Häufig liegt die Ursache in Hirnarealen, die Seheindrücke verarbeiten, Augenbewegungen steuern oder die Aufmerksamkeit im Raum lenken. Dadurch können zum Beispiel Gesichtsfeldausfälle, Doppelbilder, Probleme bei der Blicksteuerung oder visuell-räumliche Störungen entstehen. Diese Folgen erschweren oft das Lesen, die Orientierung und die Sicherheit im Alltag.
Wichtig: Treten Sehstörungen plötzlich neu auf, kann das selbst ein akutes Schlaganfall-Symptom sein. Dann gilt: sofort den Notruf 112 wählen.
Das Wichtigste in Kürze
- Sehstörungen können nach einem Schlaganfall auftreten, auch wenn die Augen selbst intakt sind
- Ursachen liegen häufig in der Verarbeitung von visuellen Informationen im Gehirn
- Häufige Formen sind unter anderem: Gesichtsfeldausfall, Doppelbilder, Herdblick, visuell-räumliche Störungen
- Ein visueller Neglect ist nicht dasselbe wie ein Gesichtsfeldausfall: Beim Neglect liegt vor allem eine Störung der Aufmerksamkeit und Raumwahrnehmung vor.
- Die Besserung ist individuell möglich, teilweise oder durch Therapie vor allem in den ersten Monaten.
- Je nach Befund können neuropsychologische, ergotherapeutische oder augenärztliche Maßnahmen können helfen
- Auch Angehörige sind wichtig bei Unterstützung und Sicherheit
Inhaltsverzeichnis
Was sind die Ursachen für Sehstörungen nach einem Schlaganfall?
Welche Sehstörungen können nach einem Schlaganfall auftreten?
Was ist der Unterschied zwischen einen Gesichtsfeldausfall und einem Neglect?
Wie werden Sehstörungen nach einem Schlaganfall festgestellt?
Wie häufig treten Sehstörungen nach einem Schlaganfall auf?
Können sich Sehstörungen zurückbilden?
Therapie und Behandlung
Tipps für Betroffene
Tipps für Angehörige
Häufige Fragen
Was sind die Ursachen für Sehstörungen nach einem Schlaganfall?
Nach einem Schlaganfall können Sehstörungen auf zwei Arten entstehen:
- Direkte Schädigung des Auges oder der Sehbahn: Wenn das Auge oder die Sehbahn nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wird, kann es in seltenen Fällen zur Erblindung auf einem Auge kommen.
- Schädigung von Hirnarealen für Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Augenbewegungen: Häufiger bleibt das Auge selbst gesund. Dann können Betroffene zwar Reize aufnehmen, sie aber nicht richtig einordnen, vollständig erfassen oder Blickbewegungen nicht mehr gut koordinieren
Welche Sehstörungen können nach einem Schlaganfall auftreten?
Gesichtsfeldeinschränkungen
Die Gesichtsfeldeinschränkung ist mit Abstand die häufigste Sehstörung nach einer Hirnschädigung. Die Einschränkung kann sehr unterschiedlich ausfallen: von kleinen „blinden Flecken“ , über einen „Tunnelblick“ bis hin zu dem Ausfall einer kompletten Gesichtshälfte – je nach Größe, Ort und Art der Schädigung im Gehirn. Fachlich spricht man dabei zum Beispiel von einem Skotom, einer Quadrantenanopie oder einer homonymen Hemianopsie. Im Alltag führt das oft dazu, dass Hindernisse übersehen werden die Orientierung im Straßenverkehr schwerer fällt oder auch Satzanfänge oder -enden beim Lesen fehlen
Doppelbilder und Störungen der Augenbewegungen
Doppelbilder oder ein „verschwommenes“ Sehen können Folgen eines Schlaganfalls sein. Ursache sind häufig Störungen der Augenbewegungen oder der Zusammenarbeit beider Augen. Zusätzlich kann auch Schwindel auftreten.
Herdblick
Der Herdblick kann ein erstes Anzeichen für einen Schlaganfall sein, das häufig nicht als solches wahrgenommen wird. Der Blick „kippt“ zur linken oder zur rechten Seite, der Betroffene kann seine Blickrichtung nicht mehr kontrollieren. In manchen Fällen drehen sich nicht die Augen, sondern der ganze Kopf in eine Richtung.
Visuell-Räumliche Störungen
Manche Menschen haben nach einem Schlaganfall weniger Probleme mit dem eigentlichen Sehen als mit der Verarbeitung des Gesehenen. Dann können Abstände, Positionen oder Bewegungen im Raum schwerer einzuschätzen sein. Auch die Tiefenwahrnehmung kann gestört sein. Das betrifft zum Beispiel das Greifen nach Gegenständen, das Gehen auf Treppen, das Schreiben, Lesen oder das sichere Steuern von Rollstuhl oder Fahrrad.
Was ist der Unterschied zwischen einen Gesichtsfeldausfall und einem visuellen Neglect?
Ein Gesichtsfeldausfall ist eine Störung des Sehens: Ein Teil des sichtbaren Bereichs fehlt tatsächlich.
Ein visuelles Neglect bedeutet, dass eine Raum- und/oder Körperhälfte nicht mehr wahrgenommen wird. Betroffene reagieren dann nicht oder zu wenig auf eine Seite des Raums oder des eigenen Körpers, obwohl die Augen selbst durchaus sehen können. Sie stoßen sich zum Beispiel an, übersehen das Essen auf der einen Seite des Tellers oder rasieren beziehungsweise schminken sich nur auf einer Gesichtshälfte.
Gesichtsfeldausfall und Neglect können getrennt voneinander auftreten, aber auch gemeinsam vorkommen.
Wie werden Sehstörungen nach einem Schlaganfall festgestellt?
Sehstörungen sollten möglichst früh nach dem Schlaganfall aktiv erfasst werden. Fachleitlinien empfehlen ein Screening auf Sehschärfe, Augenbewegungen, Gesichtsfeld und visuelle Wahrnehmungsstörungen. Wenn Auffälligkeiten bestehen oder Beschwerden anhalten, sollte eine gezielte Abklärung folgen, zum Beispiel durch Augenheilkunde, Orthoptik, Neurologie und bei Neglect oder anderen Wahrnehmungsstörungen auch durch Neuropsychologie. So lässt sich besser unterscheiden, ob ein Gesichtsfeldausfall, eine Augenbewegungsstörung, ein Neglect oder eine andere visuelle Störung vorliegt.
Wie häufig treten Sehstörungen nach einem Schlaganfall auf?
Sehstörungen sind nach einem Schlaganfall weit verbreitet und betreffen viele Betroffene unterschiedlich stark. Eine Befragung der Schlaganfall-Hilfe unter 3.375 Schlaganfall-Patienten ergab, dass 32 Prozent der Betroffenen Probleme mit dem Sehen haben. Studien zeigen zudem, dass zwischen 30 und 60 Prozent der Patientinnen und Patienten nach einem Schlaganfall unter visuellen Beeinträchtigungen leiden. Diese können von leichten Wahrnehmungsstörungen bis hin zu ausgeprägten Gesichtsfeldausfällen oder Doppelbildern reichen.
Können sich Sehstörungen zurückbilden?
Das ist wie bei allen neurologischen Erkrankungen sehr individuell. Viele Verbesserungen zeigen sich in den ersten Monaten nach dem Schlaganfall. Eine teilweise Besserung ist häufiger als eine vollständige Erholung. Gleichzeitig können auch später noch Fortschritte möglich sein, vor allem wenn gezielte Rehabilitation dazukommt. Nach etwa sechs Monaten bis einem Jahr müssen die Betroffen davon ausgehen, dass die Störungen dauerhaft sind.
Sehstörungen nach Schlaganfall im Video erklärt
Das Video zeigt anschaulich, wie sich neuropsychologische Sehstörungen nach einem Schlaganfall im Alltag auswirken können und warum nicht immer die Augen selbst betroffen sind.
Entstanden ist es in Zusammenarbeit der Ruhr-Universität Bochum (unter der Leitung von Prof. Dr. Boris Suchan), dem Neuropsychologischen Therapie Centrum und der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Design.
Therapie und Behandlung
Sehstörungen nach Schlaganfall können sich teilweise oder vollständig zurückbilden. Dies hängt von Art, Ausmaß und Dauer der Hirnschädigung ab. Besonders in den ersten sechs bis zwölf Monaten ist die Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung am größten. Gezielte therapeutische Maßnahmen können die Wahrnehmung und Orientierung spürbar verbessern:
- neuropsychologische Behandlung bei Störungen der visuellen Aufmerksamkeit oder Raumwahrnehmung
- ergotherapeutisches Training für Lesen, Orientierung und alltägliche Abläufe
- visuelles Such- und Scantraining, vor allem bei Gesichtsfeldausfällen oder Neglect
- Hilfsmittel und Anpassungen, zum Beispiel Markierungen, Kontraste, Lesehilfen
Tipps für Betroffene
Der Alltag mit Sehstörungen kann herausfordernd sein. Mit gezielten Strategien lässt sich die Sicherheit und Selbstständigkeit erhöhen:
- langsam und bewusst bewegen
- Wege und Räume möglichst übersichtlich halten
- wichtige Gegenstände immer an festen, gut erreichbaren Plätzen ablegen
- beim Lesen Hilfen nutzen, z. B. Zeilen markieren oder Text langsam abarbeiten
- regelmäßig Pausen machen, weil visuelle Anstrengung schnell ermüden kann
Übungsprogramme aus Therapie oder Rehabilitation konsequent anwenden
Tipps für Angehörige
Angehörige können viel dazu beitragen, dass Betroffene sich sicherer fühlen, ohne ihnen alles abzunehmen:
- geduldig bleiben und Zeit lassen
- Alltagshilfen gezielt einsetzen, z. B. Hilfsmittel für Orientierung und Lesen
- Aktivitäten strukturieren und klare Tagesabläufe schaffen
- Aufmerksamkeit auf die vernachlässigte Seite lenken, ohne Druck auszuüben
- Stolperfallen reduzieren und Wege freihalten
Quellen
- European Stroke Organisation (ESO): Guideline on visual impairment in stroke, 2025.
- NICE: Stroke rehabilitation in adults, 2023. (PDF)
- Canadian Stroke Best Practices: Visual and Visual-Perceptual Impairment.
- American Stroke Association: Vision Changes; Spatial Neglect.
- Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe: Wie ist die Lebenssituation und Lebensqualität von Angehörigen von Personen mit einem Schlaganfall?, August 2025.
- Kuhn, Caroline: Ratgeber Schlaganfall, Schädelhirntrauma und MS. Springer, 2018.
Häufige Fragen
Häufig sind Gesichtsfeldausfälle, Doppelbilder, Störungen der Augenbewegungen sowie visuelle Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstörungen wie der Neglect.
Nein. Ein Gesichtsfeldausfall ist eine Störung des Sehens, ein Neglect vor allem eine Störung der Aufmerksamkeit und Raumwahrnehmung. Beides kann aber gleichzeitig vorkommen.
Ja, eine Besserung ist möglich, besonders in den ersten Monaten nach dem Schlaganfall. Vollständige Erholung ist aber nicht immer zu erwarten.
Je nach Beschwerdebild kommen Neurologie, Augenheilkunde, Ergotherapie und Neuropsychologie infrage. Wichtig ist eine gezielte Untersuchung und nicht nur die allgemeine Schlaganfall-Behandlung.
Wenn Lesen, Orientierung, Greifen, Gehen oder alltägliche Sicherheit beeinträchtigt sind oder Doppelbilder, Schwindel und häufiges Anstoßen auftreten, sollte das ärztlich und therapeutisch abgeklärt werden.