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Ich spüre die Veränderung

Annette Weiß hat nach dem Schlaganfall eine neue Aufgabe gefunden

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Seit Jahren leidet Annette Weiß unter Migräne, die Attacken treten regelmäßig auf, bisweilen sogar bis zu 13 Tage im Monat. Vor drei Jahren saß Annette im Garten. Sie stand kurz vom Gartenstuhl auf, um etwas zu holen. „Da wurde mir kurz schwindelig, das war aber gleich wieder vorbei. Ich legte mich hin, und dann begannen die rasenden Kopfschmerzen", erinnert sie sich. Sie nahm eine der vom Arzt verordneten Migränetabletten und legte sich aufs Sofa...

Seit Jahren leidet Annette Weiß unter Migräne, die Attacken treten regelmäßig auf, bisweilen sogar bis zu 13 Tage im Monat. Vor drei Jahren saß Annette im Garten. Sie stand kurz vom Gartenstuhl auf, um etwas zu holen. „Da wurde mir kurz schwindelig, das war aber gleich wieder vorbei. Ich legte mich hin, und dann begannen die rasenden Kopfschmerzen", erinnert sie sich. An einen Schlaganfall dachte die 39-Jährige nicht, sondern an eine besonders schwere Migräneattacke. Sie nahm eine der vom Arzt verordneten Migränetabletten und legte sich aufs Sofa.

Als sie erwachte, waren die Kopfschmerzen weg, sie hatte aber das Gefühl, dass etwas nicht stimmte und anders war als sonst: „Ich merkte, irgendetwas passt mit meinen Augen nicht." Auch ihr Hausarzt und weitere konsultierte Fachärzte waren zunächst ratlos - erst nach vier Tagen wurde ein Schlaganfall festgestellt. Wertvolle Zeit war verloren vergangen.

Traumjob nach Schlaganfall weg

Als eine Nebenwirkung der Migränetabletten stand auch „Schlaganfall" im Beipackzettel. Die Tabletten hatten also offenbar den Schlaganfall ausgelöst, denn weitere Risikofaktoren waren nicht feststellbar.

Annette Weiß hatte aber trotz der späten Diagnose gewissermaßen Glück im Unglück. Denn sie hat keine schwere Behinderung davongetragen. Nach einer intensiven Reha, auf die sie ihre kleine Tochter begleiten durfte, ist ihr vom Schlaganfall äußerlich heute nichts mehr anzusehen. „Aber ich selbst spüre die Veränderungen deutlich", sagt sie. Annette leidet unter Gesichtsfeldausfall, Empfindungsstörungen und unter ständigen Schmerzen in der linken Körperhälfte. Außerdem ist sie nicht mehr groß belastbar.

Alle Einschränkungen sind nach außen hin nicht sichtbar, schränken Annette aber trotzdem sehr ein. „Ich räume die Spülmaschine aus und bügle ein bisschen: Danach bin ich total erschöpft und das war dann sozusagen mein Tageswerk", erzählt die alleinerziehende Mutter einer heute sechsjährigen Tochter. „Dabei war ich früher ein absoluter Powermensch, meine Tochter Sofie und mein Job waren mein Leben", sagte Annette.

Zuletzt war sie Chefsekretärin beim Diözesanmusikdirektor in Bamberg, organisierte Konzerte, Chorseminare und vieles mehr. „Mein Traumjob, den ich aber leider durch meine Erkrankung verloren habe", bedauert sie. Zu den körperlichen Einschränkungen kamen daher noch die Enttäuschung über den Arbeitgeber und Existenzangst hinzu. „Mit Anfang 40 berentet zu sein, ist nicht einfach", sagt sie. Ein Grund dafür war auch, dass sie die Migränetabletten, die offenbar bei ihr den Schlaganfall auslösten, nicht mehr einnehmen darf. Weiterhin leidet sie unter Migräneattacken: „Es kommt vor, dass ich mit Unterbrechungen fast einen halben Monat darunter leide", berichtet Annette. Da sie wegen der Gefahr eines weiteren Schlaganfalls die Migränetabletten nicht mehr nehmen darf, kann es sein, dass sie unvorhergesehen schon mal drei Tage am Stück ausfällt. „Damit bin ich für einen Arbeitgeber unkalkulierbar."

Sämtliche schulmedizinischen und alternativen Heilmethoden gegen Migräne kennt Annette Weiß und hat sie versucht: „Aber nichts hilft bei mir." Zudem kann sie sich nicht länger als eine Stunde am Computer konzentrieren. Auch das Lesen fällt der bekennenden Leseratte schwer: „Das geht derzeit nur ungefähr 30 Minuten am Stück", so Annette Weiß.

Hinzu kommen noch weitere Erkrankungen. Annette Weiß hatte einen Gehirntumor, leidet unter Borreliose und Fibromyalgie. „Deswegen habe ich einen unbefristeten Schwerbehindertenausweis mit 50 Prozent bekommen." Mit dieser Situation musste sich Annette Weiß abfinden. „Heute darf ich zumindest wieder Auto fahren, das ist schon mal ein Trost. Auch wenn es nur Strecken bis zu 35 km sind. Mehr geht nicht, aber darüber freut sie sich heute, da es Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bedeutet, wenn man in einem kleinen Dorf ohne Busverbindung, Geschäften und Ärzten wohnt.

Stammtisch und Bücherscheune gegründet

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Annette hat sich heute stabilisiert und kommt mit ihrer Situation etwas besser klar. Geholfen hat ihr dabei auch, dass sie das Erlebte in Gedichten verarbeitet.

Sie nutzt ihre Kreativität und Schaffenskraft nun auf andere Weise: In Bamberg hat sie 2011 einen Stammtisch für Menschen mit chronischen körperlichen Erkrankungen gegründet. Betroffene treffen sich jeden Freitag um 10 Uhr in einem Kaffee in der Innenstadt: „Behindertenparkplätze sind vor der Tür und man kann auch gut mit dem Rolli hineinfahren", so Annette Weiß, die hofft, dass sich der Stammtisch mit der Zeit vergrößern wird (Schlaganfall-Patienten sind herzlich willkommen). Ein von ihr entworfener Flyer lädt interessierte Menschen ein.

Ihr Lieblingsprojekt ging 2012 mit einem kleinen Fest an den Start: Bücherfan Annette Weiß - sie hat früher auch in einer Buchhandlung gearbeitet – hat eine Bücherscheune gegründet! Neben dem Wohnhaus richtet sie derzeit in einer alten Scheune eine Bücherei ein. Wer Bücher loswerden möchte, kann sie hinbringen, wer welche leihen möchte, kann sie abholen. Man muss die Bücher auch nicht zurückbringen, es soll alles ganz zwanglos sein. Sogar zwei Büchereien haben bereits Bücher geliefert. Auch Zeitschriften kann man bringen und holen. „Mit diesem Projekt kann ich mein Hobby pflegen und mir die Zeit gut einteilen, denn zwischendurch kann ich mich auch mal hinlegen, wenn es mir nicht gut geht", sagt Annette Weiß. Tochter Sofie, die inzwischen die erste Klasse besucht und jetzt lesen kann, ist vom Projekt „Bücherscheune" auch begeistert, insbesondere, wenn Kinderbücher angeliefert werden. Jeden Mittwoch von 10 bis 18 Uhr und am Sonntag von 17 bis 18 Uhr ist die Bücherscheune geöffnet. „Aber man kann auch nach telefonischer Vereinbarung kommen".

Am Haus von Annette Weiß führt ein Fahrrad- und Wanderweg (unter anderem der bekannte Jakobsweg) vorbei, da wird sie ein Schild aufstellen, um auf ihre Bücherscheune hinzuweisen. Außerdem wird in der Tagespresse auf das Projekt hingewiesen. „Das Ausleihen oder Abholen ist kostenlos, denn ich möchte, dass auch Menschen, die es sich selbst nicht leisten können, Bücher zu kaufen, Bücher bekommen und besitzen können", wünscht sich Annette. „Doch manche Menschen möchten nichts geschenkt haben", weiß sie aus Erfahrung. Daher wird sie ein Sparschwein für Spenden aufstellen. Den Inhalt wird sie der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe spenden und damit das Projekt „Junger Mensch und Schlaganfall" fördern. Eine tolle Idee!

Kontakt

Bücherscheune Annette Weiß
Ruhstraße 5, 96138 Burgebrach

Telefon: 09546 595856

E-Mail: annette.weiss@gmx.de
www.buecherscheune-grasmannsdorf.de