäßig zu Hause ausführen. 

 

Wichtig ist dabei, dass Sie systematisch vorgehen. Trainieren sie nicht länger als 20 bis 30 Minuten, legen Sie dann eine Pause ein. Eine feste Tagesstruktur hilft beim Training, genauso wie ein ruhiger Raum ohne Ablenkungen. Es gibt auch wirksame Apps – die sollten aber spezifisch auf Ihre Störung ausgelegt sein. Da empfehle ich therapeutische Beratung bei der Auswahl.

 

 

 

  • Körperlich geht es mir wieder ganz gut, ich bin nur im Alltag oft überfordert. Kann mir Ergotherapie da weiterhelfen?
     

Jasmin Wolf: Konkret bräuchte es zunächst eine Anamnese, wo genau Ihre Defizite liegen. Grundsätzlich würde ich aber sagen:  Ja, Ergotherapie kann Ihnen bestimmt helfen, weil die Alltagsorientierung ein Grundprinzip ergotherapeutischer Arbeit ist. Sie trainiert echte Lebenssituationen und versucht dabei, Funktionen wiederherzustellen oder Kompensationsstrategien zu entwickeln. Ergotherapeuten kennen sich auch sehr gut mit Hilfsmitteln aus. Ich würde Ihnen empfehlen, sich in einer Praxis vorzustellen.

 

 

 

  • Mein Mann hat sich nach dem Schlaganfall stark verändert. Er ist oft müde, dann wieder gereizt. Wie kann ich ihm helfen?
     

Sabine Böhm: Sie sollten sein Verhalten zunächst einmal nicht persönlich nehmen

 

Solche Veränderungen sind oft organisch bedingt. Sie brauchen jetzt vor allem Geduld, denn es dauert oft lange, bis die Betroffenen selbst ihre Veränderung erkennen. Sprechen Sie offen mit ihrem Mann darüber, aber ohne Vorwurf. Häufig ist gereiztes Verhalten auf eine Überforderung zurückzuführen.  Es ist deshalb wichtig, auf Belastungsgrenzen zu achten, Belastungen zu reduzieren und Pausen zu setzen.

 

 

 

  • Meinem Mann macht seine Aphasie schwer zu schaffen und es geht nur langsam voran. Kann man die Therapie intensivieren?
     

Dr. Theresa Schölderle: In der ambulanten Therapie bewilligen die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht mehr als zwei Einheiten in der Woche. Es gibt einige wenige Zentren in Deutschland, die eine Intensivtherapie über drei Wochen anbieten. Je nach Voraussetzung der Patienten kann das sogar über reguläre Verordnungen abgerechnet werden. Wichtig ist aber über die Therapie-Einheiten hinaus das Eigentraining, zum Beispiel digital mit einer Aphasie-App.

 

 

 

  • Kurz nach meinem Schlaganfall habe ich meine Arbeit wieder aufgenommen. Jetzt merke ich, dass ich mich schlecht konzentrieren kann und oft überfordert fühle. Was kann ich tun?
     

Birgit Straßek: Es kommt häufig vor, dass Betroffene ohne körperliche Behinderungen schnell in den Job zurückkehren und erst dort merken, dass der Schlaganfall doch Folgen hinterlassen hat. Suchen Sie sich Rat in einer neurologischen Facharztpraxis. Vielleicht hilft Ihnen spezifische ambulante Therapie, vielleicht macht aber auch eine stationäre neurologische Rehabilitation Sinn, möglicherweise eine speziell medizinisch-beruflich orientierte Reha. Das wäre kein Rückschritt, sondern im Gegenteil eine neue Chance.

 

 

 

  • Ich habe Probleme in der räumlichen Wahrnehmung, Dinge auf meiner linken Seite übersehe ich oft. Gibt es spezielle Trainings, die das verbessern können?
     

Jasmin Wolf: Ja, die gibt es. Ein Neglect lässt sich durch viele alltagspraktische Übungen verbessern, sollte aber immer wieder mit einem Therapeuten rehabilitiert werden. Das Gehirn möchte sich nicht selbstständig auf die Einschränkungen der linken Seite konzentrieren. 

 

Deshalb ist es beim Neglect besonders wichtig, therapeutische Führung und Angehörigenberatung durch einen Therapeuten zu erhalten.

 

 

 

  • Ich habe durch die Logopädie schon viel erreicht. Schwer fällt es mir, an Gesprächen teilzunehmen, bei denen mehrere Personen durcheinanderreden.
     

Dr. Theresa Schölderle: Das ist ganz natürlich und kann schon für gesunde Menschen eine Herausforderung sein. Hier sollten Sie sich trauen, das Gespräch aktiv zu strukturieren. Bitten Sie die Teilnehmenden, nicht durcheinander, langsam und deutlich zu sprechen. Das ist völlig legitim. Oft sind Menschen dankbar für solche Anregungen, weil sie ihnen Verhaltenssicherheit geben und sie selbst auch davon profitieren.

 

 

 

  • In der Rehaklinik hat man mir ambulante Neuropsychologie empfohlen. Das Problem ist: Es gibt nur wenige Therapeuten vor Ort, und die sind alle ausgebucht.
     

Sabine Böhm: Das ist leider in vielen Regionen ein Problem. Lassen Sie sich auf die Wartelisten setzen und lassen Sie sich von langen Wartezeiten nicht abschrecken. Wenn Sie mobil sind, erweitern sie den Suchradius so groß wie möglich. Eventuell können Sie sich an die Rehaklinik wenden, um Empfehlungen für spezifische Trainingsprogramme als Überbrückung zu erhalten.

 

 

 

  • Wie funktioniert die Sprachtherapie mit einer Logopädie-App – und muss ich das selbst zahlen?
     

Dr. Theresa Schölderle: Seit 2020 gibt es in Deutschland DiGAs. Diese Digitalen Gesundheitsanwendungen erhalten Patienten wie ein Medikament auf Rezept

 

Voraussetzung ist die Zulassung der App als DiGA. Im Bereich der Sprachtherapie verfügt die neolexon Aphasie App über eine solche Zulassung, Patienten können sie also kostenlos nutzen. In ganz Deutschland gibt es mittlerweile Therapiepraxen, die mit der App arbeiten. Die Patienten nutzen sie auch für das Eigentraining zu Hause, Therapeuten können die Hausaufgaben individuell einstellen und die Erfolge messen.

 

 

 

  • Seit ihrem Schlaganfall ist selbst das Schreiben eines Einkaufszettels eine Überforderung für meine Mutter.
     

Sabine Böhm: Für Außenstehende ist das oft schwer nachvollziehbar, aber solche Planungsstörungen sind selbst in einfachen Dingen nach einem Schlaganfall nicht selten. In der Regel kann hier eine neuropsychologische Therapie durch strukturierte Problemlösungstrainings Besserung bringen. Handlungsplanung lässt sich gut in Schritte unterteilen und so nach und nach wieder erlernen.

 

 

 

  • Mein Schlaganfall liegt jetzt zwei Jahre zurück. Noch immer machen mir Wortfindungsstörungen zu schaffen. Wird das noch besser?
     

Dr. Theresa Schölderle: Eine Prognose ist immer schwierig, aber nach einem Schlaganfall sind es gerade die neuropsychologischen Funktionen, die sich auch Jahre später noch verbessern können. Insbesondere für die Aphasie gibt es einige Studien, die das Potenzial belegen. Wichtig ist, weiter durch Therapie und Eigentraining an der Rehabilitation zu arbeiten, dann sind weitere Fortschritte möglich. Das Gehirn lernt ein Leben lang.

Unsere Aktion wurde unterstützt von der neolexon Aphasie-App.

 



„Ich spüre was, das Du nicht siehst“ - Neuropsychologische Funktionsstörungen nach Schlaganfall

Anlässlich des diesjährigen Tags gegen den Schlaganfall hat die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe viele Informationen zu den unsichtbaren Folgen eines Schlaganfalls zusammengestellt. 



Die Expertinnen der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe am Lesertelefon waren:

Dr. Theresa Schölderle

Dr. Theresa Schölderle

Sprachtherapeutin  
neolexon Aphasie-App, Limedix GmbH München

Birgit Straßek

Birgit Straßek

Dipl.-Psychologin, Klinische Neuropsychologin (GNP)  
Aatalklinik Bad Wünnenberg

Sabine Böhm

Sabine Böhm

Dipl.-Psychologin, Klinische Neuropsychologin (GNP)
Leitung Psychologie 
PASSAUER WOLF Reha-Zentrum Bad Griesbach

Jasmin Wolf

Jasmin Wolf

Ergotherapeutin  
Alfried Krupp Krankenhaus Essen