Intensive Sprachtherapie wirkt

Sprachlos nach Schlaganfall – dieses Schicksal ereilt viele Patienten. Sprachtherapie kann helfen. Doch wann, wem und wie viel? Auch darum ging es auf dem DGNR-Kongress 2019.

50.000 neue Aphasiker pro Jahr

30 bis 40 Prozent der Schlaganfall-Patienten leiden in der akuten Phase an einer Aphasie (Sprachstörung). Bei 15 bis 20 Prozent dieser Patienten chronifiziert sich diese Störung. Das bedeutet, dass jedes Jahr allein durch den Schlaganfall etwa 50.000 Menschen zu Aphasikern werden.

Nur 40 Prozent erhalten Therapie

In einem sind sich Wissenschaftler und Praktiker einig: so richtig wirkt Sprachtherapie bei einer Aphasie nur, wenn sie intensiv angewandt wird. „Chronische Aphasiker erhalten aber heute in der Nachsorge überhaupt nur zu 40 Prozent Sprachtherapie“, sagt Dr. Cornelius Werner. „Und das in der Regel zweimal 25 Minuten pro Woche. Das kann man im Prinzip als wirkungslos bezeichnen“.

Kassen zahlen Intensivtherapie

Der Neurologe und Geriater leitet die Aphasiestation der Uniklinik Aachen, die seit 17 Jahren eine intensive Sprachtherapie anbietet und die Erfolge ihrer Arbeit dokumentiert. In Kürze wollen die Aachener ihre wissenschaftliche Auswertung publizieren. Erstaunlich: Obwohl Sprach-Intensivtherapie im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen nicht vorkommt, sind die Kassen dennoch bisher immer für die Behandlungskosten aufgekommen.

Angehörige einbeziehen

Nicht nur das intensive Training, auch die Mischung von Einzel- und Gruppentraining und die Einbeziehung der Angehörigen als Kommunikationspartner machten den Erfolg der Aachener aus, so Werner. Seine Daten belegen, dass die Erfolge mit zunehmendem Alter abnehmen. „Aber auch ältere Patienten können profitieren, da kommt es auf die individuellen Voraussetzungen an“, macht Werner Therapeuten und Patienten Mut.

Jüngere Frauen profitieren stärker

Frauen unter 55 Jahre, bei denen der Schlaganfall maximal vier Wochen zurückliegt, profitieren nach der wohl weltweit größten Studie zur Sprachtherapie (RELEASE) am meisten von intensiver Therapie. Erste Ergebnisse dieser Studie, die noch nicht publiziert wurde, stellte die Münsteraner Sprachtherapeutin Dr. Caterina Breitenstein vor. 174 Einzelstudien aus 28 Ländern flossen in das Ergebnis ein.

Spontaneffekte sind groß

Ob Sprachtherapie bereits gleich nach dem Schlaganfall wirkt, wissen die Wissenschaftler nicht. Denn in dieser Zeit ist der Grad der so genannten „Spontanerholung“, also die Verbesserung ohne Zutun von außen, vermutlich so groß, „dass Therapie-Effekte wohl in diesem Rausch untergehen“, vermutet Breitenstein.

Mindestens 4 Stunden pro Woche

Was bedeutet nun Intensivtherapie? Die RELEASE-Studie zeigte, dass es mindesten 4 Zeitstunden pro Woche für mindestens 4 Wochen sein müssten, besser mehr. In einigen Studien erhielten die Patienten 10 bis 20 Wochen lang Intensivtherapie. Sprache und Sprachverständnis verbessern sich durch die Therapie etwa in gleichem Maße.

Studie liefert wichtigen Nachweis

Die Praxis der verordneten Sprachtherapie sieht oft noch anders aus. Doch Nachweise, wie sie die neue Studie liefert, sind Wasser auf die Mühlen von Therapeuten und Ärzten, die sich bei den Kassen für die Kostenübernahme ihrer Patienten stark machen. Das Beispiel Aachen und manch anderes zeigen, dass es funktionieren kann.