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Vom Teppich bis zum Roboter

Schwerpunkt Gangrehabilitation

Bewegung ist Leben. Deshalb ist das Gehen für uns Menschen so elementar. Ein Trauma für den, der diese Fähigkeit plötzlich verliert. Doch in den letzten Jahren mehren sich die guten Nachrichten für Schlaganfall-Patienten. Die Gangrehabilitation wird immer wirksamer.

In unserem Themenschwerpunkt werfen wir einen Blick darauf und geben praktische Tipps.

 

Bewegung ist Leben. Deshalb ist das Gehen für uns Menschen so elementar. Ein Trauma für den, der diese Fähigkeit plötzlich verliert. Doch in den letzten Jahren mehren sich die guten Nachrichten für Schlaganfall-Patienten. Die Gangrehabilitation wird immer wirksamer. In unserem Themenschwerpunkt werfen wir einen Blick darauf und geben praktische Tipps.

Christina Habig erinnert sich noch gut an ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin. „In den 90er Jahren hieß es: Lasst die Patienten nicht zu früh allein laufen. Die gewöhnen sich doch einen ganz falschen Gang an!" berichtet die Rehabilitationsexpertin der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Auch Hilfsmittel wurden den Patienten viel später angeboten.

Inzwischen haben zwei wesentliche Erkenntnisse diese Lehrmeinung komplett verworfen. Erstens konnten die Neurowissenschaften nachweisen, dass die erfolgreichste Rehabilitation die frühe Mobilisation ist. Und zweitens ist etwas geschehen, das Wissenschaftler gern als Paradigmenwechsel bezeichnen. „Das oberste Ziel der Rehabilitation ist heute die Teilhabe", erklärt Christina Habig. Soll heißen: Wir Menschen sind soziale Wesen. Wer vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen ist, empfindet sein Dasein oft nicht lebenswert. „Ich muss meine Wege im Alltag selber bewältigen können! Ob mein Gang dabei schön aussieht oder nicht, ist zweitrangig", so Christina Habig.

270.000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen Schlaganfall. Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. Ein Jahr danach sind rund 60 Prozent der Patienten noch auf Therapie oder Pflege angewiesen. Eine sehr häufige Folge des Schlaganfalls ist die Halbseitenlähmung. Diese Patienten müssen in der Therapie lernen, ihren betroffenen Arm wieder einzusetzen und mit einem ganz oder teilweise gelähmten Bein wieder zu gehen.
Ermöglicht wird dies durch die so genannte Neuroplastizität des menschlichen Gehirns. Zerstörtes Hirngewebe ist zwar nicht reparabel, doch Funktionen, die vom betroffenen Teil des Gehirns gesteuert wurden, können oft von anderen Bereichen übernommen werden. Der Weg dorthin jedoch kann lang und mühsam sein, je nach Lage und Schwere des Schlaganfalls.

Zunächst geht es darum, die Gehfähigkeit wieder herzustellen. Sind erste Schritte möglich, wird an der Ganggeschwindigkeit gearbeitet. Eine Faustformel der Physiotherapeuten sagt: etwa 2,6 Stundenkilometer muss ein Patient erreichen, um sich sicher bewegen zu können, beispielsweise zum Überqueren einer Straße. Als letzte, aber nicht minderwichtige Komponente, muss der Patient Gangsicherheit gewinnen. Viele Patienten vereinsamen, weil sie sich aus Angst vor einem Sturz nicht aus der Wohnung trauen.

Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es zur Wirksamkeit einzelner Methoden in der Gangrehabilitation. Diese flossen im vergangenen Jahr in eine neue Behandlungsleitlinie ein, die durch die Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation erstellt wurde. Vom simplen Übungsteppich bis zu Robotern reichen die Methoden, Patienten schneller und sicherer auf die Beine zu bringen. Unser kleiner Themenschwerpunkt hat sich beides angeschaut.

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Ein tierisch gutes Training

Reha mit dem Therapie-Begleithund

Nach einem Schlaganfall geht es für viele Patienten in die Physiotherapie. Den ersten Schock haben sie gerade überwunden, dann müssen sie feststellen: Rehabilitation ist richtig harte Arbeit. Wer sollte ihnen dabei helfen, wenn nicht der beste Freund des Menschen? Ein Besuch bei Amy (6), ausgebildete Therapie-Begleithündin in Berlin.

 

Nach einem Schlaganfall geht es für viele Patienten in die Physiotherapie. Den ersten Schock haben sie gerade überwunden, dann müssen sie feststellen: Rehabilitation ist richtig harte Arbeit. Wer sollte ihnen dabei helfen, wenn nicht der beste Freund des Menschen? Ein Besuch bei Amy (6), ausgebildete Therapie-Begleithündin in Berlin.

Eigentlich hat Amys Arbeitswoche nur drei Tage. Ausnahmeweise ist sie heute an ihrem freien Montag in der Physiotherapiepraxis ihres „Frauchens" Marion Jager. Denn heute kommt Karin Guddelmoni in die Praxis, die regelmäßig mit Amy trainiert. „Ein Therapie-Begleithund braucht seine Ruhephasen, sonst ist die Spannung raus", erklärt Marion Jager die kurze Arbeitswoche ihres Hundes.

Seit 1990 arbeitet die Physiotherapeutin in Berlin. Vor Amy gehörte ein Golden Retriever zur Familie Jager. Mit ihm lernte ihre Tochter, die auch einen Schlaganfall erlitten hatte, das Laufen. Tiere können in der Therapie den Unterschied machen, da ist sich Marion Jager sicher. „Ich kann alle Übungen auch ohne Amy machen, doch mit ihr ist der Anreiz für die Patienten viel größer". Das belege auch eine Befragung ihrer Patienten.

Der 6jährige Welsh Springer Spaniel mit dem treuen Blick bringt optimale Voraussetzungen für seinen Beruf mit. Längst nicht jede Rasse ist geeignet für eine Karriere als Therapie-Begleithund. „Der Hund muss einerseits ein ruhiges Gemüt haben, gleichzeitig aber auch animierend wirken", erklärt Marion Jager. Zugangsvoraussetzung ist der Abschluss einer Hundeschule als Grundausbildung. Mit etwa zwei Jahren kann die Ausbildung beginnen, sofern der Hund den Wesenstest besteht. Gut 1.000 Euro kostet eine Ausbildung, die nicht nur den Hund, sondern auch den Therapeuten qualifiziert.

Mit Karin Guddelmoni absolviert Amy heute ein ausführliches Programm. Da steht die Patientin zum Beispiel auf einem Balance-Ball und wirft Gegenstände, die Amy apportiert. Das schult den Gleichgewichtssinn. Auf der Matte sitzend hebt die Patientin anschließend abwechselnd ihre Beine, unter denen Amy durchkriecht. In der nächsten Übung legt der Hund Pfote oder Kopf auf den Fuß der Patientin, den sie unter diesen erschwerten Bedingungen heben und halten muss. Nach jeder Übung gibt es ein Leckerli für Amy, „ich arbeite ja schließlich auch für Geld", lacht Marion Jager, die bei allen Übungen an der Seite der Patientin ist und Amy die Kommandos gibt.

Karin Guddelmoni genießt die Therapieeinheiten mit Amy. „Ich habe Tiere schon immer gerne gehabt. Mit so einem Hund vergisst man manchmal, dass man eigentlich in der Therapie ist". Über die Motivation hinaus werden Hunden in der Therapie auch emotionale Wirkungen nachgesagt. Sie vermitteln Wärme und Nähe und beruhigen das Herz-Kreislauf-System. Vorausgesetzt, man hat keine Tierhaarallergie und mag Hunde. So wie Karin Guddelmoni, die nach erfolgreicher Therapieeinheit die Praxis verlässt. Nicht, ohne Amy noch ein Leckerli zuzustecken. Die macht es sich auf ihrer Decke bequem und genießt ihren Feierabend.

Mehr Infos bei Therapie-Begleithunde Deutschland e.V.: http://www.tbdev.de

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Sandra lernt laufen

Neurostimulation nach Schlaganfall

Jahre nach dem Schlaganfall wieder auf die Beine kommen? Mit diesem Thema hatte Sandra Ameling abgeschlossen. Bis sie auf einer Reha-Messe von einer neuen Technik erfuhr. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf.

Jahre nach dem Schlaganfall wieder auf die Beine kommen?

 

Mit diesem Thema hatte Sandra Ameling abgeschlossen. Bis sie auf einer Reha-Messe von einer neuen Technik erfuhr. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf.

Ein dreiviertel Jahr danach sitzt Sandra Ameling im Patienten-Café der Johanniter Ordenshäuser in Bad Oeynhausen. Drei Wochen stationäre Rehabilitation wurden ihr bewilligt. Schon einmal war sie hier, fünf Jahre ist das her, kurz nach ihrem Schlaganfall. „Damals kam ich liegend an und liegend wieder raus", erinnert sie sich. Doch jetzt steht die Reha unter anderen Vorzeichen, dieses Mal will sie die Klinik aufrecht gehend verlassen. Vier Wochen zuvor wurde Sandra Ameling im Diakoniekrankenhaus Annastift in Hannover ein modernes Implantat zur Neurostimulation (ActiGait) eingesetzt. Das Gerät soll dafür sorgen, dass sie trotz ihrer Halbseitenlähmung ohne Hilfsmittel laufen kann.

Größtes Hindernis bei einer Halbseitenlähmung ist oft die Fußheberschwäche. Da die Fußspitze beim Gehen nach unten hängt, stolpern die Patienten. Deshalb müssen sie ihr Bein im Gehen stets zur Seite schwenken. Aus Angst vor Stürzen ziehen sich viele zurück oder steigen ganz auf den Rollstuhl um. Den nutzt auch Sandra Ameling. Doch die 41jährige Gütersloherin hat den Ehrgeiz, wieder selbständig zu laufen. Dabei soll ihr die neue Technik helfen.

 

Ein elektronischer Impuls – ausgelöst durch einen Druckschalter unter dem Fuß – sorgt im richtigen Moment dafür, dass sich die Fußspitze hebt. Damit ist die größte Sturzgefahr gebannt. Zwar springt dadurch noch kein Patient aus seinem Rollstuhl, denn die Lähmung besteht weiter und die falsche Körperhaltung hält zunächst an. Doch mit intensivem Training lässt sich das korrigieren. Dazu erhielt Sandra Ameling von ihrer Kasse diese dreiwöchige Reha, die jetzt von ihrer Krankenkasse sogar um zwei Wochen verlängert wurde.

Fünf Tage hatte sie in der Diakoniekrankenhaus Annastift verbracht. Bereits am Tag nach der Implantation haben die Ärzte den Stimulator testweise eingeschaltet. „Das war ein komisches Gefühl. Plötzlich hoben sich die Zehenspitzen, das kannte ich gar nicht mehr", erinnert sich Sandra. Bereits nach kurzer Zeit spürte sie erste Effekte beim Gehen. In der Reha geht es jetzt darum, sich an die neue Technik zu gewöhnen. Grundsätzlich, so der Hersteller, können Patienten auch Jahre nach dem Schlaganfall wieder gehen lernen, wenn die Voraussetzungen stimmen.

Sich wieder frei bewegen können, nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, das wünscht sich Sandra Ameling. Eine Zeit lang musste sie in einem Pflegeheim verbringen. „Da habe ich den Altersschnitt deutlich gesenkt", lacht sie heute. Doch spaßig war diese Zeit nicht, auf keinen Fall möchte sie dorthin zurück. Das selbstbestimmte Leben in der eigenen Wohnung ist das Ziel der gelernten Erzieherin. Dann könnte sie auch wieder mehr Zeit mit ihren beiden Kindern verbringen, die seit dem Schlaganfall bei ihrem Vater leben.

 

Drei Wochen später. Gestern wurde Sandra Ameling aus der Rehaklinik entlassen, nach fünf Wochen intensivem Training. Sie öffnet die Wohnungstür, führt den Besucher in ihr Wohnzimmer, frei laufend, ohne Stock. Die Füße setzt sie gerade voreinander, wenn auch noch ein wenig schleppend. Doch von der kreisenden Beinbewegung vorher kaum noch eine Spur. Die erste Nacht in der eigenen Wohnung war eine Wohltat. Jetzt ist ihr Freund Markus zu Besuch, der gleich nebenan wohnt. Hat sich der Aufwand gelohnt? „Unbedingt", sagt Sandra Ameling. Auch Markus ist total begeistert. „Kein Vergleich zu vorher", meint er. Physio- und Ergotherapie erhält Sandra weiterhin ambulant. Und dennoch wissen beide, dass jetzt noch eine harte Zeit ansteht. „Ich werde jetzt viel üben müssen", sagt sie. „Aber der Anfang ist gemacht."

Über ActiGait

Das ActiGait System bietet nur für eine kleine Anzahl an Schlaganfall-Patienten eine wirkungsvolle Therapie, da bestimmte körperliche Voraussetzungen erfüllt werden müssen. Bitte sprechen Sie zu diesem Thema Ihren Neurologen an.
Eine Übersicht von Kliniken, die die Implantation des Neurostimulator-Systems durchführt, gibt es unter www.fussheberschwaeche.de.

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Mit Reizstrom zum besseren Gangbild

Funktionelle Elektrostimulation

Die halbseitige Lähmung - Hemiparese genannt - ist eine der häufigsten Folgen des Schlaganfalls. Oft geht sie mit der so genannten Fußheberschwäche einher. Ein Hoffnungsschimmer für manche Patienten ist die Funktionelle Elektrostimulation (FES).

Bei einer Fußheberschwäche bleibt der Nervenimpuls zum Anheben des Fußes aus. Folgen für die Betroffenen sind Fehlbelastungen, Folgeschäden und Schmerzen. Nicht weniger bedeutend sind oft die psychischen Folgen. Die Gangunsicherheit nimmt zu, aus Angst vor einem Sturz ziehen sich die Betroffenen zurück, soziale Isolation droht.

 

Ein konventionelles Hilfsmittel ist die Unterschenkelorthese. Sie verhindert passiv, dass der Fuß fällt. Dagegen fördert die Funktionelle Elektrostimulation das aktive Heben des Fußes. Oberflächenelektroden, befestigt mit einer Wadenmanschette direkt unterhalb des Knies, geben Reizstrom an den zuständigen Nerv (Nervus peronaeus) ab. Der Impuls führt zur Muskelkontraktion und zu einem Anheben des Fußes.

Eine solche Orthese ist der WalkAide. Physiotherapeutin Karin Eves bildet seit sechs Jahren Kolleginnen und Kollegen in der Handhabung des Gerätes aus. Vielen Patienten hat diese Technik wieder zu einem deutlich besseren Gangbild verholfen, sie freuen sich über die gewonnene Lebensqualität. Ein positiver Nebeneffekt: Das Gerät zeichnet 71 Tage lang die Bewegungen auf. So kann ein Bewegungsprofil erstellt und der Patient besser beraten werden. „Eine Patientin hat dadurch 10 Kilo abgenommen", sagt Karen Eves.

Die Stromstärke können die Patienten selbst regeln, alle anderen Einstellungen werden durch den Therapeuten vorgenommen. Die meisten Patienten tragen ihr Gerät 8 bis 10 Stunden täglich. Die Bedienung ist auf Patienten mit Hemiparese zugeschnitten. Einhändig lassen sich Elektroden anlegen und Batterien auswechseln. Ein Nachteil: Da es sich um ein teures Hilfsmittel handelt, müssen Patienten bei ihren Kassen oft um die Bewilligung kämpfen. Das wiederum hat auch einen positiven Aspekt. Karen Eves beobachtet, dass die Therapietreue deshalb höher ist als zum Beispiel bei konventionellen Orthesen.

„Der WalkAide ist kein Allheilmittel, nicht alle Patienten kommen damit klar", schränkt Eves ein. Deshalb bietet das Unternehmen einen Testmonat an, manche Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür. Und wann ist die beste Zeit für einen Einstieg in die FES? „Je früher, desto besser, sonst gewöhnt sich das Gehirn an die Behinderung", sagt Karen Eves. „Grundsätzlich ist ein Therapiebeginn aber auch viele Jahre nach dem Schlaganfall möglich".

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Nachhaltige Veränderung des Lebens

21 Jahre nach dem Schlaganfall

Birgit Könitzer kommt mit ihrer Fußhebeschwäche grundsätzlich zurecht. Doch Schlaganfall-Lotse Uwe Helbig macht sie auf ein neues Verfahren aufmerksam, das es ermöglicht, den Fuß sicherer aufzusetzen. Sie testet die Therapie.

 

Den Anstoß gab die Vorstellungsrunde beim Erfahrungsaustausch Junger Mensch und Schlaganfall in Lobbach. „Birgit Könitzer erzählte damals, dass sie mit ihrer Fußhebeschwäche grundsätzlich zurechtkäme. Dass sie aber speziell bei Gefälle Angst habe, zu stürzen", erinnert sich Uwe Helbig, Schlaganfall-Lotse in Dresden. Im Anschluss an die Runde spricht er Birgit Könitzer an und macht sie auf ein neues Verfahren aufmerksam, das es ermöglicht, den Fuß sicherer aufzusetzen.

Birgit Könitzer freut sich über den Hinweis. Zugleich ist sie skeptisch: Ihr Schlaganfall liegt bereits 21 Jahre lang zurück. Damals war sie gerade 29 Jahre alt. Es war ihr erster Urlaubstag. Sie wollte eigentlich nach England in die Ferien. Doch schon kurz nach dem Aufstehen klagt sie über heftigen Schwindel. Der Notarzt kommt zwar schnell, stellt aber die falsche Diagnose und diagnostiziert einen Hörsturz. Sie sollte drei Stunden liegen bleiben, als es nicht besser wurde, rief sie einen Krankenwagen. Bereits auf dem Weg in die Klinik fällt sie ins Koma. Durch die falsche Diagnose kommt sie zunächst zur HNO, dann erst auf die Intensivstation. Erst drei Wochen später wird sie wieder erwachen.

Seitdem ist ihr wichtig: „Die Symptome eines Schlaganfalls müssen so bekannt wie möglich gemacht werden. Und müssen immer mitbedacht werden. Auch bei jungen Patienten", sagt die heute 50-Jährige mit Nachdruck. „Dann wäre es auch bei mir nicht so schlimm geworden." Fast vier Monate ist sie anschließend in der Reha. Doch das Leben der gebürtigen Erfurterin, die als Nachrichtentechnikerin gearbeitet hatte, ist nicht mehr das Gleiche. „Am Anfang konnte ich nicht sehen, nicht hören, nicht reden." Selbst heute kann sie ihre geliebten Bücher nicht mehr lesen. „Die sind in meiner Wohnung nur noch Deko!" Maximal auf ein oder zwei Artikel kann sie sich inzwischen konzentrieren. Birgit Könitzer ist Frührentnerin. Ihr Mann hat sich bald nach dem Schlaganfall von ihr scheiden lassen.

Dennoch hat sie sich mit viel Energie in ein anderes Leben gekämpft. Heute hat sie viele Kontakte, leitet eine Selbsthilfegruppe für Aphasiker in Weimar. „Der Austausch untereinander ist so unendlich wichtig", sagt sie. „Betroffene sind in der Regel die besten Experten." Auch daher freut sie sich ganz besonders über die Erfahrungsaustausche der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe einmal im Jahr. „Man denkt ja immer, dass man schon alles über den Schlaganfall, über Therapien und Anträge wüsste. Aber bei den Erfahrungsaustauschen lernt man doch immer noch etwas dazu", sagt Könitzer.

Besonders dankbar ist sie diesmal darüber, dass Schlaganfall-Lotse Uwe Helbig ihr über Landesgrenzen hinaus schnell Kontakt zu Dr. Daniel Martin von der Uniklinik Dresden herstellte. So lenkte er ihr Augenmerk auf eine neuartige Therapie der Fußheberparese mittels einer so genannten Nervus peroneaus-Stimulation (ActiGait), auf die sie sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre und die ihr Leben nachhaltig zum Besseren verändert hat.

Wie funktioniert die Nervenstimulation?

 

Zu einem sicheren Gangbild gehört das Anheben der Fußspitze bei jedem Schritt, um nicht zu stolpern. Durch die Schädigung von Nervenzellen im Gehirn erhält der Fußhebernerv jedoch keine Bewegungsimpulse mehr. Diese Impulse sendet stattdessen eine Steuerungseinheit, am Gürtel getragen wird. Eine Elektrode wird um den Fußhebernerv in der Kniekehle gelegt, die Antenne befindet sich am seitlichen Oberschenkel und ist durch ein Kabel mit der Elektrode an der Kniekehle verbunden. Der Impuls von der Steuereinheit am Gürtel wird per Funk in den Oberschenkel übertragen. Damit die Steuereinheit weiß, in welcher Gangphase sich der Patient gerade befindet und wann genau der Impuls auf den Nerven gegeben werden muss, gibt es einen Fußschalter unter der Ferse. Er sende ebenfalls per Funk die Information an die Steuereinheit.

Die Fußhebeschwäche ist für Birgit Könitzer ein Problem, das sie in jeder Situation ihres Alltags begleitet. „Ich wohne in Weimar. Dort gibt es viele Straßen mit Kopfsteinpflaster. Irgendwann habe ich mich gar nicht mehr getraut, eine Straße zu überqueren, aus Angst vor einem Sturz." Uwe Helbig begreift sofort, dass Birgit Könitzers Leben durch die Fußhebeschwäche extrem eingeschränkt ist. „Ziel war es, ihr ein besseres Gehen zu ermöglichen und ein sichereres Laufgefühl zu verschaffen, das sich auf ganz viele Bereiche des Lebens auswirkt. Zurück an seinem eigentlichen Arbeitsplatz am Uniklinikum in Dresden, spricht er Dr. Daniel Martin, Experte auf diesem Gebiet, an. Dieser veranlasst eine Vorstellung in seiner Ambulanz und die mehrwöchige Teststimulation des Fußhebernervs. „Die Funktionsweise des ActiGait eignet sich nicht für jeden Patienten", sagt Dr. Martin. „Als Faustregel gilt: Nur in einem von zehn Fällen ist noch eine ausreichende Restfunktionen vorhanden und die Spastik nicht zu ausgeprägt, um ein ActiGait sinnvoll implantieren zu können." Der Probelauf zu Hause in Weimar für mehrere Wochen ist ein Erfolg. Selbst 21 Jahre nach ihrem Schlaganfall sind die Voraussetzungen für die Operation bei Birgit Könitzer gegeben.

Der Eingriff erfolgte drei Stunden unter Vollnarkose. „Dennoch war ich abends schon wieder fit!" erinnert sie sich. Nach vier Tagen wurde sie aus der Uniklinik Dresden entlassen – zunächst noch mit einer Schiene, die das linke Bein ruhig stellt. Drei Wochen lang, Tag und Nacht. Sechs Wochen nach der eigentlichen Operation schließlich wurde das ActiGait aktiviert. Dabei wird die implantierte Elektrode mit der Steuereinheit  verbunden.  „Erst war es ein ganz eigenartiges Gefühl. Als würde der eigene Fuß ferngesteuert. Zugleich hat es sich aber auch ganz leicht angefühlt. Und wunderbar."  

Beim diesjährigen Erfahrungsaustausch der Deutschen Schlaganfall-Hilfe war Birgit Könitzer wieder dabei. Gerade einmal ein halbes Jahr nach dem Eingriff. „Mein ganzes Laufgefühl hat sich geändert: weiter, sicherer, schneller", sagt sie. Die Fußgelenksorthese braucht sie nicht mehr. Und noch eine Verbesserung: „Ich kann die Psychopharmaka weglassen, die ich gegen meine Angst zu fallen benötigt hatte." Nur neulich war einmal die Antenne defekt. Plötzlich musste Birgit Könitzer wieder so laufen, wie sie das 21 Jahre lang getan hatte. „Es war wirklich schwer – ich hatte mich schon längst an das gute Gehen gewöhnt."

Weitere positive Effekte sind von der Stimulation zu erwarten. „Es gibt erste Hinweise darauf, dass andere Bereiche im Gehirn die Funktion der Fußhebung übernehmen könnten", sagt Dr. Martin. Die Hoffnung ist, dass nach dem Tragen des ActiGait über mehrere Jahre diese Unterstützung nicht mehr oder weniger nötig ist. Die Stimulation regt auch die Neuroregerneration an. Darüber hinaus geben die Dehnungsrezeptoren der Sehnen und Muskeln mit jedem Schritt einen Impuls zum Gehirn, was somit trainiert wird. Neben dem physischen Gewinn für den Patienten sieht Martin auch eine wichtige soziale Komponente. „Freunde können einfacher besucht werden, gemeinsame Ausflüge können wieder wahrgenommen werden. Damit steigt die Lebensqualität enorm an und psychische Erkrankungen sind seltener".

Das Implantat wird in den meisten Bundesländern von den gesetzlichen Kassen übernommen. Die meisten Kassen stehen dieser neuen Therapie aufgeschlossen gegenüber.

Kontakt

Dr. med. K. Daniel Martin
Funktionsoberazt - Neurochirurgie
Neurochirurgische Klinik des
Universitätsklinikums Carl Gustav Carus
Bereichsleiter: periphere Nerven- und Plexuschirurgie
Fetscherstrasse 74
01307 Dresden
Telefon mit Anrufbeantworter: 0351-458-6933
Fax: 0351-458-7322
Daniel.martin@uniklinikum-dresden.de

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Therapiemöglichkeiten nach einem Schlaganfall

 

Nach einem Schlaganfall gibt es viele Möglichkeiten, Folgeerkrankungen zu behandeln. Dabei kann diese Therapieübersicht für Betroffene und ihre Angehörigen eine Orientierungshilfe bieten. Sie gibt einen Überblick über unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten nach einem Schlaganfall.

Die Deutsche Rentenversicherung hat Reha-Therapiestandards aufgestellt. Eine Broschüre dazu können Sie sich hier (Download) herunterladen.

Nach einem Schlaganfall gibt es viele Möglichkeiten, Folgeerkrankungen zu behandeln. Dabei kann die Therapieübersicht für Betroffene und ihre Angehörigen eine Orientierungshilfe bieten. Somit stellt sie einen Überblick über unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten nach einem Schlaganfall dar.

Kurze und bündige Informationen
Jede der aufgeführten Therapien wird nach einem gleichen Muster beschrieben. In der so genannten Therapieübersicht werden unter anderem die Ziele und der Verlauf der jeweiligen Behandlung dargestellt. Gleichzeitig wird kurz und bündig Auskunft über mögliche Nebenwirkungen oder zur Wirksamkeit gegeben.
Die Übersicht und die Erläuterungen der Therapieformen stellen keinen Anspruch auf Vollständigkeit und keine Qualitätsaussage dar.

Hinweis
Einige Behandlungen werden von den Krankenkassen teilweise oder sogar ganz bezahlt, andere Therapiekosten müssen privat übernommen werden. Daher ist es wichtig, sich vor Beginn einer Behandlung zu informieren und mit der eigenen Krankenkasse abzustimmen. Auch der zuständige Therapeut kann Ihnen zu möglichen Kosten wichtige Hinweise geben.
Bei der Schreibweise wird der besseren Lesbarkeit halber ausschließlich die männliche Form verwendet, es werden jedoch selbstverständlich immer sowohl Männer als auch Frauen angesprochen.

Die Liste ist alphabetisch angeordnet.

Sauerstoff-Ozon-Therapie

Sauerstoff-Ozon-Therapie

 

Einige Schlaganfall-Betroffene leiden an einer schlechten Durchblutung. Die Sauerstoff-Ozon-Therapie soll helfen, Keime abzutöten und die Durchblutung zu verbessern.

Zusammenfassung

Einige Schlaganfall-Betroffene leiden an einer schlechten Durchblutung. Die Sauerstoff-Ozon-Therapie soll helfen, Keime abzutöten und die Durchblutung zu verbessern.

Was ist die Sauerstoff-Ozon-Therapie?

Die Sauerstoff-Ozon-Therapie wurde erstmals 1916 vom Arzt A. Wolff zur Heilung von Wunden eingesetzt. Das Sauerstoff-Ozon-Gemisch wird anhand eines Ozongenerators aus reinem Sauerstoff gewonnen und besitzt dann einen variierenden Ozonanteil von 0,05-5%. Die Konzentration des Gases hängt von der Art der Anwendung ab. Die Sauerstoff-Ozon-Therapie kann direkt (z.B. über die Haut, Muskeln…) verabreicht werden. Des Weiteren kann die Behandlung mit Unterdruck (Saugglocke) oder in der so genannten Eigenblutbehandlung angewendet werden.

Therapieverlauf

Bei der Eigenblutbehandlung (klein (5-10 ml) oder groß (50-200 ml)) gelangt zuvor entnommenes venöses Blut unter der Zugabe von Heparin (Substanz zur Blutgerinnungshemmung) und dem Ozongemisch direkt wieder in die Vene des Patienten zurück. Das Gas soll beispielsweise Keime abtöten bzw. inaktivieren oder für eine verbesserte Durchblutung sorgen. Das Ozon-Sauerstoff-Gemisch zerfällt im Körper zu Sauerstoff und die Erythrozyten können diesen Sauerstoff aufnehmen.

Der Ablauf hängt sehr stark von der Indikation ab. Bei cerebralen oder peripheren Durchblutungsstörungen kommt die große Eigenblutbehandlung gelegentlich in Frage. Die Behandlung findet entweder in ärztlichen oder in heilkundlichen Praxen statt und wird 1-2-mal pro Woche durchgeführt. Insgesamt ergibt sich eine maximale Anzahl von 4-8 Behandlungen. 

Ziele

Ein Ziel kann die Verbesserung der Durchblutung sein. Darüber hinaus (je nach Indikation) sollen beispielsweise Wunden gereinigt und eine Linderung der Beschwerden bei z.B. Morbus Crohn, Neurodermitis, Asthma oder Diabetes erreicht werden.

Nebenwirkungen

Die Sauerstoff-Ozon-Therapie hat laut dem Bericht des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen eine enorme Anzahl von Nebenwirkungen. Darüber hinaus existieren keine validen Untersuchungen, die die Sicherheit des Verfahrens beschreiben. Einige Ergebnisse zufolge kann es zur Übertragung von Hepatitis C- und Aids-Erregern, anaphylaktische Reaktionen (akute, krankhafte Reaktion des Immunsystems), neurologische Symptomatiken und Gasembolien kommen. Weitere Studien treffen Aussagen darüber, dass im Zuge der Therapie Todesfälle, Querschnittslähmungen, Sehstörungen und Lungenembolien entstanden sind.

Ausschlusskriterien

Als Kontraindikationen gelten akute Infektionen, akute Schlaganfälle, Herzinfarkte, eine Schliddrüsenüberfunktion, Sichelzellenanämie, HIV- Infektionen im Spätstadium und schwere Verletzungen.

Kosten

Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen wird nicht gewährleistet. Darüber hinaus ist einem Bericht des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen zu entnehmen, dass Nutzen, Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit der Ozontherapie gemäß einer Anwendung der Gesetzlichen Krankenversicherungen nicht entsprechen.

Wirksamkeit

Angaben zur Wirksamkeit werden beschrieben, jedoch nicht wissenschaftlich belegt.

Der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen kommt nach einer ausführlichen Recherche zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeit ebenso wenig wie Nutzen, Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit belegt werden konnte.

Quellen