Sprache ist für unser tägliches Leben zentral. Über sie verständigen wir uns, drücken Gedanken und Gefühle aus und treten mit anderen in Kontakt. Wenn diese Fähigkeit plötzlich eingeschränkt ist, kann das für Betroffene und ihre Angehörigen sehr belastend sein. Die Ausprägung einer Aphasie kann sehr unterschiedlich sein: Manche Betroffene finden nur schwer die richtigen Worte, andere verstehen Gesprochenes schlechter oder haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.
Das Wichtigste in Kürze
- Aphasie ist eine erworbene Sprachstörung.
- Sie kann das Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben beeinträchtigen.
- Denken und Intelligenz bleiben dabei in der Regel erhalten.
- Etwa 30 Prozent der Menschen haben nach einem erstmaligen Schlaganfall eine Aphasie.
- Bei vielen Betroffenen können sich die sprachlichen Fähigkeiten durch logopädische Therapie und Übung verbessern
Inhaltsverzeichnis
Was ist Aphasie?
Wie häufig ist Aphasie nach einem Schlaganfall?
Warum ist Sprache so wichtig?
Wodurch entsteht eine Aphasie?
Woran erkenne ich eine Aphasie?
Aphasie ist nicht dasselbe wie Dysarthrie oder Dysphagie
Welche Formen der Aphasie gibt es?
Kann eine Aphasie unterschiedlich stark ausfallen?
Kann sich eine Aphasie zurückbilden?
Kann eine Aphasie weitere Folgen haben?
Welche Therapien können bei Aphasie helfen?
Tipps für Angehörige
Tipps für Betroffene
Häufige Fragen
Was ist Aphasie?
Der Begriff Aphasie bedeutet wörtlich übersetzt „Sprachverlust“. Die wörtliche Übersetzung ist jedoch irreführend: Aphasie bedeutet in der Regel keinen kompletten Sprachverlust. Vielmehr kommt es zu mehr oder weniger starken sprachlichen Ausfällen, die sich sowohl beim Sprechen und Sprachverstehen als auch beim Lesen und Schreiben zeigen können. Die Betroffenen sind dadurch in ihrer Kommunikationsfähigkeit eingeschränk. Wichtig ist: Aphasie ist eine Sprachstörung und keine Denkstörung.
Wie häufig ist Aphasie nach einem Schlaganfall?
Aphasie gehört zu den häufigeren Folgen eines Schlaganfalls.
Ungefähr 30 Prozent der Menschen entwickeln nach einem erstmaligen Schlaganfall eine Aphasie.
Bei einem Teil der Betroffenen verbessern sich die sprachlichen Fähigkeiten im Laufe der Zeit deutlich. Studien (Pedersen et al. 1995) zeigen, dass etwa 44 Prozent nach sechs Monaten keine ausgeprägten Symptome mehr haben.
Wie stark die Sprachstörung ausgeprägt ist und wie gut sie sich zurückbildet, ist individuell sehr unterschiedlich. Viele Betroffene machen Fortschritte – besonders dann, wenn die Sprachtherapie früh beginnt und konsequent fortgeführt wird.
Auch Befragungen zeigen, wie häufig Sprachprobleme sind: In einer Umfrage der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe unter 979 Schlaganfall-Betroffenen berichteten
- 29 Prozent, seitdem Probleme beim Sprechen zu haben.
- 24 Prozent gaben an, Schwierigkeiten in der Verständigung zu erleben.
Auch Angehörige nehmen Veränderungen wahr: In einer Befragung der Schlaganfall-Hilfe unter 390 pflegenden Angehörigen berichteten 28 Prozent, dass die betroffene Person seit dem Schlaganfall Probleme beim Sprechen hat.
Warum ist Sprache so wichtig?
Sprache begleitet uns ständig. Wir nutzen sie, um Gedanken auszudrücken, Wünsche zu äußern und Beziehungen zu gestalten.
Wenn Sprache plötzlich eingeschränkt ist, verändert das vieles im Alltag: Gespräche werden anstrengender, Missverständnisse treten leichter auf und manche Menschen ziehen sich zurück, weil sie sich unsicher fühlen oder Angst haben, nicht verstanden zu werden.
Wodurch entsteht eine Aphasie?
Eine Aphasie entsteht, wenn die sprachverarbeitenden Bereiche im Gehirn geschädigt werden.
Bei den meisten Menschen liegen diese Zentren in der linken Gehirnhälfte. Wird dieser Bereich durch einen Schlaganfall – beeinträchtigt, kann es zu Sprachstörungen kommen.
Auch andere Ursachen sind möglich, etwa ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Hirntumor oder andere Erkrankungen im Gehirn.
Woran erkenne ich eine Aphasie?
Eine Aphasie kann sich auf verschiedene sprachliche Fähigkeiten auswirken. Dazu gehören das Sprechen, das Sprachverständnis sowie Lesen und Schreiben.
Typische Anzeichen sind zum Beispiel:
- Schwierigkeiten, passende Worte zu finden
- sehr kurze oder abgehackte Sätze
- Verwechslungen von Wörtern oder Lauten
- ungewöhnliche oder neu gebildete Wörter
- eingeschränktes Verständnis gesprochener Sprache
- Probleme beim Lesen oder Schreiben
Die Ausprägung kann sehr unterschiedlich sein. Manche Betroffene sprechen nur noch einzelne Wörter, andere sprechen flüssig – aber der Inhalt ist schwer nachvollziehbar.
Bei mehrsprachigen Menschen kommt es vor, dass eine Sprache besser erhalten bleibt als eine andere.
Aphasie ist nicht dasselbe wie Dysarthrophonie oder Dysphagie
Aphasie betrifft die Sprache. Davon zu unterscheiden sind andere Störungen, die nach einem Schlaganfall ebenfalls auftreten können:
- Dysarthrophonie: Das Sprechen klingt verwaschen oder undeutlich, weil die Sprechmuskulatur gestört ist.
- Sprechapraxie: Die Planung und Koordination der Sprechbewegungen ist beeinträchtigt.
- Dysphagie: Es bestehen Schluckstörungen.
Diese Störungen können zusätzlich zu einer Aphasie auftreten. Gerade deshalb ist eine sorgfältige logopädische Diagnostik wichtig.
Welche Formen der Aphasie gibt es?
Globale Aphasie
Die globale Aphasie ist die schwerste Form der Aphasie. Menschen mit einer globalen Aphasie haben große Schwierigkeiten sowohl beim Sprechen als auch beim Verstehen von Sprache. Auch Lesen und Schreiben ist für die Betroffenen oft nicht möglich. Häufig können die Betroffenen nicht mehr als einzelne Wörter sprechen.
Wernicke-Aphasie
Menschen mit einer Wernicke-Aphasie sprechen flüssig und in langen Sätzen., Dabei kommt es jedoch oft zu Wort- oder Lautverwechslungen, Wiederholungen oder inhaltlich schwer verständlicher Sprache. Ihr Sprachverständnis ist meist sehr eingeschränkt.
Broca-Aphasie
Menschen mit einer Broca-Aphasie können nur in kurzen, einfachen Sätzen sprechen oder reihen einzelne, inhaltstragende Wörter aneinander. Das Sprechen ähnelt einem „Telegrammstil“. Das Verstehen von Sprache ist aber relativ gut erhalten.
Amnestische Aphasie
Menschen mit einer amnestischen Aphasie finden nur schwer die richtigen Wörter. Deshalb verwenden sie oft Umschreibungen, Floskeln oder Ersatzwörter wie zum Beispiel „Dingsda“. Gelegentlich benutzen sie Wörter, die nicht genau passen, aber eine ähnliche Bedeutung wie das gesuchte Wort haben (z.B. Blume statt Baum). Manchmal kommt es auch zu Satzabbrüchen. Ihr Sprachverständnis ist fast ungestört.
| Aphasie-Typ | Merkmale der Sprache | Verstehen | Beispiel-Symptome |
|---|---|---|---|
| Globale Aphasie | kaum verständliche Sprache, wenige Wörter | stark eingeschränkt | nur einzelne Wörter |
| Wernicke-Aphasie | flüssig, aber sinnentleert | stark eingeschränkt | Wortsalat, Satzabbrüche |
| Broca-Aphasie | kurze, abgehackte Sätze | oft relativ gut | "Telegrammstil" |
| Amnestische Aphasie | Wortfindungsstörungen | fast normal | Umschreibungen ("Dingsda") |
Kann eine Aphasie unterschiedlich stark ausfallen?
Ja, eine Aphasie kann eine große Spannbreite haben. Einige Menschen haben gelegentliche Wortfindungsstörungen, die kaum auffallen, andere können nur noch in einzelnen Worten oder sehr un-zusammenhängend sprechen. Ein kompletter Ausfall der Sprachfähigkeit ist selten.
Kann sich eine Aphasie zurückbilden?
In manchen Fällen bessern sich sprachliche Einschränkungen in den ersten Wochen und Monaten teilweise von selbst. Meist ist jedoch ein intensives logopädisches Training notwendig.
Heute gilt: Fortschritte sind nicht nur kurz nach dem Schlaganfall, sondern oft auch noch später möglich. Leitlinien empfehlen bei Aphasie eine intensive Sprachtherapie, unabhängig davon, wie lange der Schlaganfall zurückliegt oder wie schwer die Ausfälle sind.
Übrigens: Vielen Betroffenen fällt Singen einfacher als Sprechen, da dafür eine andere Hirnregion zuständig ist.
Kann eine Aphasie weitere Folgen haben?
Sich nicht mehr verständigen zu können, hat enorme Auswirkungen auf das soziale Leben. Es kommt zu Verständnisschwierigkeiten und Missverständnissen. Außenstehende deuten Sprachprobleme mitunter fälschlich als Denkstörung. Das kann zu Frustration und eventuell sogar seelischer Belastung bei den Betroffenen führen.
Viele Betroffene erleben Schwierigkeiten
- in Gesprächen
- bei Telefonaten
- beim Lesen von Texten
- beim Schreiben von Nachrichten
Welche Therapien können bei Aphasie helfen?
Die wichtigste Behandlung bei Aphasie ist die logopädische Therapie.
Logopädie
Logopädinnen und Logopäden untersuchen zunächst genau, welche sprachlichen Fähigkeiten betroffen sind. Auf dieser Grundlage erstellen sie ein individuelles Therapieprogramm. Dabei können zum Beispiel trainiert werden:
- Wortfindung
- Satzbildung
- Sprachverständnis
- Lesen und Schreiben
- Alltagsnahe Kommunikation
Neuropsychologische Unterstützung
Manche Betroffene profitieren zusätzlich von neuropsychologischer Therapie. zum Beispiel wenn neben der Aphasie auch Aufmerksamkeits- oder Gedächtnisprobleme bestehen. Sie kann helfen, Strategien für den Umgang mit Kommunikationsproblemen im Alltag zu entwickeln.
Kommunikationshilfen
Auch unterstützende Hilfsmittel können hilfreich sein, zum Beispiel:
- Kommunikationstafeln mit Symbolen
- kleine Kommunikationsbücher
- Apps mit Sprachausgabe
Solche Hilfsmittel können helfen, sich im Alltag verständlich zu machen.
Hilfreich kann auch unsere Kommunikationskarte sein. Sie unterstützt dabei, sich im Alltag verständlich zu machen, wenn Sprechen oder Verstehen schwerfallen. Faltblatt und Kommunikationskarte können gemeinsam bestellt werden.
Tipps für Angehörige
Der Umgang mit einem Menschen mit Aphasie erfordert Geduld und Aufmerksamkeit.
Hilfreich ist:
- eine ruhige Umgebung ohne Störgeräusche
- kurze, klare Sätze
- einfache Fragen, zum Beispiel Ja-/Nein-Fragen
- ausreichend Zeit zum Antworten
Außerdem wichtig:
- Blickkontakt halten
- normal sprechen (keine Babysprache)
- die betroffene Person einbeziehen und nicht über sie hinweg sprechen
- Gesagtes zusammenfassen
- vorsichtig Vorschläge machen („Meinst du …?“). Auch kleine Hinweise wie der erste Laut eines gesuchten Wortes können unterstützen.
Tipps für Betroffene
Auch Menschen mit Aphasie können Strategien entwickeln, um besser mit Sprachproblemen umzugehen.
Hilfreich kann zum Beispiel sein:
- wichtige Gespräche vorzubereiten
- Stichpunkte aufzuschreiben
- Kommunikationshilfen zu nutzen
- vertraute Abläufe im Alltag zu schaffe
Viele Betroffene vergleichen Wortfindungsprobleme mit einer Schublade, die klemmt: Man weiß, dass das Wort vorhanden ist – aber es lässt sich im Moment nicht öffnen. Mit Geduld, Übung und Unterstützung können oft neue Wege zur Kommunikation gefunden werden.
Beratung und Hilfe finden
Ratgeber Aphasie
erhältlich bei der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe
Logopädensuche
Der Deutsche Bundesverband für Logopädie e.V. bietet die Möglichkeit einen Therapeuten in Wohnortnähe zu suchen.
www.dbl-ev.de
Aphasiezentren
Der Bundesverband Aphasie bietet Informationen zu Landesverbänden, Aphasiezentren und weiteren Hilfsangeboten.
www.aphasiker.de
Häufige Fragen zu Aphasie
Nein. Aphasie betrifft die Sprache, nicht die Intelligenz oder das Denken. Viele Menschen mit Aphasie denken klar, können ihre Gedanken aber nicht mehr so ausdrücken wie früher.
Das ist unterschiedlich. Bei vielen Betroffenen verbessert sich die Sprache im Laufe der Zeit deutlich – besonders durch gezielte Therapie und regelmäßige Übung.
Das kann unterschiedlich sein. Bei vielen Betroffenen sind neben dem Sprechen auch Lesen und Schreiben beeinträchtigt. Manche können kurze Texte noch gut lesen, haben aber Schwierigkeiten beim Schreiben. Andere verstehen geschriebene Texte schlechter.
Ja. Wortfindungsstörungen gehören zu den häufigsten Folgen einer Aphasie. Durch logopädisches Training, Übungen und Strategien können viele Betroffene lernen, Wörter wieder leichter zu finden oder Umschreibungen gezielt zu nutzen.
Die Entwicklung ist individuell. Bei manchen Menschen zeigen sich schon in den ersten Wochen Fortschritte, bei anderen dauert es länger. Wichtig ist: Verbesserungen sind auch noch lange Zeit nach dem Schlaganfall möglich.
Ja. Neben Sprache können auch Gesten, Bilder, Schreiben oder Kommunikationshilfen genutzt werden.
Das hängt stark davon ab, wie ausgeprägt die Sprachstörung ist und welche Anforderungen der Beruf stellt. Manche Betroffene können mit Unterstützung und Anpassungen schrittweise wieder in den Beruf zurückkehren.
Quellen:
- AWMF Leitlinien-Register: Schlaganfall. S3-Leitlinie, Stand 02/2020, selektives Update 2022/Addendum.
- Thieme connect Diener, H. C. et al.: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, DOI: 10.1055/b-0034-18895, 2008
- Kuhn, Caroline: Ratgeber Schlaganfall, Schädelhirntrauma und MS. Das Leben mit neurologischer Erkrankung gestalten. Berlin, Heidelberg: Springer, 2018.