Miriam und Sebastian sind ein glückliches Paar - trotz Schlaganfall

Der Schlaganfall hat keinen Platz im Leben

Miriam und Sebastian sind ein glückliches Paar. Dass Miriam einen Schlaganfall hatte, hat für Sebastian nie eine Rolle gespielt.

So fing alles an

Vor knapp vier Jahren hatte Chrissi ein neues Pferd bekommen, das sie ihren Freunden vorführen wollte. Eigentlich waren Chrissis Freunde Sebastian und Miriam in den Stall gekommen, um das neue Pferd zu sehen. Doch nachdem Sebastian Miriam in ihren Gummistiefeln im Stall beim Misten entdeckt, kann er sich auf das neue Pferd irgendwie nicht mehr konzentrieren. Sebastian „Sebi“, sonst als KFZ-Prüfingenieur angestellt und leidenschaftlicher Motorradfahrer, gesellt sich zu Miriam – und mistet mit. „Er hat gegen mich gewonnen. Toll“, meint Miriam. „Ist auch ganz schwer gegen eine Halbseitengelähmte beim Misten zu gewinnen.“ Sebastian kontert: „Du wolltest mich halt, weil ich am meisten Mist auf die Gabel bekomme.“

Seit vier Jahren ein unschlagbares Team

Es ist dieser ständige, halb witzige, halb ernsthafte Schlagabtausch, den das Paar jetzt seit vier Jahren nicht unterbrochen hat. „Wir sind vom Denken her komplett unterschiedlich“, sagt Sebastian. Er sei eher der Träumer, sagt er und meint damit eigentlich Visionär. Sie ist die Frau mit den Zahlen, den verlässlichen Werten. „Dadurch gibt es auch Konflikte. Aber wir ergänzen uns sehr gut. Und das macht uns zu einem unschlagbaren Team.“

Sebastian machte Zivildienst auf einer neurologischen Akutstation

Wenige Tage nach dem Ausmisten und einem gemeinsamen Spaziergang mit anderen Freunden haben Miriam und Sebastian ihr erstes Date. Und der Schlaganfall, die Halbseitenlähmung? „War nie ein Thema“, sagt Sebastian. Nach der Schule und vor dem Studium hatte der heute 36-Jährige zunächst eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker durchgezogen, dann seinen Zivildienst absolviert: auf einer neurologischen Akutstation. Auch deshalb musste Miriam ihm nie viel erklären. „Für Miri selbst wäre es sicher schöner, sie wäre ganz gesund. Ansonsten planen wir nicht nach der Behinderung.“

Miriam erlitt den Schlaganfall mit 16

Es ist eine besondere Fröhlichkeit, eine Klar- und Strukturiertheit, die Miriam ausmachen. Gaben, mit denen sie scheinbar mühelos diesen warmen Frühlingstag im April 2006 abschütteln lässt.

Miriam war damals 16 Jahre alt. Am Abend kommen die Kopfschmerzen, gegen 23.30 Uhr sind sie unerträglich. Dazu Kaltschweiß. Die 16-Jährige kann ihre Beine nicht mehr bewegen. Sie ruft ihre Mutter. Diese reagiert schnell – und wählt die 112. Eine kleine Odyssee durch mehrere Kliniken beginnt. In Essen wird sie schließlich richtig behandelt. Eine Hirnblutung aus dem Nichts.

Ein weiterer Schlaganfall nach dem Schlaganfall

Zwei Wochen später passierte damals das, was Miriam „eine Komplikation der Hirnblutung“ nennt: Sie erleidet im Krankenhaus einen Schlaganfall. Ein Anfall mit Folgen. Halbseitenlähmung. Den linken Arm kann sie heute etwas bewegen, die Hand fast gar nicht.

In der Reha muss Miriam alles neu lernen

Eine Woche nach dem Schlaganfall kommt Miriam in die Reha. „Zu diesem Zeitpunkt war ich komplett immobil, war auf den Rollstuhl angewiesen, konnte nicht einmal selbstständig auf der Bettkante sitzen.“ Die linke Seite ist für sie nicht existent. „Ich habe auch nur das Essen auf der rechten Seite des Tellers gegessen. Wenn ich damit fertig war, musste man mir den Teller einmal drehen.“

Fünfeinhalb Monate dauert die Reha. Alles muss sie neu lernen – vom Gehen bis zum Anziehen. Freunde aus ihrer regulären Schule kommen mit der Situation nicht klar. Eine Freundin hat sie einmal in der Reha besucht. Danach nie wieder. Kurz vor Weihnachten ist sie wieder zu Hause. Auf der Liege rein – auf den eigenen zwei Beinen wieder raus.

Miriam hat sich in ihr Leben eingewöhnt

Was ihr draußen hilft, sich in ihr Leben wieder einzugewöhnen, ist ihr Stute „Maja“, die sie noch im Februar 2006 bekommen hatte – und die Rückkehr in die Schule, auch wenn sie das Jahr nochmal machen musste. Nach dem Fachabi machte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau.

Heute arbeitet sie Vollzeit im Jobcenter in Lemgo. Sogar lange Flugreisen unternehmen die beiden gemeinsam. „Allerdings reisen wir nicht in Länder mit schlechter medizinischer Versorgung“, sagt Sebastian.

Ansonsten hat der Schlaganfall keinen Platz in Miriams Leben.