"Symptome verschwinden, Ursachen nicht!"

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz ist ein ausgewiesener Schlaganfall-Experte. Mario Leisle sprach mit ihm über die Tücken flüchtiger Symptome.

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz

Im Interview:
Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz
Chefarzt am Ev. Klinikum Bethel in Bielefeld und Regionalbeauftragter der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

  • Herr Prof. Schäbitz, was genau ist eine TIA?

Zu Deutsch: eine transitorisch-ischämische Attacke. Man kann von einem flüchtigen Schlaganfall sprechen. Das bedeutet, die Symptome bilden sich innerhalb von 24 Stunden komplett zurück. Meist dauern sie nur wenige Minuten bis zu einer Stunde an.

  • Welche Symptome sind das?

Am häufigsten treten Sprachstörungen, Lähmungen, Sensibilitätsstörungen, aber auch Sehstörungen und Koordinationsstörungen auf.

  • Was raten Sie Patienten?

Die Empfehlung ist ganz klar: Man sollte das sofort in einer Klinik mit einer Stroke Unit, einer Schlaganfall-Spezialstation, abklären lassen. Aber gerade im letzten Jahr haben wir gesehen, dass unter Corona-Bedingungen Patienten mit leichten Schlaganfällen öfters zuhause blieben.

  • Weshalb muss ich zur Abklärung, obwohl die Beschwerden vorbei sein?

Die TIA ist in der Regel Vorbote eines kompletten Schlaganfalls. Deshalb muss man schnellstmöglich abklären, woran es liegt. Ob eine Herzrhythmusstörung vorliegt, ob im Herzen ein Thrombus ist oder die Einengung einer gehirnversorgenden Arterie vorliegt, um nur die häufigsten Ursachen zu nennen.

  • Wie läuft diese Abklärung in der Klinik ab?

Die Patienten werden auf der Schlaganfall-Station aufgenommen. Wir überwachen Blutdruck und Herzrhythmus, das Herz wird mit Ultraschall untersucht, auch die gehirnversorgenden Arterien. Das Gehirn selbst untersuchen wir mit dem CT oder einem MRT. In der Regel gelingt es uns so, die Ursache zu finden und eine Risikoeinschätzung vorzunehmen. Auf dieser Basis können wir eine Behandlung ansetzen.

  • Was empfehlen Sie Patienten, bei denen eine solche Attacke schon Monate zurückliegt?

Auch in diesem Fall würde ich dringend zur Abklärung raten. Damit muss man nach so langer Zeit nicht ins Krankenhaus kommen, aber zum niedergelassenen Arzt sollte man auf jeden Fall gehen.

  • Wie viele TIA-Patienten erleiden später einen schwereren Schlaganfall?

Wir erleben regelmäßig, dass uns Schlaganfall-Patienten sagen, sie hätten schon früher solche Symptome gespürt. Studien belegen, dass innerhalb von vier Wochen fast 20 Prozent der TIA-Patienten einen manifesten Schlaganfall erleiden können. Je schwerer die Symptome der TIA, desto höher das Risiko, einen echten Schlaganfall zu erleiden.

  • Können Sie einen echten Schlaganfall von einer TIA unterscheiden?

In der Regel schon. Wenn man bei Patienten mit schweren Symptomen nach zwei oder drei Tagen ein MRT macht, wird man wahrscheinlich kleine, pünktchenförmige Infarkte im Gehirn sehen. Und dass, obwohl sich die Symptome schnell zurückgebildet haben. Manchmal ist man aber auch überrascht, dass die Infarkte auf dem Bild viel größer sind, als die Symptome vermuten ließen.

  • Wie lässt sich das erklären?

Das Gehirn ist ein riesiges Organ mit einer hohen Plastizität und Eloquenz. Es gibt aber auch Gehirnareale, die nicht so aktiv sind. Wenn diese Areale durch einen Schlaganfall ausgeschaltet werden, bedeutet das nicht automatisch, dass jemand eine langwierige Beeinträchtigung davonträgt. Dagegen kann ein kleiner, pünktchenförmiger Infarkt an einer strategisch wichtigen Stelle im Gehirn zu einer lebenslangen Behinderung führen.

  • Es gehört also auch Glück dazu?

Das auch. Doch wenn es einmal gut geht, bedeutet das nicht, dass ein nächster Infarkt nicht an einer kritischen Stelle stattfinden kann.

  • Was ist für Sie die wichtigste Botschaft?

Symptome verschwinden, Ursachen nicht! Eine TIA ist wie ein Schlaganfall und sollte letztlich genauso behandelt werden.