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Nachhaltige Veränderung des Lebens

21 Jahre nach dem Schlaganfall

Birgit Könitzer kommt mit ihrer Fußhebeschwäche grundsätzlich zurecht. Doch Schlaganfall-Lotse Uwe Helbig macht sie auf ein neues Verfahren aufmerksam, das es ermöglicht, den Fuß sicherer aufzusetzen. Sie testet die Therapie.

 

Den Anstoß gab die Vorstellungsrunde beim Erfahrungsaustausch Junger Mensch und Schlaganfall in Lobbach. „Birgit Könitzer erzählte damals, dass sie mit ihrer Fußhebeschwäche grundsätzlich zurechtkäme. Dass sie aber speziell bei Gefälle Angst habe, zu stürzen", erinnert sich Uwe Helbig, Schlaganfall-Lotse in Dresden. Im Anschluss an die Runde spricht er Birgit Könitzer an und macht sie auf ein neues Verfahren aufmerksam, das es ermöglicht, den Fuß sicherer aufzusetzen.

Birgit Könitzer freut sich über den Hinweis. Zugleich ist sie skeptisch: Ihr Schlaganfall liegt bereits 21 Jahre lang zurück. Damals war sie gerade 29 Jahre alt. Es war ihr erster Urlaubstag. Sie wollte eigentlich nach England in die Ferien. Doch schon kurz nach dem Aufstehen klagt sie über heftigen Schwindel. Der Notarzt kommt zwar schnell, stellt aber die falsche Diagnose und diagnostiziert einen Hörsturz. Sie sollte drei Stunden liegen bleiben, als es nicht besser wurde, rief sie einen Krankenwagen. Bereits auf dem Weg in die Klinik fällt sie ins Koma. Durch die falsche Diagnose kommt sie zunächst zur HNO, dann erst auf die Intensivstation. Erst drei Wochen später wird sie wieder erwachen.

Seitdem ist ihr wichtig: „Die Symptome eines Schlaganfalls müssen so bekannt wie möglich gemacht werden. Und müssen immer mitbedacht werden. Auch bei jungen Patienten", sagt die heute 50-Jährige mit Nachdruck. „Dann wäre es auch bei mir nicht so schlimm geworden." Fast vier Monate ist sie anschließend in der Reha. Doch das Leben der gebürtigen Erfurterin, die als Nachrichtentechnikerin gearbeitet hatte, ist nicht mehr das Gleiche. „Am Anfang konnte ich nicht sehen, nicht hören, nicht reden." Selbst heute kann sie ihre geliebten Bücher nicht mehr lesen. „Die sind in meiner Wohnung nur noch Deko!" Maximal auf ein oder zwei Artikel kann sie sich inzwischen konzentrieren. Birgit Könitzer ist Frührentnerin. Ihr Mann hat sich bald nach dem Schlaganfall von ihr scheiden lassen.

Dennoch hat sie sich mit viel Energie in ein anderes Leben gekämpft. Heute hat sie viele Kontakte, leitet eine Selbsthilfegruppe für Aphasiker in Weimar. „Der Austausch untereinander ist so unendlich wichtig", sagt sie. „Betroffene sind in der Regel die besten Experten." Auch daher freut sie sich ganz besonders über die Erfahrungsaustausche der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe einmal im Jahr. „Man denkt ja immer, dass man schon alles über den Schlaganfall, über Therapien und Anträge wüsste. Aber bei den Erfahrungsaustauschen lernt man doch immer noch etwas dazu", sagt Könitzer.

Besonders dankbar ist sie diesmal darüber, dass Schlaganfall-Lotse Uwe Helbig ihr über Landesgrenzen hinaus schnell Kontakt zu Dr. Daniel Martin von der Uniklinik Dresden herstellte. So lenkte er ihr Augenmerk auf eine neuartige Therapie der Fußheberparese mittels einer so genannten Nervus peroneaus-Stimulation (ActiGait), auf die sie sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre und die ihr Leben nachhaltig zum Besseren verändert hat.

Wie funktioniert die Nervenstimulation?

 

Zu einem sicheren Gangbild gehört das Anheben der Fußspitze bei jedem Schritt, um nicht zu stolpern. Durch die Schädigung von Nervenzellen im Gehirn erhält der Fußhebernerv jedoch keine Bewegungsimpulse mehr. Diese Impulse sendet stattdessen eine Steuerungseinheit, am Gürtel getragen wird. Eine Elektrode wird um den Fußhebernerv in der Kniekehle gelegt, die Antenne befindet sich am seitlichen Oberschenkel und ist durch ein Kabel mit der Elektrode an der Kniekehle verbunden. Der Impuls von der Steuereinheit am Gürtel wird per Funk in den Oberschenkel übertragen. Damit die Steuereinheit weiß, in welcher Gangphase sich der Patient gerade befindet und wann genau der Impuls auf den Nerven gegeben werden muss, gibt es einen Fußschalter unter der Ferse. Er sende ebenfalls per Funk die Information an die Steuereinheit.

Die Fußhebeschwäche ist für Birgit Könitzer ein Problem, das sie in jeder Situation ihres Alltags begleitet. „Ich wohne in Weimar. Dort gibt es viele Straßen mit Kopfsteinpflaster. Irgendwann habe ich mich gar nicht mehr getraut, eine Straße zu überqueren, aus Angst vor einem Sturz." Uwe Helbig begreift sofort, dass Birgit Könitzers Leben durch die Fußhebeschwäche extrem eingeschränkt ist. „Ziel war es, ihr ein besseres Gehen zu ermöglichen und ein sichereres Laufgefühl zu verschaffen, das sich auf ganz viele Bereiche des Lebens auswirkt. Zurück an seinem eigentlichen Arbeitsplatz am Uniklinikum in Dresden, spricht er Dr. Daniel Martin, Experte auf diesem Gebiet, an. Dieser veranlasst eine Vorstellung in seiner Ambulanz und die mehrwöchige Teststimulation des Fußhebernervs. „Die Funktionsweise des ActiGait eignet sich nicht für jeden Patienten", sagt Dr. Martin. „Als Faustregel gilt: Nur in einem von zehn Fällen ist noch eine ausreichende Restfunktionen vorhanden und die Spastik nicht zu ausgeprägt, um ein ActiGait sinnvoll implantieren zu können." Der Probelauf zu Hause in Weimar für mehrere Wochen ist ein Erfolg. Selbst 21 Jahre nach ihrem Schlaganfall sind die Voraussetzungen für die Operation bei Birgit Könitzer gegeben.

Der Eingriff erfolgte drei Stunden unter Vollnarkose. „Dennoch war ich abends schon wieder fit!" erinnert sie sich. Nach vier Tagen wurde sie aus der Uniklinik Dresden entlassen – zunächst noch mit einer Schiene, die das linke Bein ruhig stellt. Drei Wochen lang, Tag und Nacht. Sechs Wochen nach der eigentlichen Operation schließlich wurde das ActiGait aktiviert. Dabei wird die implantierte Elektrode mit der Steuereinheit  verbunden.  „Erst war es ein ganz eigenartiges Gefühl. Als würde der eigene Fuß ferngesteuert. Zugleich hat es sich aber auch ganz leicht angefühlt. Und wunderbar."  

Beim diesjährigen Erfahrungsaustausch der Deutschen Schlaganfall-Hilfe war Birgit Könitzer wieder dabei. Gerade einmal ein halbes Jahr nach dem Eingriff. „Mein ganzes Laufgefühl hat sich geändert: weiter, sicherer, schneller", sagt sie. Die Fußgelenksorthese braucht sie nicht mehr. Und noch eine Verbesserung: „Ich kann die Psychopharmaka weglassen, die ich gegen meine Angst zu fallen benötigt hatte." Nur neulich war einmal die Antenne defekt. Plötzlich musste Birgit Könitzer wieder so laufen, wie sie das 21 Jahre lang getan hatte. „Es war wirklich schwer – ich hatte mich schon längst an das gute Gehen gewöhnt."

Weitere positive Effekte sind von der Stimulation zu erwarten. „Es gibt erste Hinweise darauf, dass andere Bereiche im Gehirn die Funktion der Fußhebung übernehmen könnten", sagt Dr. Martin. Die Hoffnung ist, dass nach dem Tragen des ActiGait über mehrere Jahre diese Unterstützung nicht mehr oder weniger nötig ist. Die Stimulation regt auch die Neuroregerneration an. Darüber hinaus geben die Dehnungsrezeptoren der Sehnen und Muskeln mit jedem Schritt einen Impuls zum Gehirn, was somit trainiert wird. Neben dem physischen Gewinn für den Patienten sieht Martin auch eine wichtige soziale Komponente. „Freunde können einfacher besucht werden, gemeinsame Ausflüge können wieder wahrgenommen werden. Damit steigt die Lebensqualität enorm an und psychische Erkrankungen sind seltener".

Das Implantat wird in den meisten Bundesländern von den gesetzlichen Kassen übernommen. Die meisten Kassen stehen dieser neuen Therapie aufgeschlossen gegenüber.

Kontakt

Dr. med. K. Daniel Martin
Funktionsoberazt - Neurochirurgie
Neurochirurgische Klinik des
Universitätsklinikums Carl Gustav Carus
Bereichsleiter: periphere Nerven- und Plexuschirurgie
Fetscherstrasse 74
01307 Dresden
Telefon mit Anrufbeantworter: 0351-458-6933
Fax: 0351-458-7322
Daniel.martin@uniklinikum-dresden.de

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Kein Tag ohne kleine Erfolgserlebnisse

Ambulante neurologische Rehabilitation

Muss Schlaganfall-Rehabilitation immer stationär stattfinden? Ergänzend zu großen Rehakliniken sind in den vergangenen Jahren ambulante Therapiezentren entstanden. Fachleute trauen diesem Konzept viel zu. Ein Besuch der Ambulanten Neurorehabilitation Aschaffenburg (ANR).

Muss Schlaganfall-Rehabilitation immer stationär stattfinden? Ergänzend zu großen Rehakliniken sind in den vergangenen Jahren ambulante Therapiezentren entstanden. Fachleute trauen diesem Konzept viel zu. Ein Besuch der Ambulanten Neurorehabilitation Aschaffenburg (ANR).

 
In der Sprachtherapie muss oft auch das Sprachverständnis geschult werden, zum Beispiel durch Bilder.

Peter N. aus Aschaffenburg lernte beide Formen kennen. 2010 erlitt er einen schweren Schlaganfall im Alter von 71 Jahren. Nach stationärer Reha entdeckte er 2013 die ANR Aschaffenburg. „Es gab wohl keinen Therapietag, an dem ich die Praxis nicht mit kleinen Erfolgserlebnissen verlassen habe", erinnert er sich heute. Seiner Kasse ist er dankbar, dass sie ihm die Maßnahme bewilligte. Herr N. sieht für Kostenträger klare Vorteile, wenn es um die Abwägung zwischen einer stationären und einer ambulanten Maßnahme geht. „Für die Krankenkassen gibt es ein betriebswirtschaftliches Plus. Es entfallen die Aufenthaltskosten in Rehakliniken und Transportkosten."

Viele Kostenträger setzen jedoch weiter auf die klassische Form der Rehabilitation. Fachärzte und Therapeuten sehen das differenzierter. „Ich weiß nicht, ob eine stationäre Wiederholungsreha das Optimum ist", sagte Prof. Dr. Claus-Werner Wallesch (Bad Elzach), Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation, vor wenigen Monaten in einem Interview mit „Thala", dem Gesundheitsmagazin der Deutschen Schlaganfall-Hilfe. „Wir brauchen eine wohnortnahe Rehabilitation. In den meisten Großstädten gibt es ambulante Einrichtungen. Doch auf dem Land ist das ein großes Problem."

 
Gründete die Neurorehabilitation Aschaffenburg, Dr. Werner E. Hofmann

Dennoch werden rund 30 Prozent der beantragten Therapien in der ANR von den Kassen abgelehnt. „Da fassen wir dann schon mal nach", sagt Dr. Werner E. Hofmann. Er hat die Einrichtung 2001 gegründet. Grundsätzlich kommt die ambulante Neurorehabilitation für Patienten der Phasen C, D und E infrage. „Patienten der Phasen D und E sollten die Reha allein erreichen können oder gebracht werden und nicht ganztags auf Betreuung angewiesen sein", schränkt Hofmann ein. Ambulante Neurorehabilitation kann im Anschluss, aber auch alternativ zu einer stationären Reha erfolgen. Manche Neurologen und Therapeuten schätzen die Wirkung der ambulanten Rehabilitation größer ein als die der stationären. Wenn Patienten abends im eigenen Wohnumfeld sind, können sie die Trainingsinhalte ihrer Therapie im Alltag anwenden und den Therapeuten anschließend Feedback geben.
„Die ambulante Rehabilitation ist außerdem näher am Betroffenen, kann kurzfristiger und auf die lokalen Verhältnisse reagieren", erläutert Hofmann.

 
Auf dem Laufband üben Patienten das Gehen.

Das Therapiezentrum am Aschaffenburger Hauptbahnhof behandelt täglich 20 bis 25 Patienten, knapp die Hälfte von ihnen haben einen Schlaganfall erlitten. Viele benötigen eine Kombination aus Physiotherapie, Ergotherapie, Sprachtherapie und Neuropsychologie mit einem auf die jeweilige Störung zugeschnittenen Therapiekonzept. Dr. Hofmann betreibt eine neurologische Praxis direkt neben dem Therapiezentrum und ist regelmäßig zur Visite vor Ort. Heute spricht er unter anderem mit Friederike S., die nach einem schweren Schlaganfall 17 Tage in der Akutklinik lag, anschließend mit starken Beeinträchtigungen entlassen wurde. „Aber eine stationäre Reha kam für mich nicht infrage, weil ich einen kranken Mann zu Hause habe", sagt die Pensionärin. Nun kommt sie dreimal wöchentlich mit dem Bus. „Patienten sollten die ambulante Reha innerhalb von 45 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen können", sagt Dr. Hofmann. Pro Besuch erfolgen mehrere unterschiedliche, individuell auf den Patienten zugeschnittene Therapieeinheiten, um den Aufwand für die Patienten möglichst gering zu halten und die Therapiedichte zu erhöhen.

 
Taub'sche Therapie in der Ergotherapie

Helmut W. ist nach einem schweren Schlaganfall linksseitig gelähmt. Er kommt in die Klinik zur Taub´schen Therapie, auch „Forced Use" genannt. In der Ergotherapie trainiert er intensiv seine gelähmte Hand. Acht Stunden täglich trägt er die gesunde Rechte in einer Manschette, die ihn daran hindert, sie einzusetzen. So geht auch zu Hause das Training weiter. „Die Erfolge sind wissenschaftlich erwiesen", sagt Dr. Hofmann. Fortschritte werden dokumentiert durch einen Funktionstest zu Beginn der Therapie, der nach 13 Therapietagen wiederholt wird. Die Taub´sche Therapie ist zwar eine IGEL-Leistung. Dennoch wird empfohlen, bei der Krankenkasse anzufragen, danach werden die Kosten häufig teilweise oder auch vollständig übernommen.

Ambulant und stationär müssen kein Widerspruch sein, sondern können sich sinnvoll ergänzen, so wie bei Peter N. Vier Jahre nach seinem Schlaganfall zieht er eine positive Bilanz seiner Rehabilitation und Nachsorge. „Trotz eines schweren Schlaganfalls bin ich wieder in die Gesellschaft integriert. Sehr viel verdanke ich dem Konzept der ANR-Therapien".

Unser Service für Sie

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„Das Ergebnis ist abhängig vom Prozess"

Rehabilitation nach Schlaganfall

Prof. Paul Walter Schönle

Prof. Dr. Dr. Paul-Walter Schönle ist einer der bekanntesten Köpfe in der neurologischen Rehabilitation in Deutschland. Er ist Ärztlicher Direktor der MATERNUS-Kliniken AG und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft medizinisch-beruflicher Rehabilitationszentren. Schönle ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Physikalische und Rehabilitative Medizin, Sozialmedizin, Rehabilitationswesen und Klinische Geriatrie. Mario Leisle befragte ihn zur Wirksamkeit von Therapie.

Herr Prof. Schoenle, was macht den Erfolg von Therapie aus?

Prof. Paul Walter Schönle  

Da müssen wir unterscheiden: Erfolg aus Sicht des Betroffenen, der Angehörigen oder der Professionellen? Letztlich zählt nur der Erfolg aus Sicht der Betroffenen und der Angehörigen. Wir müssen mit ihnen zusammen herausarbeiten, was das Potenzial ist, das wir fördern müssen.

Woran erkennen wir den Erfolg?

Wir brauchen Etappenziele, damit Betroffene und Angehörige sehen: Da tut sich was. Das bringt Erfolgserlebnisse. Die Frage nach der Prognose ist schwierig. Man kann aus einer Untersuchung heraus nicht das endgültige Resultat voraussagen. Das Ergebnis ist auch abhängig von der Dynamik des Prozesses.

Ist Lebensqualität ein Erfolgskriterium?

Das ist ein zentraler Punkt. Der Patient muss eine neue Lebensperspektive entwickeln mit den Freiheitsgraden, die ihm geblieben sind. Er muss sich selbst akzeptieren können in seiner Beschränktheit, das ist vielleicht das Schwierigste. Solange er mit dem Schicksal hadert, findet keine positive Entwicklung statt.

Kann man positives Denken vermitteln?

Patienten sind durch den Schlaganfall möglicherweise gar nicht in der Lage, Motivation zu entwickeln. Da ist das erste Therapieziel, die Motivation des Willens wiederherzustellen.

Patentrezepte gibt es also nicht?

Nein, in der Rehabilitation brauchen wir einen extrem individualistischen Ansatz, sonst wird man dem Betroffenen nicht gerecht. Die Menschen kommen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten.

Inwiefern ist die Wirksamkeit von Therapien heute erwiesen?

Die Deutsche Rentenversicherung hat Leitlinien entwickelt, das sind Therapiestandards. Die weltweit verfügbaren, gängigen Therapiemöglichkeiten wurden nach Wirksamkeit klassifiziert, in einem Expertenmeeting überarbeitet, dann noch einmal kommentiert. Es gibt darüber hinaus einen Katalog therapeutischer Leistungen, nach denen die neurologischen Rehakliniken kodieren, was sie machen. Betroffene und Angehörige können das nachschlagen.

Welche Rolle spielt der Placebo-Effekt in der Therapie?

Der ist sicherlich sehr groß. Unser Frontalhirn kann uns alle Welten vorgaukeln, es ist ja unser Phantasieorgan.

Es gibt Kriterien für gute Therapien, gibt es die auch für gute Therapeuten?

Eine extrem wichtige Frage, die Antwort ist nicht einfach.  In der Chirurgie spielt die Persönlichkeit des Operateurs keine Rolle. Therapie ist aber ein interaktiver Prozess, da kommt es auf die Beziehung von Therapeut und Patient an. Generell ist in der Interaktion wichtig, dass der Therapeut integer ist und einen positiven Einfluss auf den Patienten ausüben kann. Aber er muss sich auch zurücknehmen können, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zulassen. Wenn es nicht gut läuft, muss ich den Therapeuten wechseln. Das sollten Patienten dann aber ihrem Arzt rückmelden.

Welchen Gewinn bringen Computer in der Therapie?

Einen sehr großen. Sie schaffen beispielsweise eine virtuelle Realität. Ich kann viele Abläufe trainieren. Da wird schon die Rechenleistung aufgebaut, die das Gehirn für die Aktivität später benötigt. Ein Beispiel: Wir hatten einen jungen Patienten mit Schlaganfall, der war absoluter Autofan. Dem haben wir ein Autorennen-Spiel für den PC besorgt, ganz realistisch mit Lenkrad, Gas und Bremse. Dann ist er in kürzester Zeit wilde Rennen gefahren durch die Alpen. Und natürlich war er hochmotiviert.

Gibt es in der Therapie einen Punkt, an dem der Aufwand deutlich größer wird als der zu erwartende Nutzen?

Nein, den gibt es nicht. Ich spreche gerne von der lebenslangen Rehabilitation, was für Kostenträger ein Unwort ist, deshalb nennen wir es lieber „Langzeitperspektive". Viele Hirnschädigungen brauchen eine lebenslange Betreuung. Besonders wenn Menschen mit ihrem Schicksal dauerhaft hadern, führt das in eine Depression.
Vielen Dank für das Gespräch.

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Mit der Hand handeln lernen

Wege in der Rehabilitation mit Hilfe der TAUB-Bewegungsinduktionstherapie

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Das Gehirn ist wandlungsfähig und kann nach einem Schlaganfall durch gezielte Übungen so aktiviert werden, dass ein gelähmter Arm wieder besser bewegt werden und funktionieren kann.

Die Bewegungsinduktionstherapie (synonym für „Taubsches Training", „Forced-Use-Therapie" [FUT], Constraint-Induced-Movement-Therapy [CIMT]) wurde von Prof. Taub in den 90iger Jahren in den USA entwickelt (Taub et al 1993).

Im Verlauf der Studien wurde Patienten mit einer Halbseitenlähmung nach einem Schlaganfall der gesunde Arm in eine Schiene gelegt (Restriktion). Dann wurde der betroffene Arm bzw. die betroffene Hand „gezwungen" durch intensive und gezielte Übungen verschiedene Bewegungsabläufe und Handlungen auszuführen. Die Untersuchungen zum Therapieverfahren erfolgten unter Mitarbeit von Prof. Miltner an der Universität in Jena. Mit dem erzwungenen Gebrauch einer teilgelähmten Hand verbesserten sich die Handfähigkeiten und die zuvor entstandene Vernachlässigung der gelähmten Extremität bzw. der „erlernte Nichtgebrauch"  konnte überwunden werden. Die teilgelähmte Hand wurde in Alltagshandlungen wieder aktiv(er) einbezogen.

In langjährigen neurologischen und lerntheoretischen Forschungen wurde deutlich, dass eine Reorganisation des Gehirns möglich ist und ein Erlernen verschiedener Hand- und Armfunktionen trainiert werden kann. Dies ist auch Jahre nach dem Schlaganfall-Ereignis möglich. Voraussetzung ist, dass nach der Hirnschädigung noch (oder wieder) eine Restbeweglichkeit in betroffener Hand und betroffenem Finger vorhanden ist.

Wie sieht die Therapie konkret aus?

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Übungen zum Greifen, Halten, Drehen, Transportieren und Loslassen mit leichten kleinen Kunststoffplättchen. Sie sind Vorbereitungen für die im weiteren Verlauf geübten zielorientierten Handhabungen.

Nach einer ausführlichen Diagnostik werden mit dem Patienten möglichst alltagsrelevante und erreichbare konkrete Ziele aus dem Bereich der Handfunktionen-, -Fähigkeiten und -Aufgaben festgelegt. Die vereinbarten Ziele werden in einem Vertrag festgehalten. Auf diese Weise wird vermieden, dass sich der Patient zu hohe und unrealistische Ziele setzt, die in einer Enttäuschung enden können.

Dann erhält der Patient eine sehr intensive, auf die verabredeten Handlungsziele individuell abgestimmte Therapie. Es wird repetitiv, aufgabenbezogen und angepasst an die jeweils vorliegende Fähigkeitsebene  behandelt.

Das Training kann in einem intensiven oder abgeschwächten (modifizierten) Rahmen erfolgen.

  • Bei der intensiven Version finden gemeinsam mit dem anregenden, supervidierenden und ermunternden Therapeuten täglich 6 Stunden Therapie statt, mit Restriktion der nicht betroffenen Hand über 90% der Wachzeiten für 2 Wochen. Für diese Zeit werden weitere Übungen und Handlungsaufgaben für Zuhause vereinbart, die der Patient selbstständig ausschließlich mit der teilgelähmten Hand durchführen muss. Dazu gehören zum Beispiel Greifen, Halten, Drehen, Transportieren und Loslassen von leichten kleinen Holzscheiben, Kronkorken oder Kunststoffplättchen als Vorbereitung für die im weiteren Verlauf geübten zielorientierten Handhabungen.

Diese sind zum Beispiel beidhändiges Handhaben von Besteck, Bezahlen mit Geld an der Kasse, Handhabung von Knöpfen, Reißverschluss und Schnürsenkeln, Papiere in Ordner abheften.

  • Bei der modifizierten Version findet die Therapie an 2 Stunden pro Tag und einer zusätzlichen 5 bis 6-stündigen Restriktion über einen Zeitraum von 10 Wochen statt.

Die einzelnen Bewegungsfolgen werden – wie beim motorischen Lernen generell üblich - wiederholt (repetitiv) geübt und bei einer Verbesserung an das neue funktionelle Niveau angepasst (shaping).

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Darauf aufbauend werden im zweiten Schritt zielorientierte Handhabungen durchgeführt. Hier Übungen mit Geldstücken.

Die Bewegungsinduktionstherapie erfordert ein hohes Maß an Motivation, Geduld und Ausdauer, da ausschließlich mit dem betroffenen Arm geübt wird und die Mithilfe der gesunden Hand durch eine Schiene verhindert wird. Was für einen gesunden Menschen leicht aussieht ist für einen Schlaganfall-Patienten Schwerstarbeit.

Die Bewegungsinduktionstherapie ist durch umfangreiche wissenschaftliche Studien in ihrer Wirksamkeit sehr gut belegt (Wolf et al 2006 und 2008) und wird in den Leitlinien zur Hand- und Armrehabilitation mit einem Empfehlungsgrad von A bewertet.

Durch die Ergänzung der ICF-Klasssifikation (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit der WHO) in den Therapieprozess kann dieser konstruktiv erweitert werden. Der durch die Behinderung eingeschränkte Mensch wird bei der Wiedererlangung von Selbstbestimmung und Teilhabe am Sozial- und Berufsleben unterstützt.

Jeder Fachbereich ist im Therapieverlauf von Bedeutung und wichtig für die interdisziplinäre Zusammenarbeit und ganzheitliche Förderplanung. Durch eine gemeinsame Zielvereinbarung aller Beteiligten fühlt sich der Patient individuell betreut und ist durch die Bearbeitung konkreter Ziele motiviert mitzuarbeiten.

Voraussetzungen für die Teilnahme an der Therapie sind:

  • Der Schlaganfall muss mindestens 6 Monate zurückliegen
  • Vorhandene aktive Restbeweglichkeit im betroffenen Arm bzw. der Hand (ca. 5-10 Grad der Bewegungsfunktionen)
  • Keine schwerwiegenden Gleichgewichtsprobleme oder Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Der Patient sollte in der Lage sein, selbstständig einige Meter zu gehen (auch mit Gehhilfe)
  • Keine ernsthaften medizinischen Probleme (kardiovaskuläre Erkrankungen, rheumatische Arthritis) oder beidseitige motorische Probleme


Sehr positiv hat sich das Training in Kleingruppen erwiesen. Die Patienten können sich, zusätzlich zu den therapeutischen Impulsen, gegenseitig unterstützen und motivieren.

Wichtig zu betonen ist, dass verlorene Funktionen durch die Bewegungsinduktionstherapie nicht komplett wiederhergestellt werden können. Aber der funktionelle Einsatz verbessert sich stets und so kann der Lebensalltag leichter gemeistert werden.

Zusammenfassung:

Die Bewegungsinduktionstherapie (analog Taub`sches Training, forced-use-therapy, constraint-induced-movement-therapy-CIMT) geht davon aus, dass der „erlernte Nichtgebrauch" durch ein intensives, gezieltes Training wieder überwunden und ein Rückgang der Lähmung und der Wiedergebrauch der verlernten Alltagsfähigkeiten erreicht werden kann. Die Therapie ist auch noch Jahre nach der Hirnschädigung in der chronischen Phase wirksam. Das Therapieverfahren ist gegenwärtig die am besten untersuchte Methode der motorischen Rehabilitation.

 

 

Autorin: Barbara Zobel

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Therapiemöglichkeiten nach einem Schlaganfall

 

Nach einem Schlaganfall gibt es viele Möglichkeiten, Folgeerkrankungen zu behandeln. Dabei kann diese Therapieübersicht für Betroffene und ihre Angehörigen eine Orientierungshilfe bieten. Sie gibt einen Überblick über unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten nach einem Schlaganfall.

Die Deutsche Rentenversicherung hat Reha-Therapiestandards aufgestellt. Eine Broschüre dazu können Sie sich hier (Download) herunterladen.

Nach einem Schlaganfall gibt es viele Möglichkeiten, Folgeerkrankungen zu behandeln. Dabei kann die Therapieübersicht für Betroffene und ihre Angehörigen eine Orientierungshilfe bieten. Somit stellt sie einen Überblick über unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten nach einem Schlaganfall dar.

Kurze und bündige Informationen
Jede der aufgeführten Therapien wird nach einem gleichen Muster beschrieben. In der so genannten Therapieübersicht werden unter anderem die Ziele und der Verlauf der jeweiligen Behandlung dargestellt. Gleichzeitig wird kurz und bündig Auskunft über mögliche Nebenwirkungen oder zur Wirksamkeit gegeben.
Die Übersicht und die Erläuterungen der Therapieformen stellen keinen Anspruch auf Vollständigkeit und keine Qualitätsaussage dar.

Hinweis
Einige Behandlungen werden von den Krankenkassen teilweise oder sogar ganz bezahlt, andere Therapiekosten müssen privat übernommen werden. Daher ist es wichtig, sich vor Beginn einer Behandlung zu informieren und mit der eigenen Krankenkasse abzustimmen. Auch der zuständige Therapeut kann Ihnen zu möglichen Kosten wichtige Hinweise geben.
Bei der Schreibweise wird der besseren Lesbarkeit halber ausschließlich die männliche Form verwendet, es werden jedoch selbstverständlich immer sowohl Männer als auch Frauen angesprochen.

Die Liste ist alphabetisch angeordnet.

Sauerstoff-Ozon-Therapie

Sauerstoff-Ozon-Therapie

 

Einige Schlaganfall-Betroffene leiden an einer schlechten Durchblutung. Die Sauerstoff-Ozon-Therapie soll helfen, Keime abzutöten und die Durchblutung zu verbessern.

Zusammenfassung

Einige Schlaganfall-Betroffene leiden an einer schlechten Durchblutung. Die Sauerstoff-Ozon-Therapie soll helfen, Keime abzutöten und die Durchblutung zu verbessern.

Was ist die Sauerstoff-Ozon-Therapie?

Die Sauerstoff-Ozon-Therapie wurde erstmals 1916 vom Arzt A. Wolff zur Heilung von Wunden eingesetzt. Das Sauerstoff-Ozon-Gemisch wird anhand eines Ozongenerators aus reinem Sauerstoff gewonnen und besitzt dann einen variierenden Ozonanteil von 0,05-5%. Die Konzentration des Gases hängt von der Art der Anwendung ab. Die Sauerstoff-Ozon-Therapie kann direkt (z.B. über die Haut, Muskeln…) verabreicht werden. Des Weiteren kann die Behandlung mit Unterdruck (Saugglocke) oder in der so genannten Eigenblutbehandlung angewendet werden.

Therapieverlauf

Bei der Eigenblutbehandlung (klein (5-10 ml) oder groß (50-200 ml)) gelangt zuvor entnommenes venöses Blut unter der Zugabe von Heparin (Substanz zur Blutgerinnungshemmung) und dem Ozongemisch direkt wieder in die Vene des Patienten zurück. Das Gas soll beispielsweise Keime abtöten bzw. inaktivieren oder für eine verbesserte Durchblutung sorgen. Das Ozon-Sauerstoff-Gemisch zerfällt im Körper zu Sauerstoff und die Erythrozyten können diesen Sauerstoff aufnehmen.

Der Ablauf hängt sehr stark von der Indikation ab. Bei cerebralen oder peripheren Durchblutungsstörungen kommt die große Eigenblutbehandlung gelegentlich in Frage. Die Behandlung findet entweder in ärztlichen oder in heilkundlichen Praxen statt und wird 1-2-mal pro Woche durchgeführt. Insgesamt ergibt sich eine maximale Anzahl von 4-8 Behandlungen. 

Ziele

Ein Ziel kann die Verbesserung der Durchblutung sein. Darüber hinaus (je nach Indikation) sollen beispielsweise Wunden gereinigt und eine Linderung der Beschwerden bei z.B. Morbus Crohn, Neurodermitis, Asthma oder Diabetes erreicht werden.

Nebenwirkungen

Die Sauerstoff-Ozon-Therapie hat laut dem Bericht des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen eine enorme Anzahl von Nebenwirkungen. Darüber hinaus existieren keine validen Untersuchungen, die die Sicherheit des Verfahrens beschreiben. Einige Ergebnisse zufolge kann es zur Übertragung von Hepatitis C- und Aids-Erregern, anaphylaktische Reaktionen (akute, krankhafte Reaktion des Immunsystems), neurologische Symptomatiken und Gasembolien kommen. Weitere Studien treffen Aussagen darüber, dass im Zuge der Therapie Todesfälle, Querschnittslähmungen, Sehstörungen und Lungenembolien entstanden sind.

Ausschlusskriterien

Als Kontraindikationen gelten akute Infektionen, akute Schlaganfälle, Herzinfarkte, eine Schliddrüsenüberfunktion, Sichelzellenanämie, HIV- Infektionen im Spätstadium und schwere Verletzungen.

Kosten

Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen wird nicht gewährleistet. Darüber hinaus ist einem Bericht des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen zu entnehmen, dass Nutzen, Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit der Ozontherapie gemäß einer Anwendung der Gesetzlichen Krankenversicherungen nicht entsprechen.

Wirksamkeit

Angaben zur Wirksamkeit werden beschrieben, jedoch nicht wissenschaftlich belegt.

Der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen kommt nach einer ausführlichen Recherche zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit ebenso wenig wie Nutzen, Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit belegt werden konnte.

Quellen