Als eine Nebenwirkung der Migränetabletten stand auch „Schlaganfall" im Beipackzettel. Die Tabletten hatten also offenbar den Schlaganfall ausgelöst, denn weitere Risikofaktoren waren nicht feststellbar.
Annette Weiß hatte aber trotz der späten Diagnose gewissermaßen Glück im Unglück. Denn sie hat keine schwere Behinderung davongetragen. Nach einer intensiven Reha, auf die sie ihre kleine Tochter begleiten durfte, ist ihr vom Schlaganfall äußerlich heute nichts mehr anzusehen. „Aber ich selbst spüre die Veränderungen deutlich", sagt sie. Annette leidet unter Gesichtsfeldausfall, Empfindungsstörungen und unter ständigen Schmerzen in der linken Körperhälfte. Außerdem ist sie nicht mehr groß belastbar.
Alle Einschränkungen sind nach außen hin nicht sichtbar, schränken Annette aber trotzdem sehr ein. „Ich räume die Spülmaschine aus und bügle ein bisschen: Danach bin ich total erschöpft und das war dann sozusagen mein Tageswerk", erzählt die alleinerziehende Mutter einer heute sechsjährigen Tochter. „Dabei war ich früher ein absoluter Powermensch, meine Tochter Sofie und mein Job waren mein Leben", sagte Annette.
Zuletzt war sie Chefsekretärin beim Diözesanmusikdirektor in Bamberg, organisierte Konzerte, Chorseminare und vieles mehr. „Mein Traumjob, den ich aber leider durch meine Erkrankung verloren habe", bedauert sie. Zu den körperlichen Einschränkungen kamen daher noch die Enttäuschung über den Arbeitgeber und Existenzangst hinzu. „Mit Anfang 40 berentet zu sein, ist nicht einfach", sagt sie. Ein Grund dafür war auch, dass sie die Migränetabletten, die offenbar bei ihr den Schlaganfall auslösten, nicht mehr einnehmen darf. Weiterhin leidet sie unter Migräneattacken: „Es kommt vor, dass ich mit Unterbrechungen fast einen halben Monat darunter leide", berichtet Annette. Da sie wegen der Gefahr eines weiteren Schlaganfalls die Migränetabletten nicht mehr nehmen darf, kann es sein, dass sie unvorhergesehen schon mal drei Tage am Stück ausfällt. „Damit bin ich für einen Arbeitgeber unkalkulierbar."
Sämtliche schulmedizinischen und alternativen Heilmethoden gegen Migräne kennt Annette Weiß und hat sie versucht: „Aber nichts hilft bei mir." Zudem kann sie sich nicht länger als eine Stunde am Computer konzentrieren. Auch das Lesen fällt der bekennenden Leseratte schwer: „Das geht derzeit nur ungefähr 30 Minuten am Stück", so Annette Weiß.
Hinzu kommen noch weitere Erkrankungen. Annette Weiß hatte einen Gehirntumor, leidet unter Borreliose und Fibromyalgie. „Deswegen habe ich einen unbefristeten Schwerbehindertenausweis mit 50 Prozent bekommen." Mit dieser Situation musste sich Annette Weiß abfinden. „Heute darf ich zumindest wieder Auto fahren, das ist schon mal ein Trost. Auch wenn es nur Strecken bis zu 35 km sind. Mehr geht nicht, aber darüber freut sie sich heute, da es Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bedeutet, wenn man in einem kleinen Dorf ohne Busverbindung, Geschäften und Ärzten wohnt.