Ein männlicher Patient bekommt eine physiologische Behandlung.

Neglect nach einem Schlaganfall: Symptome, Ursachen, Therapie und Alltagshilfen

Ein Neglect nach einem Schlaganfall ist eine besondere Form der Aufmerksamkeitsstörung. Betroffene nehmen einen Teil ihres Körpers oder ihrer Umgebung kaum oder gar nicht wahr, obwohl Augen und andere Sinne normal funktionieren.

Diese Einschränkung ist  von außen nicht immer sofort erkennbar, kann den Alltag jedoch erheblich beeinträchtigen – zum Beispiel beim Essen, Lesen oder bei Bewegungen im Raum.

 

Das Wichtigste in Kürze

  • Neglect ist eine Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörung nach Schlaganfall.
  • Häufig ist die linke Körper- oder Raumseite betroffen.
  • Sehen, Hören, Fühlen und Bewegung können einzeln oder auch gleichzeitig beeinträchtigt sein.
  • Betroffene bemerken die Einschränkung selbst kaum oder gar nicht.
  • Der Neglect kann sich teilweise oder vollständig zurückbilden, manchmal bleibt er dauerhaft bestehen.
  • Neuropsychologische Behandlung, Ergotherapie und Alltagstraining können helfen.
  • Angehörige sind wichtig, um Sicherheit, Orientierung und Struktur im Alltag zu unterstützen.


Was ist ein Neglect?

Bei einem Neglect richtet das Gehirn die Aufmerksamkeit nicht mehr automatisch auf eine Seite des Körpers oder der Umgebung. Betroffene beachten dann zum Beispiel nur eine Hälfte des Tellers, übersehen Hindernisse auf einer Seite oder lesen Zeilen unvollständig.

 

Typisch ist, dass die Augen selbst dabei nicht unbedingt geschädigt sein müssen. Das Problem liegt vor allem in der Verarbeitung und Steuerung der Aufmerksamkeit im Gehirn.

 

Woran erkennt man einen Neglect?

Ein Neglect kann sich im Alltag sehr unterschiedlich zeigen. Häufige Anzeichen sind:
 

  • Beim Essen wird nur eine Tellerhälfte beachtet.
  • Beim Lesen werden Wörter oder Textteile auf einer Seite übersehen.
  • Betroffene stoßen an Türrahmen, Möbel oder andere Hindernisse.
  • Eine Körperhälfte wird beim Waschen, Rasieren oder Anziehen vernachlässigt.
  • Geräusche oder Berührungen auf einer Seite werden kaum wahrgenommen.
  • Beim Gehen, Greifen oder Treppensteigen wird eine Seite zu wenig einbezogen. 

 

Welche Formen des Neglects gibt es?

  • Der visuelle Neglect
     

Der visuelle Neglect ist die häufigste Form. Die Betroffenen vernachlässigen eine Hälfte der räumlichen Umgebung – meistens die linke. Sie essen nur eine Hälfte des Tellers leer, stoßen sich häufig an Türrahmen oder haben Probleme beim Lesen,  dem Ablesen der Uhrzeit oder der Orientierung .
 

  • Der personale Neglect
     

Bei dieser Form nehmen die Betroffenen eine Körperhälfte nicht mehr wahr. Es kommt vor, dass sie diese Körperhälfte zum Beispiel nicht mehr waschen, rasieren oder schminken.
 

  • Der akustische Neglect
     

Geräusche, Stimmen oder Töne auf einer Seite werden schlecht wahrgenommen oder nicht richtig zugeordnet. Sie reagieren nicht, wenn Geräusche von dieser Seite kommen.
 

  • Der somatosensible Neglect
     

Berührungen oder Druck werden auf der betroffenen Körperhälfte nicht wahrgenommen. Dies wird vor allem problematisch, wenn auch Schmerzen ausgeblendet und Verletzungen dadurch nicht wahrgenommen werden.
 

  • Der motorische Neglect
     

Beim motorischen Neglect wird eine Körperseite zu wenig eingesetzt, obwohl keine vollständige Lähmung vorliegen muss.   Betroffene greifen etwa nur mit einer Hand oder beziehen ein Bein beim Gehen und Treppensteigen zu wenig ein.

Neglect oder Gesichtsfeldausfall – was ist der Unterschied?

Ein visueller Neglect ist nicht dasselbe wie ein Gesichtsfeldausfall. Bei einem Gesichtsfeldausfall fehlt ein Teil des Sehens. Beim Neglect wird eine Seite dagegen vor allem zu wenig beachtet. Für Betroffene kann sich beides ähnlich anfühlen. Für Diagnose und Therapie ist die Unterscheidung aber wichtig, weil unterschiedliche Störungen vorliegen können.

 

Wie entsteht ein Neglect?

Ein Neglect entsteht durch eine Schädigung bestimmter Hirnareale, die für Aufmerksamkeit und Raumwahrnehmung wichtig sind. Häufig ist die rechte Hirnhälfte betroffen. Dann wird besonders oft die linke Körper- oder Raumseite vernachlässigt.

 

Die Stärke und Art des Neglects hängt davon ab, welche Hirnareale und Sinne betroffen sind.

 

Kann ein Neglect unterschiedlich stark ausfallen?

Ja, ein Neglect kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein und einen oder mehrere Sinne gleichzeitig betreffen. Manche Betroffene haben vor allem beim Lesen Probleme, andere vernachlässigen eine Körperhälfte oder stoßen im Alltag häufig an Gegenstände. Je mehr Sinne betroffen sind, desto stärker wird der Alltag beeinträchtigt.

 

Kann sich ein Neglect zurückbilden?

Ja, tatsächlich bildet er sich in vielen Fällen teilweise oder vollständig noch während der Akutphase zurück. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen bleibt der Neglect auch später beziehungsweise dauerhaft bestehen. .Mithilfe von Neuropsychologen, Ergotherapeuten und Angehörigen Strategien kann  die Wahrnehmung für die betroffene Seite gezielt geschult werden.

 

Kann ein Neglect weitere Folgen haben?

Je nach betroffener Sinneswahrnehmung und Schwere des Neglects kann sich dieser auf den Alltag der Betroffenen auswirken. 
 

  • erhöhte Verletzungsgefahr, wenn Gegenstände oder Schmerzen nicht wahrgenommen werden
  • Unsicherheit im Straßenverkehr als Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer
  • Probleme bei m Essen, Körperpflege oder Anziehen
  • höhere Belastung für Angehörige, weil mehr Unterstützung nötig ist

 

Betroffenen-Geschichte

Wie fühlt sich ein Neglect im Alltag an? Die Geschichte von Swen Gambel-Weigert zeigt, wie sich die Aufmerksamkeitsstörung nach einem Schlaganfall auswirken kann – und welche Fortschritte mit Therapie möglich sind.
Swen Gambel-Weigert: Leben mit Neglect nach Schlaganfall

 

Wie häufig kommt es zu einem Neglect

Hinweise auf die Häufigkeit liefern auch eigene Befragungen der Deutschen Schlaganfall-Hilfe:
 

Eine Befragung von 390 pflegenden Angehörigen zeigt: Rund 32 Prozent der Schlaganfall-Betroffenen haben einen Neglect. Betroffene nehmen dabei eine Körper- oder Raumseite kaum wahr..
 

In einer weiteren Befragung unter 3.375 Schlaganfall-Betroffenen gaben 29 Prozent an, Probleme beim Lesen zu haben.  Solche Schwierigkeiten können unter anderem mit einem visuellen Neglect zusammenhängen, bei dem Teile des Textes übersehen werden.
 

Die Befragungsergebnisse zeigen, dass Neglect und damit verbundene Einschränkungen im Alltag eine wichtige Rolle spielen. 

 

Therapie und Behandlung

Nach einem Schlaganfall benötigt das Gehirn Zeit, um sich neu zu organisieren. Ein Neglect kann sich zwar teilweise von selbst verbessern, doch gezielte Therapien beschleunigen den Prozess und helfen, Aufmerksamkeit, Orientierung und Alltagshandeln zu fördern. Je nach Ausprägung kommen unterschiedliche Verfahren infrage - von neuropsychologischem Training über Ergotherapie bis zu speziellen Methoden wie Spiegeltherapie oder Prismenanpassung

Ziel der Therapie ist es, die vernachlässigte Seite wieder stärker einzubeziehen und mehr Sicherheit im Alltag zu erreichen.

 

Mehr zum Thema Therapie: Forschende der Universität des Saarlandes haben einen neuen Therapieansatz bei Neglect entwickelt. Unser Artikel stellt die Methode und erste Ergebnisse vor: Neue Therapie bei Neglect.

 

Tipps für Betroffene

Der Umgang mit einem Neglect erfordert Geduld, Aufmerksamkeit und bewusste Strategien. Kleine Veränderungen und gezieltes Training können helfen, die vernachlässigte Seite aktiv einzubeziehen: 

  • Wichtige Gegenstände bewusst auf die vernachlässigte Seite legen
  • Teller beim Essen Schritt für Schritt vollständig ansehen
  • Zeilen beim Lesen gezielt absuchen
  • Aufgaben nacheinander erledigen statt mehrere Dinge gleichzeitig zu machen
  • Regelmäßige Pausen einlegen, um Überforderung zu vermeiden

 

 

Tipps für Angehörige

Angehörige spielen eine wichtige Rolle, um Betroffene bei einem Neglect zu unterstützen.  Wichtig sind Geduld, klare Absprachen und eine ruhige Unterstützung ohne zusätzlichen Druck.

  • Einschränkungen ernst nehmen
  • ruhig und klar kommunizieren
  • auf Sicherheit im Alltag achten, zum Beispiel beim Gehen oder in der Küche
  • Aufgaben in kleine Schritte aufteilen
  • eigene Belastungsgrenzen im Blick behalten und offen ansprechen

 

 

Quellen



Häufige Fragen