Vanessa und ihre Familie: Eins tun sie nie - aufgeben

Dass die Familie ihr Leben nach Vanessas Geburt ein wenig umstellen musste,war klar. Wie groß die Veränderung aber sein würde, ahnte niemand. Mit zwei Monaten erleidet Vanessa einen Schlaganfall.

Vanessa war eine schöne Überraschung für Marion und ihren Mann Joachim. Und auch ihre beiden Söhne Janes und Tobias (damals 12 und 13 Jahre) freuten sich auf eine Schwester. Als Vanessa zwei Monate alt ist, bekommt sie Fieber. Nichts Schlimmes, heißt es bei einem Arztbesuch. Doch der Zustand des kleinen Mädchens verschlechtert sich dramatisch. Sie krümmt sich im Arm ihrer Mutter und schreit wie nie zuvor. „Anschließend wirkte sie apathisch und konnte Arme und Beine nur noch auf einer Seite bewegen“, erinnert sich Marion. In der Kinderklink wollte man die junge Familie nach Hause schicken, aber Marion setzte sich durch: „Erklären Sie mir, warum mein Kind nur noch in eine Richtung blicken kann!“ Kurze Zeit später dann die Diagnose: Vanessa hat einen Schlaganfall erlitten.

Diagnose: Kindlicher Schlaganfall

„In den Lehrbüchern haben wir vom kindlichen Schlaganfall gelesen, aber gesehen haben wir ihn noch nicht“, sagte der Oberarzt. Seine Prophezeiungen brannten sich in den Kopf der jungen Mutter ein: „Zwei Drittel einer Hirnhälfte von Vanessa sind betroffen. Ihr Kind wird nicht sitzen, laufen, alleine essen und wahrscheinlich auch nicht sprechen können. Stellen Sie sich darauf ein.“

Für die Familie brach eine Welt zusammen. Ärzte, die nur rätseln können, und Freunde, die sich nicht mehr melden, lassen sie verzweifeln. Besonders leidet Marion: „In diesem Moment wollte ich nicht mehr leben. Ich habe gedacht, ich schaffe es nicht mit zwei Jungs und einem schwerstbehinderten Kind.“

Alltag mit einem schlaganfallbetroffenen Kind

Kurz nach einer Nottaufe, die Vanessas Eltern damals veranlassten, stand fest, das Mädchen wird überleben. Das ist ein Grund, warum Marion bis heute im Glauben an Gott eine wichtige Kraftquelle findet. „Am Anfang musste ich lernen, Vanessa mit der Diagnose anzunehmen“, erklärt Marion, „aber dann habe ich losgelegt.“ Sie geht mit Vanessa regelmäßig zu Therapeuten, und ihre Tochter macht jeden Entwicklungsschritt – wenn auch verspätet. Zwar kann Vanessa trotz aller Bemühungen nie krabbeln, als sie es aber schafft, mit zweieinhalb Jahren die ersten Schritte zu gehen, feiert die Familie ein großes Gartenfest. Mit drei sagt Vanessa das erste Mal Mama und Papa.

Unterstützung von der Schlaganfall-Hilfe

Marion geht immer offen mit dem Schlaganfall ihrer Tochter um, informiert zum Beispiel andere Eltern in Vanessas Schule und bittet sie, ihren Kindern die Krankheit zu erklären.

Den Kontakt zu anderen schlaganfallbetroffenen Familien hat Marion über die Aktion Kinder Schlaganfall-Hilfe erhalten. „Ich habe die Schlaganfall-Hilfe damals bei Recherchen im Internet gefunden“, erinnert sich Marion, „Wir sind unendlich dankbar für die Unterstützung, die wir im Rahmen von Expertentipps oder Veranstaltungen wie dem Familiencamp oder dem Musikworkshop bekommen.“ Auf dem Musikworkshop verbringt die heute zwölfjährige Vanessa das erste Mal Zeit ohne ihre Eltern. Sie blüht auf und ist stolz auf ihre Selbstständigkeit. Ihre Eltern genießen indes Zeit für sich. „Die vier Tage für uns als Paar waren eine größere Erholung als ein zweiwöchiger Lanzarote-Urlaub – weil wir wussten, dass Vanessa gut versorgt ist“, sagt Marion.

Vanessa braucht im Alltag viel Unterstützung. Sie ist lernbehindert und kämpft mit den Tücken der halbseitigen Lähmung. Vanessa ärgert sich, wenn sie ihre linke Hand nicht richtig nutzen kann und wenn ihr der Speichel aus dem Mund läuft. Dann aber baut Marion ihre Tochter auf, und sie machen gemeinsam Therapieübungen, denn eins tun sie nie: aufgeben.

Sandra Rösemeier

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