Mit zwölf hat ein Schlaganfall sein Leben radikal verändert. Heute ist Manuel Gebhard Kundenbetreuer im Nahverkehr.

Freie Fahrt für Manu - Lebensglück trotz Schlaganfall

Mit zwölf hat ein Schlaganfall sein Leben radikal verändert. Heute zählt Manuel Gebhard sich selbst zu den glücklichsten Menschen der Welt. Denn entgegen allen Prophezeiungen hat sich der Schwabe seinen Kindheitstraum erfüllt.

Der totale Schock

In seiner 6. Klasse war er der Spaßmacher, beliebt bei allen Mitschülern. Im Fußballtor hielt er so gut, dass er es in die Landesauswahl schaffte. Bis zu jenem 16. Juli 2002, kurz vor den Sommerferien. Es war im Schwimmunterricht. Manu – wie ihn alle nennen – stieg aus dem Becken und kippte einfach um. Er erinnert sich noch an die Aufregung um ihn herum, an den Lehrer über ihn, auch an den Notarzt, dann geht das Licht aus. Die Diagnose Schlaganfall wird er erst am nächsten Tag in der Klinik erhalten, da ist es schon zu spät für eine Akuttherapie. Es ist der totale Schock für ihn und seine Eltern.

 Drei Monate Reha folgen – und der zweite Schock. Ein Arzt sagt Manu, in seine Klasse werde er sicher nicht zurückkehren können. Und seinen Traumberuf Lokführer könne er vergessen. „Der hat mir die komplette Motivation geraubt", erinnert sich Manuel heute. Er saß im Rollstuhl, die rechte Seite war gelähmt, und konnte kaum sprechen. „Dann hatte mein Papa die rettende Idee. Er hat mir ein großes Bild der Baureihe 218 in mein Krankenzimmer gehängt", sagt Manu. „Da wusste ich wieder, dass es sich lohnt zu kämpfen."

99 Prozent des Traumes erfüllt

Die Baureihe 218 ist Manuels Lieblingslokomotive – noch heute. An seiner Uniform trägt er einen Sticker der Diesellok, direkt über seinem Namensschild und dem DB-Logo. Unser Zug verlässt gerade Kempten, die „Heimat" der 218. Hier wird dieser Loktyp gewartet. Seit 2014 ist auch Manuel Gebhard in Kempten stationiert. Im kommenden Jahr feiert er sein zehnjähriges Dienstjubiläum als Kundenbetreuer im Nahverkehr – im Volksmund Zugbegleiter genannt – bei der Deutschen Bahn. „99 Prozent meines Traumes habe ich mir erfüllt. Wer kann das schon von sich behaupten?" sagt Manuel und lacht.Der junge Mann lacht oft und viel, nicht nur an diesem goldenen Oktobermorgen. Die Sonne lässt die prächtige Landschaft des Allgäus in schillernden Farben erstrahlen. Die Regionalbahn 5479 von Kempten nach Pfronten-Steinach wird heute früh nur von wenigen Fahrgästen benutzt. Manuel geht durch den Zug, kontrolliert die Fahrausweise. Eine junge Frau muss noch ein Bayern-Ticket lösen, an ihrem Einstieg gab es keinen Automaten. Auf dem Weg durch „seinen" Zug wirft Manuel auch einen Blick in die Toilette und ordnet die Info-Broschüren. Alles soll seine Ordnung haben.

Eine Liebe von Kindheit an

Die Liebe zur Bahn entdeckte er schon als kleines Kind. Lokomotivführer wollte er werden, zumindest „auf dem Zug" arbeiten. Dann konnte er nicht mehr laufen, greifen und sprechen. Doch selbst durch diese schwere Zeit half ihm seine große Liebe. „Meine Eltern fuhren mich im Rollstuhl auf den Bahnsteig, da haben sie mit mir laufen geübt", erinnert er sich. Die Ursache des Schlaganfalls wurde nie geklärt. Anderthalb bis zwei Jahre hat es gedauert, bis Manuel wieder halbwegs in der Spur war und sich mit seiner Erkrankung arrangiert hatte. Die Aphasie ging langsam zurück mithilfe einer Logopädin. „Das war komisch, die Logopädin hat mir Hochdeutsch beigebracht, und wenn ich am Wochenende nach Hause kam, haben alle um mich herum geschwäbelt." Der rechte Arm ist bis heute gehandicapt, Manuel musste lernen, mit links zu schreiben. Als er den Führerschein machte, brauchte er einige Umbauten an seinem Auto. Noch heute macht Manuel einmal wöchentlich Arm- und Beintraining in der Physiotherapie. Zum Laufen trägt er eine Schiene.

Manuel Gebhard spricht mit Fahrgästen

Er ließ sich nie beirren

Eine Laufbahn als Lokführer blieb ihm verwehrt, er scheiterte an der bahnärztlichen Untersuchung. Auch mit seinen Bewerbungen für eine Ausbildung zum Kundenbetreuer scheiterte er mehrfach. Manuel ließ sich nicht beirren, nahm einen Nebenjob als Fahrgastzähler an, um wenigstens so auf dem Zug zu arbeiten. Dabei lernte er eine Zugbegleiterin aus Augsburg kennen. Die notierte ihm auf einem Fahrschein eine weitere Ausbildungsadresse. „Das Vorstellungsgespräch lief gut, aber dann musste ich drei Wochen auf die bahnärztliche Untersuchung warten", erinnert sich Manu, „die zweitschlimmste Zeit meines Lebens!" Doch dieses Mal hatte der Bahnarzt keine Bedenken. Wenige Wochen später war sein Glück perfekt, als er seine erste eigene Uniform erhielt.In seinem Job geht Manuel voll auf. „Kommunikation ist das A und O", sagt er und vermittelt das auch den Auszubildenden, die er seit 2011 als Praxistrainer betreut. Offen und freundlich geht er auf die Fahrgäste zu, verbreitet eine angenehme Atmosphäre. Er liebt es, mit Menschen zu arbeiten. Mal sei er Erzieher, wenn er Jugendlichen beibringen müsse, dass man die Füße nicht auf den Sitz legt, mal Psychologe, wenn er ein weinendes Mädchen trösten muss. Für den Umgang mit schwierigen Situationen erhält er von der Bahn regelmäßig Deeskalationstraining. „Das ist super", sagt er. „Da lernt man zum Beispiel, wie man es schafft, eine Gruppe angetrunkener, aggressiver Fußballfans zu beruhigen."

Tiefe Dankbarkeit

Manche Fahrgäste sprechen ihn auf seine Behinderung an. Dann erzählt er offen und ehrlich von seinem Schlaganfall. Und wie dankbar er der Bahn ist, dass sie ihn eingestellt hat. Wie glücklich er in seinem Job ist. „Durch meine Erfahrung sehe ich das Leben anders als viele andere Menschen", sagt er. Und welche Ziele hat ein glücklicher Mensch wie Manuel? „Mal schauen", sagt er. „Vielleicht mache ich noch meinen Meister, wer weiß. Karriere ist für mich nicht so wichtig. Ich muss glücklich sein mit dem, was ich tue. Und das bin ich."

Sandra Rösemeier

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