Prof. Dr. Roman Haberl Facharzt für Neurologie am Klinikum Harlaching bei München
"Der Hauptfaktor, um einen Schlaganfall zu verhindern, ist frühzeitig seinen Blutdruck zu kennen und im Normbereich zu halten", sagt auch Prof. Dr. Roman Haberl. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe hat mit dem Schlaganfall-Experten über Bluthochdruck als Risikofaktor gesprochen.
Herr Professor Haberl, wann sprechen Mediziner von Bluthochdruck?
Nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen die Grenzen bei einem Blutdruck von systolisch über 140 mmHg oder diastolisch über 90 mmHg. Der Wert von 140 / 90 mmHg ist heutzutage eine absolute Grenze. Sie gilt auch für ältere Menschen.
Warum ist der Bluthochdruck so gefährlich?
Zunächst einmal muss man sagen, dass der Bluthochdruck der Hauptrisikofaktor für alle Arten des Schlaganfalls ist, für die Blutungen und für die Durchblutungsstörungen.
Letztendlich muss man annehmen, dass das mit Gefäßveränderungen, die der Blutdruck bewirkt, zu tun hat. Einerseits werden die Gefäße "poröser", das heißt, die Membranen in den Adern werden mit der Zeit durch den hohen Blutdruck zerstört. Es gibt aber auch Einlagerungen in die Gefäße. Das heißt, die Gefäßwände werden dicker. Seit vielen Jahren gibt es Studien, die beweisen, dass das Schlaganfall-Risiko vom Blutdruck abhängt.
Kann der Betroffene denn selbst merken, dass er unter Bluthochdruck leidet?
Ganz schlecht. Hohen Blutdruck merkt man lange nicht. Und wenn man ihn merkt, dann ist der Blutdruck schon massiv erhöht, die Blutdruckerkrankung schon weit fortgeschritten. Zeichen können dann Kopfschmerzen, Schwindelzustände oder Flimmersehen sein. Aber, 90 oder 95 Prozent der Menschen mit hohem Blutdruck merken das über Jahre hinweg gar nicht.
Besonders die nächtlichen Blutdrucksteigerungen bekommt man gar nicht mit. Aber gerade diese sind sehr gefährlich in Bezug auf die Gefäßkomplikationen.
Wie kann der hohe Blutdruck denn festgestellt werden?
Man muss messen. Ich glaube, dass für jeden, der 35 oder älter ist, eine einmal jährliche Blutdruckmessung absolutes Pflichtprogramm ist. Und wenn man feststellt, dass da ein erhöhter Blutdruck entsteht – und das ist ja mit steigendem Alter immer öfter der Fall – muss natürlich wesentlich häufiger gemessen werden.
Kann man sagen: In Deutschland wird der Bluthochdruck noch nicht ausreichend oft erkannt und nicht gut genug behandelt?
Ja, man muss zwar nicht immer glauben, was gedruckt wird. Es gibt aber Veröffentlichungen, die zeigen, dass der Bluthochdruck in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern besonders schlecht erkannt und behandelt wird. Ich denke, für jeden Mediziner gilt: Bei ambulanten Arztbesuchen ist eine Blutdruckmessung Pflicht.
Lässt sich der Bluthochdruck denn gut therapieren?
Ja. Es gibt zahlreiche Medikamente. Bis vor kurzem hat man gesagt, dass diese Medikamente unabhängig von der Stoffklasse, die man verwendet, ähnlich gut sind in der Schlaganfall-Verhinderung. Es kommt also im Wesentlichen darauf an, den Blutdruck zu senken, und zwar langfristig.
Was können die Betroffenen selbst tun?
Jede medikamentöse Blutdrucksenkung ist natürlich sinnlos, wenn der Patient sozusagen das Gegenteil tut, um seinen Blutdruck wieder in die Höhe zu treiben. Man kann Blutdruck durch allgemeine Maßnahmen zunächst mal ganz gut senken. Gewichtsabnahme oder eine Reduzierung des Salzens können helfen. Beides zusammen kann den oberen Wert um bis zu 30 mmHg senken.
Viele Menschen können ihren Blutdruck deutlich senken, wenn sie täglich eine körperliche Tätigkeit aufnehmen. Man muss nicht unbedingt Sport treiben, aber z. B. Wege, die man zu Fuß machen kann, auch zu Fuß machen. Daneben sollte man versuchen, seinen Berufsalltag zu managen, also Pausen festzusetzen und zu versuchen, nicht ständig in Zeitdruck zu geraten. Ich glaube, Bluthochdruck muss eskalierend behandelt werden. Man fängt zunächst einmal an, die Lebensweise darauf einzustellen. Erst wenn alle diese Maßnahmen ausgereizt sind, sollte man zur medikamentösen Blutdrucksenkung übergehen.
Viele Menschen haben Angst vor "zu niedrigem" Blutdruck - gibt es den?
Aus der Sicht eines Menschen, der Schlaganfälle verhindern will, gibt es den nicht. Es ist tatsächlich so, je niedriger der Blutdruck, desto geringer ist das Schlaganfall-Risiko. Auch die von Ärzten geteilte Angst, dass niedrige Blutdruckwerte bei vorhandenen Gefäßengstellen zu einer mangelhaften Gehirndurchblutung führen, ist eine weit übertriebene Angst. Auch den Engstellen tut es zunächst einmal gut, wenn der Blutdruck abfällt. Solange diese Engstellen nicht mit einem Stent versorgt oder operiert werden müssen, ist auch bei diesen Patienten ein niedriger Blutdruck besser.
Eine Einschränkung gibt es: Es gibt Menschen, besonders ältere, bei denen nach dem Aufstehen der Blutdruck stark sinkt. Man spricht von orthostatischer Hypotonie. Dann ist es natürlich ein Problem, wenn der Blutdruck nicht mehr messbar ist. Das ist auch für das Gehirn nicht mehr gut. Gerade ältere Menschen sollten deshalb ihren Blutdruck auch im Stehen oder direkt nach dem Aufstehen messen.
Was ist abschließend Ihre Empfehlung bezogen auf den Bluthochdruck als Risikofaktor des Schlaganfalls?
Es wird heute viel über Früherkennung von Schlaganfall-Risiken gesprochen. Ich glaube der Hauptfaktor, um einen Schlaganfall zu verhindern, ist frühzeitig seinen Blutdruck zu kennen und ihn im Normbereich zu halten.
Vielen Dank für das Gespräch.