Ludwig kann trotz schwerem Unfall und Koma wieder tanzen

Ludwig kann wieder tanzen

Sie wollen sich nicht verstecken: Jedes Jahr wieder gehen Menschen, die ihre Sprache verloren hatten, bei den Würzburger Aphasie-Tagen an die Öffentlichkeit, erzählen von ihrem Schicksal und davon, wie sie es gemeistert haben.

Höhepunkt des diesjährigen Kongresses an der Uni Würzburg, an dem 650 Betroffene, Angehörige und Fachleute aus dem deutschsprachigen Raum teilnahmen, war der Auftritt von Luise Köppen, die ihrem schwer verunglückten Sohn aus dem Koma holte. Am Aschermittwoch 2012 passierte es. Ludwig Köppen, 19 Jahre alt, verunglückte schwer mit dem Auto. Luise Köppen, seine Mutter, erhielt bei einem Gottesdienst die Nachricht, dass etwas Schlimmes passiert sei. Sie begab sich in die Klinik, wo ihr Sohn im Koma lag.

Hausaufgaben für einen Koma-Patienten

Die Ärzte machten ihr kaum Hoffnung. Zu diesem Zeitpunkt nicht. Und später noch viel weniger. Doch Luise Köppen ließ sich nicht entmutigen. Tag für Tag war sie bei Ludwig. Tag für Tag versuchte sie, ihn zu stimulieren: „Ich begann irgendwann, ihm Hausaufgaben für den nächsten Tag aufzugeben.“ Winzigste Reaktionen zeigten ihr, dass Ludwig sie verstand.

Ludwig kämpft sich zurück ins Leben

Wer Ludwig Köppen heute sieht, kann kaum glauben, dass er vor sieben Jahren dem Tod von der Schippe gesprungen war. Seine Halbseitenlähmung ist zwar nicht zu übersehen. Auch leidet der 25-Jährige nach wie vor unter Aphasie. Doch er hat, nachdem er sehr langsam aus seinem halbjährigen Koma erwacht und einen insgesamt anderthalbjährigen Aufenthalt in Akut- und Rehakliniken überstanden hatte, hart an sich gearbeitet. Und immens viele Fähigkeiten zurückgewonnen. Selbst seinen Jugendtraum, Tanzlehrer zu werden, konnte er sich, zumindest teilweise, erfüllen: Ludwig Köppen ist inzwischen Assistenztanzlehrer in einer Tanzschule.

Luise Köppen glaubte an ihren Sohn

Das Beispiel von Luise Köppen zeigt, wie Menschen in Krisen weit über sich selbst hinauswachsen können. Nie zuvor im ihrem Leben, berichtete die 57-jährige Biologielehrerin aus Lübeck, die ihre Erlebnisse im Buch „Das Erwachen des Tänzers“ festgehalten hat, habe sie eine auch nur annähernd so große Katastrophe meistern müssen. „Wir waren eine Bilderbuchfamilie“, so die vierfache Mutter. Im Großen und Ganzen lief immer alles glatt. Man verstand sich. Liebte sich. Ohne zu klammern.

Für Außenstehende ist es die immense Kraft von Luise Köppens Liebe, die Ludwig zurück ins Leben holte. Dass der von den Ärzten aufgegebene junge Mann tatsächlich wieder erwachte, gilt als spektakulär. Grundsätzlich jedoch machten viele Aphasiker die Erfahrung, dass ihre größte Hilfe auf dem Weg zurück ins Leben Menschen waren, die an sie glaubten, die sie ermutigten und die unverbrüchlich solidarisch zu ihnen standen.

Aphasie als Folge eines Schlaganfalls

„Auch ich wäre heute nicht da, wo ich jetzt stehe, hätte es nicht viele, ganz besondere Begegnungen während meines Rehaprozesses gegeben“, sagte der Softwareentwickler Matthias Beck, der vor 13 Jahren durch eine Hirnblutung Aphasiker wurde.

Trotz Aphasie an einer "Talker-Runde" teilnehmen

Auch Eric Sellier hat jemanden, der fest an ihn glaubt: Nämlich seine Frau Daniela. Sellier erlitt im Jahr 2006 einen Schlaganfall. Bis heute ist er Globalaphasiker: Sellier versteht sehr viel, kann sich jedoch fast nicht artikulieren. Dennoch nahm er, mit seiner Frau als Assistentin, während der Aphasie-Tage an einer „Talker-Runde“ teil. Zusammen mit Matthias Beck und Tine Wagner, einer Grundschullehrerin, die vor eineinhalb Jahren einen Schlaganfall erlitt, befragte er öffentlich drei Sprachtherapeuten.

Würzburger Aphasie-Kongress stellt Betroffene in den Mittelpunkt

Dass Betroffene im Mittelpunkt stehen, dass sie sich artikulieren, dass sie Fragen stellen und Forderungen laut werden lassen, das macht den Würzburger Aphasie-Kongress europaweit einzigartig. Die vom Zentrum für Aphasie & Schlaganfall Unterfranken (AZU) ausgerichtete Tagung will aber nicht nur informieren, sondern gleichzeitig ein Modell sein für den Umgang mit Aphasikern. Die möchten nicht nur gesellschaftliche „Teilhabe“, betonte der renommierte Kognitionsforscher Walter Huber, „sondern sozial anerkannt werden.“

Auch von Sprachtherapeuten erwarten sie sich mehr als lediglich eine Behandlung auf dem aktuellen Stand des Wissens. „Wir wünschen uns Empathie“, erklärte Daniela Sellier. Gerade schwerstbetroffene Aphasiker wie ihr Mann Eric begegneten oft nur noch ihren nächsten Angehörigen sowie ihren Therapeuten. Wegen der speziellen sozialen Umstände von Menschen mit Aphasie dürfe sich der professionelle Kontakt nicht ausschließlich auf die reine Behandlung beschränken.