Nach dem Schlaganfall wieder zum Leistungssport

Neustart dank Schießsport

Simone hatte schon viele Neustarts in ihrem Leben. Die meisten davon unfreiwillig. Doch für einen Neustart hat sie sich ganz bewusst entschieden – und die Entscheidung nie bereut.

Nach einem Unfall kam der erste und dann der zweite Schlaganfall

„Ich war immer Leistungssportlerin, Standard-Lateintänzerin. Dann hatte ich einen schweren Unfall und mehr als 30 Operationen. An Tanzen war nicht mehr zu denken, an meine Arbeit als Arzthelferin auch nicht. Also fing ich von vorne an, schulte zur Sozialversicherungsfachangestellten um. Doch auch dabei blieb es nicht.

Vor 15 Jahren kam der erste Schlaganfall – und warf mich wieder komplett aus der Bahn. Das Schlimmste nach dem Schlaganfall: Ich war unglaublich einsam. Der Kontakt zu meiner Familie war schon länger abgebrochen, die Freunde sind durch den Unfall und den Schlaganfall auch verloren gegangen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich durch meine Aphasie mit niemandem mehr sprechen. Zum Glück habe ich eine Alltagshelferin bekommen, weswegen ich nicht ins Pflegeheim kam. Sie war meine einzige Bezugsperson und hat mich auch unterstützt, als ich mein Studium aufgenommen habe. Mit Gesundheitspädagogik konnte ich meine bisherigen Berufe miteinander verbinden – optimal. Ich erholte ich, unterrichtete und alles ging wieder aufwärts – bis zum zweiten Schlaganfall mitten im Unterricht.

Die Ursache wurde eher zufällig gefunden

Ein paar kleinere Schlaganfälle folgten, die Ursache wurde eher zufällig gefunden. Weil ich zusammengebrochen bin, hat ein Kardiologe mich gründlich unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Ich hatte Vorhofflimmern und mein ganzes Herz war voller Thromben, die sich nach und nach lösten und durch meinen Körper wanderten – unter anderem ins Gehirn. Die Veranlagung dazu muss ich geerbt haben. Im Nachhinein weiß ich: Ich hätte mich wundern sollen, warum ich als junge Frau trotz Leistungssport oft Herzrasen hatte und kurzatmig war. Ich habe die Symptome einfach ignoriert. Vielleicht dachte damals ich, ich bin zu fit, um ernsthaft krank zu sein.

Jung, gut ausgebildet und trotzdem Rente?

Ich war jung, gut ausgebildet und musste schließlich trotzdem in Rente gehen. So konnte es nicht weitergehen.

30 Kilo hatte ich inzwischen zugenommen durch den Bewegungsmangel und die Medikamente, dabei wollte ich nichts lieber, als endlich wieder Sport machen.

Mit dem neuen Hobby kam der Ehrgeiz

Reha-Sport mit lauter älteren Menschen kam für mich nicht infrage. Also probierte ich Bogenschießen, aber mit einer Spastik und Bewegungsstörungen im Arm den Bogen zu spannen, war unmöglich. Trotzdem war es gut, das auszuprobieren, denn so erfuhr ich, dass der Verein auch eine Schießsport-Abteilung hatte. Und siehe da: Das klappte! Am Anfang habe ich mein neues Hobby noch nicht so ernst genommen, aber ich merkte schnell, dass ich gut war. Obwohl ich wenig trainierte landete ich bei den Wettbewerben auf den vorderen Rängen.

Dadurch kam mein alter Ehrgeiz aus dem Leistungssport wieder zum Vorschein. Inzwischen trainiere ich im paralympischen Kader in Niedersachen, schieße nationale und internationale Wettbewerbe. Bisher war ich in ganz Deutschland bei Wettbewerben unterwegs, unter anderem bei der Weltcup-Ausscheidung. Nächstes Jahr wird es auch ins Ausland gehen.

Simone versucht immer das Beste herauszuholen

Durch den Schießsport hatte ich wieder einen Neustart – dieses Mal zum Positiven! Ohne meinen Willen und die Disziplin wäre ich nie da, wo ich heute bin.

Ich kann laufen, sprechen, führe ein selbstständiges Leben und übernehme sogar kleine Sprechrollen im Fernsehen. Die Konzentration beim Schießen hilft, mein Kurzzeitgedächtnis zu trainieren. Und das Beste: Ich habe durch den Sport neue Freunde gefunden – und meinen wunderbaren Ehemann! Die Einsamkeit gehört definitiv der Vergangenheit an. Die Menschen akzeptieren mich so, wie ich bin. Ich weiß, dass die Folgen der Schlaganfälle nie wieder verschwinden werden, aber ich versuche immer, das Beste herauszuholen – und der Sport hilft dabei unwahrscheinlich.