Entscheiden muss man selbst

Wie finde ich die richtige Klinik für mich? Darüber, ob das Internet in dieser Frage ein guter Ratgeber ist, gehen die Meinungen noch immer weit auseinander.

Rund 8.000 Anrufe erreichen das Service- und Beratungszentrum der Stiftung Deutsche Schlaganfall- Hilfe alljährlich. Oft suchen Patienten oder Angehörige nach einer Klinik. Dabei sind die wichtigsten Informationen längst im Internet zu finden. Man muss sie allerdings verstehen und einordnen können, und das ist nicht leicht.

„Deutsche vertrauen Bewertungsportalen nicht“, titelte eine Pressemeldung Ende letzten Jahres. „Nur 37 Prozent der Bundesbürger vertrauen den Krankenhausbewertungen“, heißt es dort weiter. Die Meldung basiert den Angaben zufolge auf einer repräsentativen Umfrage unter 1.000 Bundesbürgern, in Auftrag gegeben von der Asklepios GmbH.

Nun muss man wissen, dass Asklepios zu den großen privaten Klinikbetreibern in Deutschland gehört. Wenn ein gewinnorientierter Konzern eine teure Umfrage in Auftrag gibt, ist zu erwarten, dass das Ergebnis seinem Image und der Bilanz zuträglich sein muss. Das mag auch in diesem Fall so sein. Doch Fakt ist: Asklepios scheint recht zu haben.

Wenig Vertrauen zum Internet

„Das Internet ist für die Deutschen offenbar keine bekannte und vertrauenswürdige Quelle für Informationen rund um Krankenhäuser“, heißt es im Text. Das trifft in dieser Absolutheit nicht zu, denn immerhin gut ein Drittel der Deutschen sucht seine Klinik im Internet. Doch die Mehrheit von fast zwei Dritteln eben nicht, das ist die andere Lesart dieser Daten.

Auf der Suche nach Schnäppchen sind die Berührungsängste vieler Deutscher mit dem Internet wie weggeblasen. Doch „wenn es um Gesundheit geht, vertrauen sie eher Freunden, Verwandten oder ihrem Hausarzt“, weiß Marcel Weigand, Vorstandsmitglied des „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ (APS). Weigand würde sich wünschen, dass deutlich mehr Menschen das Internet als Informationsquelle für die Wahl der Klinik nutzen, insbesondere einweisende Ärzte.

Rückschlüsse darauf, ob eine Klinik die Sicherheit ihrer Patienten großschreibe, könne man anhand vieler kleiner Indikatoren ziehen „Nimmt eine Klinik regelmäßig an der „Aktion saubere Hände“ teil, deutet das darauf hin, dass man es dort ernst nimmt mit der Hygiene“, nennt er ein Beispiel. Neben diesen weichen Faktoren gibt es auch harte Fakten, etwa die Zahl der sogenannten unerwünschten Ereignisse. Viele dieser Daten sind bereits öffentlich verfügbar – in den Qualitätsberichten, die jedes Krankenhaus jährlich veröffentlichen muss. Doch teilweise sind sie so verklausuliert, dass es einen Übersetzer bräuchte, um sie zu verstehen.

Mehr Transparenz für den Nutzer

Das ist die Aufgabe, der sich Bewertungsportale verschrieben haben, die es mit der Qualität ernst meinen. Das wohl bekannteste Portal ist die „Weisse Liste“, ein Projekt der Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit Dachverbänden der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen. Vorhandene Daten auszuwerten, zusammenzufassen und so dem Patienten eine sachlich fundierte Entscheidung für seine Erkrankung zu ermöglichen, darin sehen die Initiatoren den Auftrag einer solchen Plattform. Von zentraler Bedeutung ist dabei, dass Nutzer den Daten vertrauen können. Objektivität ist ein entscheidendes Qualitätsmerkmal solcher Seiten.

„Portale, bei denen ein finanzielles Interesse dahintersteckt, sind mit Vorsicht zu betrachten“, meint Jann Ohlendorf, Pressesprecher der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD), „weil man hier nicht sicher sein kann, was ausschlaggebend für eine Beurteilung ist.“ Timo Thranberend, Projektmanager der Bertelsmann Stiftung, argumentiert ähnlich: „Es muss für den Nutzer auf den ersten Blick transparent sein, woraus die Rangfolge in seinem Suchergebnis resultiert. Schwierig mit Blick auf Vertrauenswürdigkeit sind bezahlte Einträge, die dafür sorgen, dass einzelne Leistungsanbieter bevorzugt dargestellt werden.“

Als „Entscheidungsgenerator“ sollte man ein Bewertungsportal generell nicht verstehen. Auch die „Weisse Liste“ setzt kritische Nutzer voraus, die willens sind, sich selbst ein Urteil zu bilden. Denn natürlich können zwei Patienten mit gleicher Diagnose bei der Bewertung der Daten zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen. Die Frage der Mengen zum Beispiel wird immer wieder kontrovers diskutiert. Wie oft ein Krankenhaus eine bestimmte Operation durchführt, hat Einfluss auf die Behandlungsergebnisse. Das leuchtet dem Laien ein und ist statistisch belegbar. Doch eine Garantie ist es deshalb nicht. Und ist ein Patient älter, mehrfach erkrankt und schlecht orientiert, muss die Großklinik nicht zwangsläufig erste Wahl sein.