"Jetzt erlebt jeder Einsamkeit"

"Jetzt erlebt jeder Einsamkeit"

Im Interview spricht Ulrike Dickenhorst über die Gefahren der Einsamkeit nach Schlaganfall – und wie man den Corona-Einschränkungen sogar positive Seiten abgewinnen kann.

Ulrike Dickenhorst

Im Interview:
Ulrike Dickenhorst
Therapeutische Leiterin des LWL-Rehabilitationszentrums Ostwestfalen

Ulrike Dickenhorst ist Sozialpädagogin, Psycho- und Suchttherapeutin. Seit vielen Jahren begleitet sie Veranstaltungen und Seminare der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

  • Macht Einsamkeit krank? Oder macht Krankheit einsam?


    Dickenhorst: Beides. Einsamkeit kann psychische und physische Erkrankungen auslösen – und umgekehrt. Besonders schwierig ist es, wenn eines das andere immer weiter verstärkt und man in eine Abwärtsspirale gerät.
     
  • Viele Schlaganfall-Betroffene berichten, dass Freunde und Bekannte sich zurückziehen. Was können sie selbst dagegen tun?


    Dickenhorst: In schwierigen Lebenssituationen zeigt sich meist, dass einige Beziehungen die Belastung tragen können und andere nicht. Das ist bei fast jedem so, der einen Schicksalsschlag erleidet. Wichtig ist, dass die Betroffenen klar kommunizieren, was sie brauchen und sich vom anderen wünschen. Außerdem sollten sie sich trotz all ihrer eigenen Sorgen weiterhin für die anderen Menschen interessieren – und auch deren Freud und Leid wahrnehmen, selbst wenn das gerade belanglos erscheint gegenüber dem eigenen Schicksal. Vor allem für Aphasiker ist das schwierig, eine Sprachstörung kann die Situation verschärfen. Manchmal hilft es, sich vor Augen zu halten: Auch im normalen Alltag gehen immer wieder Kontakte verloren und neue entstehen – ganz unabhängig vom Schlaganfall.

  • Oft ziehen sich Betroffene auch selbst zurück. Warum?


    Dickenhorst: Das kann viele Ursachen haben. Die Betroffenen entwickeln zum Beispiel Depressionen und ihnen fehlt der Antrieb. Oder sie bekommen soziale Ängste und die Befürchtung, was andere über sie denken mögen, wird sehr stark. Aber auch Unsicherheiten und Schamgefühl durch ein sichtbares Handicap verstärken die Rückzugstendenzen. Das bekannte Selbstbild als gesunde Person ist plötzlich zusammengebrochen. Vor allem Fremde gehen vielleicht anders mit einem um als früher. Wichtig ist, sich die Frage zu stellen: Was befürchte ich eigentlich, wenn ich jemanden treffe? Oft interpretiert man in das Verhalten anderer auch mehr hinein als eigentlich gemeint ist. Zum Teil kommen finanzielle Sorgen hinzu. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes haben sich die Einnahmen reduziert und Besuche im Theater, Konzerte oder ein Restaurantbesuche mit Freunden können über die eigenen finanziellen Grenzen gehen.

  • Können Betroffene sich selbst am Schopf packen und aus einer Depression herausziehen?


    Dickenhorst: Manche schaffen das allein, indem sie sich wieder feste Tagesstrukturen schaffen, neue Kontakte suchen und vor allem ihre neue Situation (radikal) akzeptieren. Aber es ist schwierig, diesen Weg allein zu gehen. Wer über Wochen und Monate an psychischen Symptomen leidet, sollte sich unbedingt professionelle Hilfe holen. Erste Anlaufstelle ist der Hausarzt oder gegebenenfalls der Neurologe. Er oder sie kann auf ambulante oder stationäre Angebote hinweisen. Jede niedergelassene Psychotherapeut oder jede Psychotherapeutin hat wöchentlich eine telefonische Sprechzeit, in der die Sachlage grob besprochen werden kann, um dann weitere Schritte zu planen.

  • Was können Angehörige und Freunde tun, damit sich Betroffene nicht allein fühlen?


    Dickenhorst: Bei neu Betroffenen gilt: So viel Kontakt halten wie möglich – vor allem unter Corona-Bedingungen. Telefonieren, Textnachrichten schreiben, Fotos am Bett aufstellen, Videokonferenzen, kleine Video-Clips drehen oder klassische Briefe schreiben – werden Sie kreativ und führen Sie kleine Rituale ein. Die Botschaft an den Betroffenen ist wichtig: Auch wenn wir uns gerade nicht direkt sehen können, sind wir für dich da. Und auch für den weiteren Verlauf gilt: Für den anderen da sein, aber sich selbst dabei nicht überfordern. Manchmal sind externe Angebote gut für beide Seiten. Wenn der Betroffene zum Beispiel einige Stunden mit einem Schlaganfall-Helfer verbringt, hat dieser einen weiteren Ansprechpartner und der Angehörige einige Zeit für sich.

  • Die Corona-Situation verstärkt bei vielen Betroffenen die Einsamkeit...


    Dickenhorst: Das stimmt leider. Wer technisch versiert ist, kann zum Beispiel Videokonferenzen nutzen, aber tatsächlich haben viele Betroffene weniger Kontakte als zuvor, besonders wenn sie im Homeoffice sind. Einen kleinen Effekt hat die Krise allerdings: Jetzt ist jeder einsam. Zumindest wesentlich einsamer als früher. Plötzlich erlebt jeder, wie es ist, einer Situation ausgeliefert zu sein, an der man selbst nichts ändern kann. Alle sind im gleichen Boot – völlig unabhängig von Alter oder Erkrankungen. Ich hoffe sehr, dass die Menschen merken, wie sich das anfühlt und künftig mehr aufeinander achten, denn wir brachen alle einander.