Falscher Film mit Happy End

Nadine Kramer steht mitten im Leben. Die agile Geschäftsfrau führt ein Familienunternehmen in vierter Generation. Sie gehört zu jenen Menschen, die nie krank werden. Zumindest dachte sie das bis zum 15. August dieses Jahres.

„Alles halb so schlimm“

Es war ein sonniger Sonntag. Nadine Kramer genoss den Morgenkaffee mit Ehemann Christian auf der Terrasse, als es anfing. „Ich wollte mit dem linken Arm etwas greifen, plötzlich machte er sich selbständig, zuckte wie wild und ich konnte ihn nicht mehr steuern“, erinnert sich die 45-Jährige zurück an die skurile Situation. Die Taubheit breitete sich schnell auf die linke Körperhälfte aus, ein starkes Kribbeln kam hinzu. „Ich dachte: Das ist ja eigenartig!“

Christian Kramer hatte glücklicherweise gleich die richtige Ahnung, wählte den Notruf 112 und schilderte am Telefon seinen Schlaganfall-Verdacht. „Ich dachte nur: Bin ich hier im falschen Film? Ich muss doch nicht in ein Krankenhaus, denn so schlimm war´s nun auch wieder nicht“, erzählt seine Frau. Dass sie gelallt haben soll, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. Selbst den Rettungsdienst, der schnell vor Ort war, versuchte sie zu überzeugen, dass alles halb so schlimm sei. Schließlich waren die Symptome schon fast abgeklungen. Doch Ehemann Christian bestand auf eine Untersuchung im Krankenhaus. „Heute bin ich ihm total dankbar“.

Heute ist Nadine Kramer ihrem Mann Christian dankbar, dass er auf eine Untersuchung im Krankenhaus bestand.

Ein weißer Fleck im Gehirn

In der Notaufnahme des Ev. Klinikums Bethel in Bielefeld wurde die Patientin zunächst neurologisch untersucht, obwohl es ihr schon wieder gut ging. Doch mitten in der Untersuchung wurde die Ärztin zu einem akuten Notfall gerufen, ein „richtiger Schlaganfall“, dachte Nadine Kramer. „Das war völlig in Ordnung, ich hatte ja nichts und wollte doch keinem zur Last fallen“, schmunzelt sie heute. „Schlimm war nur, in Jogginghose in der Wartezone zu sitzen, während wir zuhause Familienbesuch hatten. Sonntag ist unser einziger freier Tag – ich war richtig wütend auf meinen Mann!“
Hätte die engagierte Neurologin in der Notaufnahme Nadine Kramer nicht überredet, sie wäre wohl gegangen. Solche Symptome müsse man ernstnehmen und abklären, hatte ihr die Medizinerin gesagt.

Fünf Stunden hat es schließlich gedauert, bis eine Aufnahme im MRT gemacht werden konnte. An Wochenenden, mit knapper Besetzung und hohem Patientenaufkommen, sind solche Wartezeiten in deutschen Notaufnahmen keine Seltenheit. Und dann kam der Schockmoment. „Ich sah an den Gesichtern der Ärzte, dass etwas nicht stimmte.“ Die Ärztin zeigte ihr die MRT-Bilder und den weißen Fleck in ihrem Gehirn: ein Schlaganfall.

„Falscher Film“ mit Happy End

Nadine Kramer kam auf die Stroke Unit, die Schlaganfall-Spezialstation im Ev. Klinikum Bethel. Sie war völlig aufgelöst, konnte die Diagnose zunächst gar nicht verarbeiten. „Ich dachte, ich muss mich doch noch um meine Eltern kümmern. Werde ich jetzt selbst ein Pflegefall?“ Zwei Tage lang suchten die Fachleute nach der Ursache für ihren Schlaganfall. Gewissheit brachte schließlich eine Ultraschalluntersuchung des Herzens: Nadine Kramer hatte ein so genanntes PFO, ein „persistierendes Foramen ovale“. Das ist ein angeborenes Loch zwischen den Vorhöfen des Herzens, das sich in der Regel in den ersten Lebenswochen verschließt. Bei etwa einem Viertel der Menschen passiert das nicht, ohne dass sie es bemerken. Blutgerinnsel, die sich sonst in der Lunge auflösen, können bei ihnen in die Arterien gelangen und im Gehirn zu einem Gefäßverschluss führen - einem Schlaganfall.
Mittlerweile ist Nadine Kramer wieder gesund. Durch einen vergleichsweise kleinen Eingriff mit einem Katheter konnten Kardiologen das Loch in ihrem Herzen mittels eines kleinen Schirmchens verschließen. „Ich bin total erleichtert, dass die Ursache jetzt behoben ist“, sagt sie. Und doch bleibe etwas zurück. „Man wird nachdenklicher. Ich höre jetzt viel mehr in mich hinein.“ Geblieben ist auch die tiefe Dankbarkeit. „Hätte mein Mann sich nicht durchgesetzt, hätte ich vielleicht schon einen weiteren, schweren Schlaganfall erlitten und wäre wirklich ein Pflegefall“, sagt sie. So kommt der „falsche Film“, in den sie an jenem 15. August geriet, doch noch zu einem Happy End...