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Birgit Klemm las in Klinik Hoher Meißner

 

Ka-ta-strophe! Gerade noch ist Ralf Schwarz mit seiner 48-jährigen Frau Kathrin auf Fuerteventura mit dem Fahrrad gefahren. Ein paar Stunden später liegt sie komatös auf der Intensivstation. Was ist passiert?

Ka-ta-strophe! Gerade noch ist Ralf Schwarz mit seiner 48-jährigen Frau Kathrin auf Fuerteventura mit dem Fahrrad gefahren. Ein paar Stunden später liegt sie komatös auf der Intensivstation. Was ist passiert?

 

Sie war mit dem Fahrrad gestürzt und hatte sich einen Einriss einer das Gehirn versorgenden Arterie und dadurch einen schweren Schlaganfall zugezogen. Die Namen „Ralf und Kathrin Schwarz" sind Pseudonyme, eigentlich heißt das Lehrer-Ehepaar Birgit und Volkmar Klemm. Um mit der dramatischen Situation besser umgehen zu können, hatte Volkmar Klemm begonnen, ein Tagebuch zu schreiben. Und das wurde im Verlauf dann von Birgit Klemm eindrucksvoll fortgeführt. Auf Einladung der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Werra-Meißner e.V. und Dr. Carsten Schröter, Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meißner und Regionalbeauftragter der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, kamen Volkmar und Birgit Klemm nach Bad Sooden-Allendorf, um anlässlich des Tages des Schlaganfalls aus dem Buch „Plötzlich ist alles anders" zu lesen.

 
Birgit und ihr Ehemann Volkmar Klemm

Die Lesung begann mit herrlichen Fotos einer heilen Welt eines sehr aktiven Ehepaares. Das endete schlagartig mit einem Bild von der bewusstlosen Birgit Klemm auf der Intensivstation. Volkmar Klemm schilderte die schlimme Zeit des Chaos und der Ungewissheit in der akuten Phase der Erkrankung. Auf der Intensivstation auf der spanischen Insel konnte er bei seiner Frau sein, aber sie war bewusstlos, sprechen mit ihr und von ihr erfahren, wie sie sich fühlt oder über das weitere Vorgehen beraten, konnte er also nicht. Er war allein in einem fremden Land mit einer Sprache, die er nicht versteht. Aber da waren noch die erwachsenen Kinder zuhause, die zunächst per Telefon und dann auch durch Besuche eine unverzichtbare Stütze darstellten.

Mit dem Aufwachen aus dem Koma begann Birgit Klemm mit der Schilderung ihrer Erfahrungen. Das Erfassen der schweren Lähmung der linken Körperhälfte, der Steh- und Gehunfähigkeit, der hochgradigen Störung des Sprechens und Schluckens war dramatisch. Was war passiert? Wird das alles so bleiben? Wird sich die Symptomatik zurückbilden?

Die Symptome besserten sich nach und nach, wenn auch nur langsam. Der mehrwöchigen stationären Behandlung auf Fuerteventura schloss sich nach dem Rücktransport in einer fliegenden Krankenstation des ADAC die Weiterbehandlung in einer Neurologischen Universitätsklinik und danach die lange Zeit der stationären Rehabilitation an. Unterlegt von entsprechenden Bildern und kurzen Filmsequenzen über den eigenen Verlauf schilderte die Autorin sehr lebhaft und für die Zuhörer gut verständlich, wie sich die Symptome besserten, aber auch wie sie dafür gekämpft hat. „Therapie ist der Versuch, der Krankheit beizubringen, wer von nun an befiehlt". Und Birgit Klemm übernahm zunehmend wieder die Befehlsgewalt über den Körper.

Birgit Klemm hat es nach dem Schlaganfall wieder geschafft, zu gehen, sie joggt sogar regelmäßig wieder, und im Winter ist auch wieder Langlauf möglich. Mit Ihrem Mann gemeinsam macht sie wieder Wanderungen. Besonders bewegend war das nach Auftreten der Erkrankung aufgenommene Bild von Birgit Klemm an einer Steilwand des Elbsandsteingebirges, nur durch eine Kette gesichert. Das gleiche Bild, allerdings vor dem Unfall aufgenommen, war am Anfang der Lesung gezeigt worden. Die große Freude, auch für solche Wanderungen wieder eine ausreichende Beweglichkeit und Sicherheit erreicht zu haben, war für alle Zuhörer gut nachvollziehbar und erkennbar. Alles hat sie noch nicht wieder erreicht. Vor allem das Sprechen ist noch erschwert. Sie zeigte den Korken, mit dem sie auch vor der Lesung noch einige Sprechübungen gemacht hat. Wer sie erlebt hat, ist überzeugt, auch in diesem Bereich geht noch was!

Auch Edwin Klotz von der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Werra-Meissner e.V. zeigte sich sehr bewegt von der Motivation und Konsequenz der Autorin. Das Buch und ganz besonders auch die Lesung macht Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, Mut, so Klotz. Es motiviert zur Aktivität, auch wenn nicht jeder Betroffene wieder soweit kommen kann wie Birgit Klemm. Aber Eigeninitiative und Motivation sind unverzichtbar für einen möglichst guten Verlauf nach dem Schlaganfall. Elisabeth S., selbst zur Zeit Patientin in der Reha-Klinik, unterstützte diese Erfahrung durch die Schilderung einer älteren Dame aus dem Freundeskreis, die keine Eigeninitiative aufweist und entsprechend auch wenig Fortschritte nach ihrem Schlaganfall machte.

Das diesjährige Motto der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe zum Tag des Schlaganfalls lautet „Starke Patienten leben besser". Und Birgit Klemm ist ein hervorragendes Beispiel einer starken Patientin!

Weitere Informationen

Kathrin Schwarz: „Plötzlich ist alles anders"; Taschenbuch, 176 Seiten, Books on Demand; ISBN-10: 3848232995

Dr. Carsten Schröter,
Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meißner
37242 Bad Sooden-Allendorf
www.reha-klinik.de
schroeter@reha-klinik.de

Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Werra-Meißner e.V.:
Internet: Schlaganfall Selbsthilfegruppe Werra Meissner

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Eine ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte

 

Philippe hatte einen schweren Weg ins Leben - er erlitt einen Schlaganfall im Mutterleib. Und dann geschah das Unglaubliche: auch sein Vater erlitt einen Schlaganfall, und überstand ihn glücklicherweise ohne schlimmere Folgen.

Schlaganfall im Mutterleib

Philippe hatte einen schweren Weg ins Leben. Nach dem Schlaganfall im Mutterleib und seiner Geburt vor 10 Jahren gaben die Ärzte seinen Eltern wenig Anlass zur Hoffnung. Doch den Umständen entsprechend ist Philippe heute ein glückliches Kind. Insbesondere seit dem 10. Oktober. Denn da geschah das Unglaubliche: auch sein Vater erlitt einen Schlaganfall, und überstand ihn glücklicherweise ohne schlimmere Folgen.

Schlaganfall kann jeden treffen

Zusammen waren sie nicht einmal 40, da hatten Vater und Sohn bereits „ihre" Schlaganfälle hinter sich. Die statistische Wahrscheinlichkeit dafür liegt im untersten Promille-Bereich. Vor allem, wenn man die klassischen Risikofaktoren betrachtet. „Scheinbar bleibt einem auch als sportlich aktiver Nichtraucher sowas nicht immer erspart", stellt Thomas Hoffmann ernüchtert fest. „Schlaganfall kann jeden treffen" hieß nicht grundlos die letzte Aufklärungskampagne der Deutschen Schlaganfall-Hilfe. Manche Menschen machen alles richtig und haben trotzdem ein höheres Schlaganfall-Risiko, oft ohne es zu wissen. Die Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern gehört zu diesen Risikotreibern, die häufig unbemerkt bleiben. Auch bei Thomas Hoffmann war wohl das Herz die Ursache, ein so genanntes offenes Foramen ovale.

Das Herz war wohl die Ursache

Das Foramen ovale ist eine Verbindung zwischen den Herzvorhöfen, die üblicherweise in den ersten Lebenstagen verwächst. Nach Schätzungen passiert das jedoch bei bis zu 25 Prozent aller Menschen nicht vollständig. Was grundsätzlich bisher als kein großes Problem galt, wird in jüngerer Zeit von Medizinern häufiger als Ausgangspunkt für einen Schlaganfall angenommen. Wenn Blut in einer solchen Ausbuchtung des Herzens länger steht, besteht die Gefahr, dass sich ein Gerinnsel bildet. Einmal in der Blutbahn, kann es in den feinen Gefäßen des Gehirns zu einem Verschluss führen.

Ähnlich muss es sich bei Thomas Hoffman abgespielt haben. Dass die Ursache gefunden wurde, gibt ihm eine gewisse Sicherheit. Nun ist das Risiko eines erneuten Schlaganfalls kalkulierbar. Das Loch im Herzen ließe sich operativ schließen, doch davon rieten ihm seine Ärzte ab. „Bekomme jetzt Gerinnungshemmer als Schutz vor mir selbst", kommentiert Hoffmann auf seine humorige Art. Und so, wie es aussieht, werden die Medikamente ihn wohl Zeit seines Lebens begleiten.

Obwohl der Bankkaufmann professionell sorgfältig mit Geld umgeht, hätte er „einiges darauf verwettet, dass mir sowas nicht passiert", so der 39jährige. Schwindel und plötzliche Sehstörungen waren die Warnzeichen am Morgen des 10. Oktober. Seine Frau tat instinktiv das Richtige und wählte den Notruf. Auf der Schlaganfall-Station (Stroke Unit) in Trier erfolgte die Akutbehandlung. Die dreiwöchige Rehabilitation absolvierte er in einem ambulanten Therapiezentrum und machte damit gute Erfahrungen.

 

Thomas Hoffmann ist froh, dass er seinen Schlaganfall weitgehend unbeschadet überstanden hat. Und Philippe ist glücklich, dass er seinen Papa noch hat. Denn morgens musste er aus dem Schulbus heraus beobachten, wie der Notarzt zuhause vorfuhr. Schwer vorstellbar, unter welch quälender Ungewissheit das Kind diesen Schultag durchlebte. Auch das wird allen in Erinnerung bleiben. Vater und Sohn Hoffmann haben jetzt noch mehr, was sie verbindet. Doch bei aller Liebe: darauf hätten beide gern verzichtet.

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Es ist eine stille Annäherung. Sprachlos.

 

Es ist eine stille Annäherung. Sprachlos. Birte Oldenburg und Jürgen Michaelsen leiden beide unter Aphasie, einer Sprachstörung, als sie sich im Rehabilitationszentrum Jesteburg kennenlernen. Das gemeinsame Schicksal nimmt ihnen vorerst die Sprache.

Es ist eine stille Annäherung. Sprachlos. Birte Oldenburg und Jürgen Michaelsen leiden beide unter Aphasie, einer Sprachstörung, als sie sich im Rehabilitationszentrum Jesteburg nördlich des Naturschutzparks Lüneburger Heide kennenlernen. Birte hat am 3. März 2010 einen Schlaganfall erlitten. Jürgen eine Woche zuvor. Das gemeinsame Schicksal nimmt ihnen vorerst die Sprache. Die gemeinsame Erfahrung macht Sprache zugleich ein großes Stück weit überflüssig.

Es sind andere Dinge, die Jürgen bald deutlich machen, dass da mehr ist zwischen Birte, die selbst im Rollstuhl noch quirlig wirkt, die mit ihrem Charme und ihren sprechenden Augen bald mehr erzählen kann, als Worte das bisweilen tun - und ihm, diesem Mann mit dem Charaktergesicht und der bisweilen knorrigen Art. „Das Rehazentrum Jesteburg ist wunderschön gelegen. Es gibt da viel Grün. Viele Tiere", erzählt Jürgen. Bei den Ausflügen zu den Hirschen im Park fällt Jürgen irgendwann auf, dass Birte immer an seiner Seite ist. „So ist es einfach geblieben", sagt Jürgen. Und Birte lacht dazu auf eine Weise, die deutlich macht, dass es romantischer war, als dieser Satz. Drei Wochen vor Ende der Reha zum Beispiel. „Da sind wir ausgebüxt", sagt Birte. Mit Wissen des Reha-Chefs. Zum ersten Mal seit Wochen allein. Ohne Therapeuten, ohne Hilfen. Gemeinsam fahren sie nach Hamburg in Birtes Wohnung. „Wir haben eine Ewigkeit gebraucht, um ohne Fahrstuhl in die erste Etage zu kommen. Aber es war herrlich. Ein Stück Unabhängigkeit", sagt Birte. Für sie war es entscheidend, zurück in ihre Wohnung kommen zu können, dieses Stück Leben schon wieder zurückerkämpft zu haben. Und die beiden ergänzen sich: „Wir haben ja beide eine gesunde Hand - perfekt zum Gemüseschneiden. Einer fasst an und hält, der andere schneidet.  Am Wochenende haben wir also zwei Hände beim Essen."

Birte

Birte ist gerade einmal 44 Jahre alt, als sie den Schlaganfall erleidet. Sie ist Redakteurin, Sprache ist ihr Leben. Dennoch hat sie im Unglück noch Glück: Sie ist gerade bei der Physiotherapie, als es passiert. Keine halbe Stunde vergeht zwischen dem Schlaganfall und der Einlieferung auf der Stroke Unit des UKE in Hamburg. Lange wird sie nicht wissen, wo sie ist. Lange wird sie nicht wissen, wer ihre Familie, ihre Freunde sind. Wird nicht mehr wissen, wo ihre Eltern leben. Die Deutschlandkarte, die die Therapeuten ihr zeigen, sagt ihr nichts. Es ist am Ende ein virtueller Kontakt, der die Tür zur realen Welt weit aufmacht. Ein Twitter-Follower wundert sich, dass Birte tagelang, wochenlang nichts postet. Er macht sich Sorgen – und beginnt, alle Krankenhäuser in Hamburg nacheinander anzurufen. Schließlich wird er fündig. „Das war dann schon in Jesteburg, wir haben alle zusammen gegrillt. Jürgen war da dann auch schon dabei", erinnert sich Birte heute.

Jürgen

Jürgen hatte weniger Glück. Als er am Morgen des 26. Februar 2010 erwacht, kann er sich kaum noch rühren. „Ich wusste sofort, dass es ein Schlaganfall ist", sagt er. Irgendwann schafft er es dennoch bis ins Bad. „Da war dann erst einmal alles aus", berichtet Jürgen. „Ich dachte, das sei das Ende – und erwartete den Tod." Doch es dauert. Der Tod will einfach nicht kommen. „Dann also kämpfen", habe er sich gedacht. Das Telefon, mit dem er Hilfe rufen kann, steht auf dem Nachttischen neben dem Bett. Jürgen ist geschwächt, gelähmt. Zweieinhalb Tage wird er brauchen, bis er es vom Bad zurück ins Schlafzimmer schafft. Als er wieder auf dem Bett liegt, schläft er komplett erschöpft erst einmal ein. Er wird geweckt durch einen Anruf. Ein Freund hatte sich Sorgen gemacht, weil er so lange nichts von Jürgen gehört hat.

Zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Seite an Seite.

 

Auch Jürgen wohnt heute wieder in seinem Haus. Der Elektriker lebt selbstständig. Repariert vieles noch selbst - einhändig. Auch in Birtes Wohnung. Sie selbst hadert noch mit der Sprache. Doch das Schreiben geht schon wieder gut. Sie betreibt einen Blog, in dem sie ihre Erlebnisse schildert, aufarbeitet - und anderen Mut macht. Das Schreiben liegt ihr einfach im Blut - und gelernt ist gelernt.

Schwierig ist für Birte, die immer so gerne Mozart, Bach und Beethoven an ihrem Klavier gespielt hat, sich noch nicht wieder an die Tasten zurücksetzen kann, die rechte Hand macht noch nicht wieder mit.

Birte wohnt in Hamburg, Jürgen in Winsen/Luhe. Für zwei Betroffene eine echte Strecke, die es mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen gilt. Sie versuchen, sich wenigsten alle zwei Wochen zu sehen. Gerne auch in Warwisch, in dem Sommerhäuschen von Birte direkt hinterm Elbedeich. Und sie kämpfen. Zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Seite an Seite.

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„Ich war schon immer ein Trotzkopf"

 

Dank Willenskraft und hartem Training kann Stefan Wabersich zwei Jahre nach einem Schlaganfall wieder seinen Traum vom Motorradfahren leben.

Lesen Sie seine Geschichte.

 

Rund 15.000 km fährt Stefan Wabersich jährlich mit seinem Motorrad. Oft ist er wochenlang unterwegs, meist mit einer Gruppe Gleichgesinnter. Wenn man ihn auf seiner schweren BMW 1200 GS dahinbrausen sieht, glaubt man nicht, dass er vor 13 Jahren einen Schlaganfall hatte, sein linker Arm noch immer gelähmt und auch das linke Bein in der Bewegung eingeschränkt ist. Er fährt genau so gut wie der Rest der Motorrad-Clique. Neuen Mitgliedern der Gruppe fällt seine Behinderung erst beim Absteigen auf. Dann zollen sie ihm Respekt für seinen Mut und die große Anstrengung, mit der er sich wieder auf seinen Platz in der Gesellschaft zurückgekämpft hat. „Mit anderen etwas zu unternehmen ist gut für die Psyche", sagt der 43-Jährige.

Schlaganfall im Krankenhaus

Das Stefan Wabersich heute sein Leben wieder in voller Fahrt genießen kann, erscheint wie ein Wunder. „Gehen Sie davon aus, dass Sie nicht gehen können, wenn Sie aus der Reha entlassen werden", hatte ihm sein Arzt prophezeit. Im Jahr 2000 war Wabersich mit Verdacht auf eine Hirnblutung in das Klinikum Christophsbad in Göppingen eingeliefert worden. Während der Visite erlitt er einen Schlaganfall. Zurück blieben eine linksseitige Lähmung, Schluckstörungen, Sprachprobleme. Nach 12 Wochen Krankenhaus und 16 Wochen Reha konnte er wieder sprechen, schlucken und gehen.

Hart trainieren statt kompensieren

Sein Trotzkopf habe ihm dabei geholfen, seine Einschränkungen nicht zu akzeptieren, sich nicht in einem Leben als Behinderter einzurichten. „Aufhören kann man immer noch, aber erst einmal gilt es auszuprobieren, was man noch machen kann", so seine Devise. Wer positiv denkt, zieht Positives an. Der eiserne Wille des Patienten imponierte seinem Krankengymnasten so sehr, dass er in seiner Freizeit zusätzlich mit ihm übte.

Ein Traum zerplatzt, ein neues Ziel motiviert

Gerade mal ein Jahr vor seinem Schlaganfall hatte Stefan Wabersich mit dem Motorradfahren begonnen. Dann war erst einmal alles aus. Aber als seine Frau einen Betrieb in Krefeld fand, der Motorräder speziell auf die jeweiligen körperlichen Einschränkungen umbaut, hatte er wieder ein Ziel – und erreichte es innerhalb von nur zwei Jahren.

Wie erlangt man die Fahrerlaubnis wieder?

Will man nach Schlaganfall wieder am Straßenverkehr teilnehmen, benötigt man zuerst eine schriftliche Beurteilung eines Arztes. Sie muss der Führerscheinstelle des Landratsamtes vorgelegt werden. Diese ordnet dann entweder ein kraftfahrzeugtechnisches Gutachten oder einen Fahrtest an. Dafür ist der TÜV zuständig. Der TÜV berät auch bezüglich Fahrzeugumbauten. Auf den Fahrtest, den der TÜV abnimmt, sollte sich der Betroffene durch Fahrstunden bei einer Fahrschule vorbereiten.

Mehr Informationen und eine Checkliste zum Thema Mobilität nach Schlaganfall lesen Sie an dieser Stelle.

Individuelle Umbauten machen das Motorradfahren trotz Einschränkungen möglich

Nach Beratung durch den TÜV und den Fahrzeugumrüster Költgen aus Krefeld ließ Stefan Wabersich sein Motorrad umbauen. Mit der rechten Hand bedient er die pneumatische Schaltung und die Kupplung. Vorder- und Hinterrad bremst er mit dem rechten Fuß. Da ein Motorrad durch Gewichtsverlagerung gelenkt wird, entsteht kein Problem dadurch, dass er den betroffenen linken Arm lediglich zum Abstützen auf den Lenker auflegen kann.

„Die erste Motorradfahrt nach dem Schlaganfall fühlte sich an wie Ostern und Weihnachten zusammen!"

Mit einer Mischung aus Angst und Freude probierte der Motorradfreak sein neues Gefährt zuerst einmal auf einem Parkplatz aus. Alles funktionierte prima – bis zum Anhalten. Stefan Wabersich fiel um, das Zweirad auf ihn drauf. Das passierte zu Beginn öfters, räumt er ein. Denn das linke Bein reagiert bis heute verzögert, muss also beim Stoppen schon frühzeitig von der Fußraste gehoben werden. Aber er nimmt's gelassen: „Allein kann ich mein 245 kg schweres Motorrad natürlich nicht aufheben. Aber zum Glück sind die Deutschen ja immer im Stress. Blockiert man durch einen Sturz die Straße, helfen sie schnell, damit sie rasch weiterfahren können!"

Inzwischen ist er ein sicherer und schneller Fahrer. Sogar seine Frau begleitet ihn als Sozia. Geschwindigkeiten bis 240 km/h meistert er ebenso wie lange, kräftezehrende Autobahnfahrten.

Bei der Auswahl der Schutzkleidung aufs Detail achten

 

Autark zu sein ist dem passionierten Motorradfahrer sehr wichtig. Rund um sein Hobby will er alles selbst beherrschen – auch das Anziehen der Schutzkleidung. Deshalb hat er bei der Auswahl von Kleidung, Stiefeln und Helm auf zweckmäßige Details geachtet, wie z. B. einen breiten Reißverschluss-Schiebergriff und einen Helmverschluss, den man mit einer Hand bedienen kann. Jacke und Hose kaufte er eine Nummer größer, das erleichtert das Anziehen. Was nicht standardmäßig vorhanden war, wurde angepasst. Der Nierengurt bekam Schlaufen: Stefan Wabersich steckt den linken Daumen durch die Schlaufe und kann den Gurt dann problemlos mit der rechten Hand um die Taille spannen. „Wer aktiv ist, trainiert ganz automatisch die betroffenen Körperteile im Alltag", weiß er und freut sich bereits auf die erste Frühlingsausfahrt.

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An einem Tag wie jeder andere...

 

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Und doch war es gerade kein Tag wie jeder andere, ganz im Gegenteil: Was an diesem frühen Abend im Jahr 2000 in wenigen Sekunden passiert ist, hat sein ganzes Leben massiv und nachhaltig verändert. Vorher war er ein gesunder, kräftiger, junger Mann, jetzt ist er stark eingeschränkt, behindert. – Adrian R., heute 39 Jahre.

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... so heißt die Überschrift des bewegenden Berichtes von Adrian Reiß, der am 1. November 2000 einen sehr schweren Schlaganfall erlitten hat. Und doch war es eben gerade kein Tag wie jeder andere, ganz im Gegenteil: „Was am 1. November 2000 am frühen Abend in wenigen Sekunden passiert ist, hat mein ganzes Leben massiv und nachhaltig verändert. Vorher war ich ein gesunder, kräftiger, junger Mann, jetzt bin ich stark eingeschränkt, behindert."

Erinnerungen an diesen Tag

Adrian Reiß hat seine Erinnerung an diesen Tag und über die folgenden Wochen und Jahre aufgeschrieben. „Für Vaida" – steht da ganz am Anfang: Vaida ist seine langjährige Freundin, ohne die Adrian seine Erlebnisse nicht hätte beschreiben können. Denn nach dem Schlaganfall lag er zunächst zwei Wochen im Koma und was sich zu dieser Zeit abspielte, das wissen nur Vaida und seine Eltern. Aber was Adrian während des Komas geträumt hat, das weiß nur er selbst und er kann sich exakt daran erinnern - es sind ganz erstaunliche Geschichten, die sehr viel mit Feuer und Wasser zu tun haben.

Er hat seine Koma-Träume und die Geschichte seiner Erkrankung und Genesung aufgeschrieben, denn er ist überzeugt, dass es nützlich ist für andere Menschen zu lesen, was sich in so einem Zustand abspielt und wie eine solche Erkrankung verlaufen kann - nämlich manchmal ganz anders als prognostiziert.

Adrian Reiß

Am 20. März 1973 wurde Adrian Reiß in Bogota/Kolumbien geboren und kam sehr früh zu deutschen Adoptiveltern. „Ich habe schwarze Haare, braune Haut und ganz dunkle Augen. Ich habe täglich Sport gemacht. Ich bin ordnungsliebend, geradezu eitel, und ich habe immer schon viel Zeit im Bad vor dem Spiegel verbracht. Der Fön ist mein bester Freund. Ich hatte früh ein schönes, schnelles Auto. Das bereue ich keinen Moment, denn jetzt kann ich nicht mehr Auto fahren. Ich denke nicht darüber nach, ob etwas falsch war in meinem Leben als gesunder Mensch, begrenzt auf  27 Jahre! Daher denke ich, man sollte hauptsächlich im Heute leben – wer weiß, wie die Zukunft aussieht..." Insofern hat er wohl alles richtig gemacht. Aber nach dem Schlaganfall folgten Wochen zwischen Leben und Tod, eine sehr schwere Zeit, viele Komplikationen, Operationen und sehr anstrengende Rehabilitationsphasen.  

Ich bin heute zu 100 Prozent schwerbehindert, rollstuhlpflichtig, sprachbehindert, sehbehindert, und vieles mehr. Ich spreche relativ langsam, daher ist Schreiben für mich ein gutes Medium. Aber die Sprache ist mir auch ganz wichtig", sagt er. Nach dem Schlaganfall konnte Adrian Reiß über einen Monat lang gar nichts sagen, es kam kein Laut zustande. Er teilte sich über Händedruck und Augenbewegungen mit. Heute ist das Sprechen wieder möglich, allerdings etwas verlangsamt. Seine Freundin Vaida war damals immer zur Stelle, machte ihm Mut, nicht aufzugeben: „Vaida hat ganz Großes geleistet, seelisch und körperlich, das werde ich niemals vergessen!" Adrian ist seinen Eltern, treuen Freunden und seiner Freundin Vaida sehr dankbar, sie alle, vor allem Vaida, haben ihm das Leben gerettet, an dem er immer noch sehr hängt.

Das Leben im Heute

„Es ist natürlich sehr schlimm, was durch einen Schlaganfall geschieht, aber das Überleben ist unvergleichlich wichtiger. Ich lebe stark in meiner Mobilität eingeschränkt, aber auch mit dieser Behinderung ist ganz vieles machbar. Keiner sollte schnell aufgeben und schon gar nicht resignieren! Es gibt meist Lösungen, nur liegen sie nicht immer offen auf der Hand", weiß Adrian Reiß. Vieles geht heute bei ihm langsamer, für alltägliche Verrichtungen braucht er sehr viel mehr Zeit als gesunde Menschen.

Vor dem Schlaganfall arbeitete Adrian Reiß im Verkaufsinnendienst bei DHL Paket, heute kann er nach einer beruflichen Wiedereingliederung wieder ganztags als Sachbearbeiter bei seiner Firma arbeiten. Ein Fahrdienst bringt ihn zur Arbeit und wieder nach Hause.

Übrigens: Inzwischen ist aus der Liebesbeziehung zu Vaida eine schöne Freundschaft geworden, die beiden sehen sich immer noch regelmäßig und unternehmen viel gemeinsam. Auch Reisen ist wieder möglich.

Seine Geschichte

Adrian Reiß gibt seine Geschichte und seine Erfahrungen mit seiner Erkrankung gern weiter. Genauso sein Wissen, das er auf seinen verschiedenen Reisen gesammelt hat, z.B. hat er viele hilfreiche Adressen für Rollifahrer zusammengestellt. Für ihn ist es wichtig, dass sich ähnlich Betroffene austauschen, Gemeinsamkeiten feststellen und sich gegenseitig unterstützen.

Adrian und Vaida erzählen ihre Geschichte

 

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Ein Leben mit ganz neuen Perspektiven

 

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Student Viktor Wedel war 24 Jahre alt und hatte soeben sein Vordiplom in der Tasche, als ein schwerer ischämischer Insult die Weichen in seinem Leben schlagartig anders stellte. Eineinhalb Jahren später folgten ein zweiter, allerdings weniger schwerer Schlaganfall und eine Herzoperation.

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Student Viktor Wedel war 24 Jahre alt und hatte soeben sein Vordiplom in der Tasche, als ein schwerer ischämischer Insult die Weichen in seinem Leben schlagartig anders stellte. Eineinhalb Jahren später folgten ein zweiter, allerdings weniger schwerer Schlaganfall und eine Herzoperation. Trotzdem: Mittlerweile ist Viktor verheiratet und in seinem Leben tun sich neue Perspektiven auf.

Wer Viktor heute kennenlernt, kann sich dieses Schicksal kaum vorstellen. Von Viktors Aphasie ist nichts mehr zu hören, von der halbseitigen Lähmung sind nur kleine Gefühlsstörungen geblieben. Viktor kann wieder selbstständig leben, er fährt Fahrrad und der Badminton-Treff mit seinen Freunden gehört zu den Höhepunkten der Woche: „Die sagen, ich spiele schon fast wieder genauso gut wie früher." Dennoch bleiben die schweren Jahre für Viktor (27) und seine Frau Larissa (26) unvergessen. Doch sie sind auch an ihrem Schicksal gewachsen und mittlerweile dominiert der Blick nach vorne.

Die beiden jungen Bamberger waren schon als 14-jährige Teenager ein Paar - eine Jugendliebe, die bis heute gehalten hat: „Nach dem ersten Schlaganfall dachte ich, entweder unsere Beziehung zerbricht oder die schwierige Situation schweißt uns noch mehr zusammen", erzählt Viktor. Nach seinem zweiten Schlaganfall haben die beiden geheiratet.

Für Larissa war klar, „wir müssen an der Sache arbeiten". Die junge Frau schreibt gerade ihre Diplom-Arbeit in Betriebswirtschaft. „Danach hoffe ich auf einen schönen Job", sagt sie. „Und ich bin der Hausmann", fügt Viktor hinzu. Eine Aufgabe, die ihn derzeit noch weitgehend ausfüllt: Als leidenschaftlicher Koch geht er gerne einkaufen, er sorgt dafür, dass das gemeinsame Zuhause in Ordnung ist und etwas Leckeres auf dem Tisch steht, wenn seine Frau von der Uni kommt.

Statt Studium Ehrenamt

Dass er sein Studium wieder aufnehmen könnte, kann sich Viktor derzeit noch nicht vorstellen. Noch ist es schwierig, längere Konzentrationsphasen durchzuhalten und auch das Gedächtnis mach nicht immer mit. Aber Viktor hat neue Pläne jenseits der Betriebswirtschaft: Schon als Schüler hat er als Praktikant Menschen mit Behinderungen betreut. Daran möchte er nun wieder anknüpfen. Einmal in der Woche arbeitet er bereits ehrenamtlich in einer Einrichtung, die er noch aus seiner Schulzeit kennt, und es soll mehr werden. „Hier treffe ich viele Menschen, die nicht so viel Glück hatten wie ich und ich hoffe, dass ich für sie etwas bewirken kann. Vielleicht wird aus der ehrenamtlichen Arbeit irgendwann ein Ausbildungsverhältnis", meint Viktor.

„Dass es mir heute wieder so gut geht, verdanke ich meiner Familie, meiner Frau und dem Sport", betont der 27-Jährige. Mindestens viermal pro Woche trainierte der Freizeitsportler vor seiner Erkrankung im Fitnessstudio, auf dem Fahrrad, auf dem Tennisplatz oder beim Mannschaftssport. „Ich wusste immer, wenn ich dran bleibe, kann ich etwas erreichen, ob in der Schule, beim Sport oder später nach dem Schlaganfall in der Reha. Aber es war harte Arbeit, mit viel Schweiß und Tränen", erzählt Viktor. „Für ungestüme junge Menschen ist es einfach schwer, die Geduld aufzubringen, die notwendig ist um Genesungserfolge nach einem Schlaganfall zu verzeichnen."

Ungewohnter Rollentausch

Ein Mann und eine Frau lächeln Viktor Wedel und Larissa  

Doch mit Larissa hatte und hat Viktor eine liebevolle und unermüdliche Begleiterin, die für ihn sogar ein Urlaubssemester einlegte. Ein halbes Jahr lang begleitete sie ihren späteren Ehemann zum Arzt, zur Physiotherapie, zur Ergotherapie, zur Logopädie und zur Psychotherapie. „Dabei habe ich unglaublich viel über Viktors Erkrankung gelernt. Ich habe gelernt, ihn besser zu verstehen und auf einer neuen Ebene mit ihm zu kommunizieren. Ich würde Angehörigen wirklich raten: Gehen sie mit zum Arzt und auch mal zur Therapie. Klar hat Viktor immer noch einige Einschränkungen", räumt Larissa ein. Aber durch die intensive Reha und die positive Einstellung des Paares dazu sind „bei Viktor ganz, ganz viele Fähigkeiten zurückgekommen."

Noch etwas hat Larissa während ihrem Einsatz für Viktor gelernt: Bei aller Liebe sollte man sich als Angehöriger auch Raum und Zeit zur Erholung gönnen. „Ich habe regelmäßig Yoga gemacht, habe mich mit Freundinnen getroffen oder bin mal in aller Ruhe zum Friseur gegangen", so die 26-Jährige, „Man sollte sich auch nicht schämen, wenn man mal keine Lust hat, mit Freunden über die Erkrankung des Partners zu sprechen. Es ist wichtig, auch mal an etwas ganz anderes zu denken und einfach nur Spaß zu haben."
„Für mich ist der Rollentausch manchmal noch etwas ungewohnt", sagt Viktor. „Seit drei Jahren ist Larissa diejenige, die mich beschützt. Aber langsam gewinne ich Terrain zurück. Unterm Strich würde ich auf jeden Fall sagen, unsere Beziehung hat sich weiterentwickelt - zum Positiven."

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Ich spüre die Veränderung

Annette Weiß hat nach dem Schlaganfall eine neue Aufgabe gefunden

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Seit Jahren leidet Annette Weiß unter Migräne, die Attacken treten regelmäßig auf, bisweilen sogar bis zu 13 Tage im Monat. Vor drei Jahren saß Annette im Garten. Sie stand kurz vom Gartenstuhl auf, um etwas zu holen. „Da wurde mir kurz schwindelig, das war aber gleich wieder vorbei. Ich legte mich hin, und dann begannen die rasenden Kopfschmerzen", erinnert sie sich. Sie nahm eine der vom Arzt verordneten Migränetabletten und legte sich aufs Sofa...

Seit Jahren leidet Annette Weiß unter Migräne, die Attacken treten regelmäßig auf, bisweilen sogar bis zu 13 Tage im Monat. Vor drei Jahren saß Annette im Garten. Sie stand kurz vom Gartenstuhl auf, um etwas zu holen. „Da wurde mir kurz schwindelig, das war aber gleich wieder vorbei. Ich legte mich hin, und dann begannen die rasenden Kopfschmerzen", erinnert sie sich. An einen Schlaganfall dachte die 39-Jährige nicht, sondern an eine besonders schwere Migräneattacke. Sie nahm eine der vom Arzt verordneten Migränetabletten und legte sich aufs Sofa.

Als sie erwachte, waren die Kopfschmerzen weg, sie hatte aber das Gefühl, dass etwas nicht stimmte und anders war als sonst: „Ich merkte, irgendetwas passt mit meinen Augen nicht." Auch ihr Hausarzt und weitere konsultierte Fachärzte waren zunächst ratlos - erst nach vier Tagen wurde ein Schlaganfall festgestellt. Wertvolle Zeit war verloren vergangen.

Traumjob nach Schlaganfall weg

Als eine Nebenwirkung der Migränetabletten stand auch „Schlaganfall" im Beipackzettel. Die Tabletten hatten also offenbar den Schlaganfall ausgelöst, denn weitere Risikofaktoren waren nicht feststellbar.

Annette Weiß hatte aber trotz der späten Diagnose gewissermaßen Glück im Unglück. Denn sie hat keine schwere Behinderung davongetragen. Nach einer intensiven Reha, auf die sie ihre kleine Tochter begleiten durfte, ist ihr vom Schlaganfall äußerlich heute nichts mehr anzusehen. „Aber ich selbst spüre die Veränderungen deutlich", sagt sie. Annette leidet unter Gesichtsfeldausfall, Empfindungsstörungen und unter ständigen Schmerzen in der linken Körperhälfte. Außerdem ist sie nicht mehr groß belastbar.

Alle Einschränkungen sind nach außen hin nicht sichtbar, schränken Annette aber trotzdem sehr ein. „Ich räume die Spülmaschine aus und bügle ein bisschen: Danach bin ich total erschöpft und das war dann sozusagen mein Tageswerk", erzählt die alleinerziehende Mutter einer heute sechsjährigen Tochter. „Dabei war ich früher ein absoluter Powermensch, meine Tochter Sofie und mein Job waren mein Leben", sagte Annette.

Zuletzt war sie Chefsekretärin beim Diözesanmusikdirektor in Bamberg, organisierte Konzerte, Chorseminare und vieles mehr. „Mein Traumjob, den ich aber leider durch meine Erkrankung verloren habe", bedauert sie. Zu den körperlichen Einschränkungen kamen daher noch die Enttäuschung über den Arbeitgeber und Existenzangst hinzu. „Mit Anfang 40 berentet zu sein, ist nicht einfach", sagt sie. Ein Grund dafür war auch, dass sie die Migränetabletten, die offenbar bei ihr den Schlaganfall auslösten, nicht mehr einnehmen darf. Weiterhin leidet sie unter Migräneattacken: „Es kommt vor, dass ich mit Unterbrechungen fast einen halben Monat darunter leide", berichtet Annette. Da sie wegen der Gefahr eines weiteren Schlaganfalls die Migränetabletten nicht mehr nehmen darf, kann es sein, dass sie unvorhergesehen schon mal drei Tage am Stück ausfällt. „Damit bin ich für einen Arbeitgeber unkalkulierbar."

Sämtliche schulmedizinischen und alternativen Heilmethoden gegen Migräne kennt Annette Weiß und hat sie versucht: „Aber nichts hilft bei mir." Zudem kann sie sich nicht länger als eine Stunde am Computer konzentrieren. Auch das Lesen fällt der bekennenden Leseratte schwer: „Das geht derzeit nur ungefähr 30 Minuten am Stück", so Annette Weiß.

Hinzu kommen noch weitere Erkrankungen. Annette Weiß hatte einen Gehirntumor, leidet unter Borreliose und Fibromyalgie. „Deswegen habe ich einen unbefristeten Schwerbehindertenausweis mit 50 Prozent bekommen." Mit dieser Situation musste sich Annette Weiß abfinden. „Heute darf ich zumindest wieder Auto fahren, das ist schon mal ein Trost. Auch wenn es nur Strecken bis zu 35 km sind. Mehr geht nicht, aber darüber freut sie sich heute, da es Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bedeutet, wenn man in einem kleinen Dorf ohne Busverbindung, Geschäften und Ärzten wohnt.

Stammtisch und Bücherscheune gegründet

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Annette hat sich heute stabilisiert und kommt mit ihrer Situation etwas besser klar. Geholfen hat ihr dabei auch, dass sie das Erlebte in Gedichten verarbeitet.

Sie nutzt ihre Kreativität und Schaffenskraft nun auf andere Weise: In Bamberg hat sie 2011 einen Stammtisch für Menschen mit chronischen körperlichen Erkrankungen gegründet. Betroffene treffen sich jeden Freitag um 10 Uhr in einem Kaffee in der Innenstadt: „Behindertenparkplätze sind vor der Tür und man kann auch gut mit dem Rolli hineinfahren", so Annette Weiß, die hofft, dass sich der Stammtisch mit der Zeit vergrößern wird (Schlaganfall-Patienten sind herzlich willkommen). Ein von ihr entworfener Flyer lädt interessierte Menschen ein.

Ihr Lieblingsprojekt ging 2012 mit einem kleinen Fest an den Start: Bücherfan Annette Weiß - sie hat früher auch in einer Buchhandlung gearbeitet – hat eine Bücherscheune gegründet! Neben dem Wohnhaus richtet sie derzeit in einer alten Scheune eine Bücherei ein. Wer Bücher loswerden möchte, kann sie hinbringen, wer welche leihen möchte, kann sie abholen. Man muss die Bücher auch nicht zurückbringen, es soll alles ganz zwanglos sein. Sogar zwei Büchereien haben bereits Bücher geliefert. Auch Zeitschriften kann man bringen und holen. „Mit diesem Projekt kann ich mein Hobby pflegen und mir die Zeit gut einteilen, denn zwischendurch kann ich mich auch mal hinlegen, wenn es mir nicht gut geht", sagt Annette Weiß. Tochter Sofie, die inzwischen die erste Klasse besucht und jetzt lesen kann, ist vom Projekt „Bücherscheune" auch begeistert, insbesondere, wenn Kinderbücher angeliefert werden. Jeden Mittwoch von 10 bis 18 Uhr und am Sonntag von 17 bis 18 Uhr ist die Bücherscheune geöffnet. „Aber man kann auch nach telefonischer Vereinbarung kommen".

Am Haus von Annette Weiß führt ein Fahrrad- und Wanderweg (unter anderem der bekannte Jakobsweg) vorbei, da wird sie ein Schild aufstellen, um auf ihre Bücherscheune hinzuweisen. Außerdem wird in der Tagespresse auf das Projekt hingewiesen. „Das Ausleihen oder Abholen ist kostenlos, denn ich möchte, dass auch Menschen, die es sich selbst nicht leisten können, Bücher zu kaufen, Bücher bekommen und besitzen können", wünscht sich Annette. „Doch manche Menschen möchten nichts geschenkt haben", weiß sie aus Erfahrung. Daher wird sie ein Sparschwein für Spenden aufstellen. Den Inhalt wird sie der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe spenden und damit das Projekt „Junger Mensch und Schlaganfall" fördern. Eine tolle Idee!

Kontakt

Bücherscheune Annette Weiß
Ruhstraße 5, 96138 Burgebrach

Telefon: 09546 595856

E-Mail: annette.weiss@gmx.de
www.buecherscheune-grasmannsdorf.de

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Lebensrezept: Humor, positives Denken, neue Hobbys, gute Kumpels...

 

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Ein begeisterter Sportler, das war Stephan Beer bis zu seinem 29. Lebensjahr: Skifahren in den Alpen oder in Colorado und Fußballspielen waren seine Leidenschaften.
Ein geplatztes Aneurysma veränderte am 7. November 2000 sein Leben von einer Sekunde zur anderen.

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Ein begeisterter Sportler, das war Stephan Beer bis zu seinem 29. Lebensjahr: Skifahren in den Alpen oder in Colorado und Fußballspielen waren seine Leidenschaften. Seit jeher ist der in Fränkisch-Crumbach wohnende Hesse außerdem Fan des FC Bayern.
Seit elf Jahren kann Stephan Beer seine früheren sportlichen Interessen aber leider nur noch passiv leben: Ein geplatztes Aneurysma veränderte am 7. November 2000 sein Leben von einer Sekunde zur anderen.

Nicht nur der Schlaganfall riss ihn aus dem Leben

Damals stand der leitende Bauelektriker nach einem zwölfstündigen anstrengenden Arbeitstag gerade unter der Dusche. Danach wollte er sich mit seiner Freundin, mit der er Zwillinge erwartete, ein Haus ansehen. Doch daraus wurde nichts: Stephan brach bewusstlos in der Dusche zusammen - Hirnschlag! „Von alledem hab ich nichts mitbekommen", sagt Stephan Beer: „Sieben Wochen später wachte ich in der Früh-Reha aus dem Koma auf." Seine Sprache war komplett weg und er konnte sich nicht bewegen. Doch das war nicht alles: In Frankfurt war er mit dem gefährlichen MRSA-Keim infiziert worden, fünf Monate musste er daraufhin isoliert von den Mitpatienten verbringen! Eine harte Zeit - „ich kam mir wie ein Aussätziger vor", erinnert sich Stephan. „Meine Besucher mussten sich in Schutzkleidung werfen, um zu mir vorgelassen zu werden. Alle waren natürlich total angenervt", berichtet er. Trotzdem hat er in dieser Zeit hart an sich gearbeitet.

Insgesamt zwei Jahre verbrachte er in verschiedenen Reha-Kliniken. Das lange Liegen im Koma hatte zu Kalkablagerungen in den Hüften geführt, was zwei weitere Operationen zur Folge hatte. Seinen Beruf kann Stephan Beer nicht mehr ausüben, er wurde berentet. Was der Auslöser seines Schlaganfall war, ist unbekannt: „Ich hatte damals viel Stress, vielleicht hat das eine Rolle gespielt", sagt er.

Seine Familie hält zu ihm

Ein glückliches Ereignis war die Geburt seiner eineiigen Zwillinge Tobias und Sascha. Aber dann suchte seine Freundin das Weite, sie konnte es nicht verkraften, dass der Vater ihrer Kinder nicht mehr gesund war. Der sympathische 40-Jährige hat diesen Verlust aber relativ gut weggesteckt, sowohl physisch als auch psychisch. Eine große Hilfe auf dem Weg in sein neues Leben waren Stephan in dieser Zeit seine Kinder, seine Eltern und Freunde, aber auch eine positive Lebenseinstellung und seine physische Grundfitness.

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Heute kann er wieder sprechen und laufen, nur längere Strecken, wie den Weg ins geliebte Fußballstadion, muss er im Rolli zurücklegen. Autofahren ist kein Problem, auch den Haushalt schmeißt er allein. Manchmal braucht er Hilfe, dann sind „meine Kumpels aus der Nachbarschaft sofort zur Stelle, das funktioniert bestens", freut er sich.

Zu seinen mittlerweile zehnjährigen Söhnen Sascha und Tobias pflegt Stephan Beer sehr guten und engen Kontakt. Jahrelang holte er sie aus Kindergarten und Schule ab, bekochte sie, fuhr sie zum Handballtraining. „Sie sind damit groß geworden, dass ihr Papa nicht so schnell ist wie andere und nehmen toll Rücksicht auf mich", freut sich der stolze Vater. Leider wohnen sie mit der Mutter seit einiger Zeit etwa eine Autostunde entfernt. Seither sieht er seine Söhne nur mehr alle zwei Wochen. „Doch schlimmer wäre, wenn sie noch weiter weg wären", sagt Stephan, der immer alles eher positiv als negativ sieht.

Leben nach dem Schlaganfall

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Zurzeit freut er sich an seinem neuen, umgerüsteten Opel Corsa und hat auch viel Spaß mit seinen neuen Hobbys Segeln und Reiten, die er trotz Handicap ausüben kann. Beide Sportarten haben auch eine therapeutische Wirkung. Highlights sind regelmäßig die Besuche mit seinen Kumpels in der Münchener Allianz Arena zu den Heimspielen seines Lieblingsvereins. In der Ergotherapie macht er weiter Fortschritte, hat vor kurzem dort die Armeo-Methode kennengelernt, die bei ihm sehr gut wirkt. „Jetzt hoffe ich, dass die Ergotherapie weiter verordnet wird und ich wenigstens einmal wöchentlich mit diesem Gerät trainieren kann", sagt er.

Kontakt zu Stephan Beer

Wer Stephan Beer gerne persönlich kennenlernen möchte, kann ihn unter der E-Mail Adresse stephan-beer@t-online.de erreichen - ferner können Sie ihn auf dem Rücken seines Pferdes Lilly oder bei Fahrten in die Münchener Allianz Arena sehen: unter www.youtube.de auf „Cowboy Stephan" klicken.

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Das Schicksal des 18-jährigen Robin Lorbeer

 

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Robin Lorbeer stand kurz vor der Mittlere-Reife-Prüfung, als er am 25. April 2011 mit rasenden Kopfschmerzen erwachte. Seine Eltern merkten, dass Gefahr bestand und alarmierten sofort den Notarzt.

Robin Lorbeer stand kurz vor der Mittlere-Reife-Prüfung, als er am 25. April 2011 mit rasenden Kopfschmerzen erwachte. Seine Eltern merkten, dass Gefahr bestand und alarmierten sofort den Notarzt. Robin kam zuerst ins Klinikum Landsberg am Lech und noch am gleichen Tag mit dem Rettungshubschrauber in die Unfallklinik nach Murnau.

Die Diagnose

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Robin Lorbeer vor seinem Schlaganfall

In Robins Kopf war ein Aneurysma geplatzt. Um 19 Uhr entschloss sich der Arzt zu einer Notoperation. Sie dauerte zwölf Stunden. „Zum Glück haben wir Robin kein Aspirin gegen die Kopfschmerzen gegeben", sagt Robins Vater Ralph Lorbeer. Das hätte eine Operation unmöglich gemacht. Drei Tage schwebte Robin in Lebensgefahr, vier Wochen lag er im Koma. Danach litt er an einer schweren Aphasie und einer rechtsseitigen Lähmung.

Während der Frührehabilitation besuchte ihn sein Lehrer Andreas Lippert in Murnau. „Robin konnte sich nur durch ein paar Floskeln und mit Händen und Füßen artikulieren", erinnert sich Lippert. „Ich hatte wenig Hoffnung, dass er wieder gesund werden würde."

Aber seine lebensbejahende Art hat Robin bei der Genesung geholfen. So wie er seine Energie vor dem Schlaganfall in seine „Karriere" als Gitarrist in der Schulband, in sein Amt als Schülersprecher oder seinen Sport Football gesteckt hat, so verwendet er sie nun, um möglichst wieder „ganz der Alte" zu werden.

Rehabilitation

Nach zweieinhalb Monaten wurde durch eine Gefäßdarstellung des Gehirns festgestellt, dass die Operation geglückt war – welch eine Erleichterung für den Patienten und seine Familie! Danach wurde eine Gehirnplastik vorgenommen. Robin wurde zur Rehabilitation ins Therapiezentrum nach Burgau verlegt und im Oktober ins Hegau-Jugendwerk nach Gailingen. Dort lebt er noch heute (Februar 2012), denn die vielen Therapietermine, die täglich auf seinem Stundenplan stehen, könnte er von zuhause aus niemals wahrnehmen. Von 8 bis 15.30 Uhr trainiert Robin in Ergo- und Logopädie, verschiedenen Krankengymnastik-Anwendungen und beim Schwimmen, besucht die Musikwerkstatt und versucht durch Förderunterricht in Deutsch und Mathematik, ein wenig den Anschluss an sein schulisches Wissen zu halten. Auf die Frage, ob so viele Rehamaßnahmen denn nicht auch mal langweilig werden, antwortet Robin gut gelaunt: „Ich finde alles spannend!" Sein Vater nickt wohlwollend: „Darin erkenne ich meinen Sohn wieder. So war er auch früher. Ich bin sehr glücklich, dass sich durch den Schlaganfall seine Persönlichkeit nicht verändert hat."

Leben nach dem Schlaganfall

Inzwischen benötigt Robin weder Rollstuhl noch Gehhilfen, sogar Treppen meistert er. Manchmal fallen ihm nicht die richtigen Worte ein, dann umschreibt er gerne und gestikuliert. Zur Begrüßung reicht er allerdings die linke Hand – aber mit einem Strahlen im Gesicht. Denn heute, es ist der 30. Januar 2012, ist ein großer Tag für Robin. Zwar hat er, persönlich und mittels Facebook, Freundschaften zu Klassenkameraden und Lehrern gehalten, aber heute ist er zum ersten Mal nach dem Schlaganfall wieder in „seiner" Schule in Schondorf am Ammersee.

Robin kommt mit seinen Eltern zu diesem Treffen, das ein ganz besonderes ist: Der Reinerlös des Weihnachtsmarktes, den alle Klassen der Wolfgang-Kubelka-Realschule veranstaltet haben, geht in diesem Jahr an Robin Lorbeer! Die Schulgemeinschaft freut sich, jemanden aus ihrer Mitte unterstützen zu können. Die Familie Lorbeer ist sichtlich gerührt bei der Scheckübergabe (5000 Euro!) durch Rektor Günter Morhard. Ihr finanzielles Polster ist geschrumpft, seit ihre Krankenkasse, bei der Ralph Lorbeer, von Beruf Soldat, privat versichert ist, die Zahlung der Maßnahmen in der Rehaeinrichtung in Gailingen eingestellt hat. Eine zusätzliche monatliche Belastung von 1.300 Euro wäre auf Dauer nicht zu verkraften. Deshalb wollte die Schulgemeinschaft einspringen. Die Krankenkasse rechtfertigte ihre Entscheidung damit, dass ambulante Therapien vor Ort wären. Aber Familie Lorbeer weiß, dass das vielfältige Therapieangebot unter einem Dach im Hegau-Jugendwerk genau das Richtige für Robin ist und wünscht sich, dass ihr Sohn noch bis zum Sommer 2012 dort bleiben darf. „Robin ist dort mit anderen jungen Betroffenen zusammen, es haben sich Freundschaften entwickelt. Er fühlt sich nicht allein mit seinem Schicksal", begründet Mutter Andrea die Entscheidung. Inzwischen hat die Krankenkasse eingelenkt, die Kosten für 2011 übernommen und eine weitere Kostenübernahme in Aussicht gestellt. „Die Spende kommt auf ein Treuhandkonto", sagt Vater Ralph. Falls sie nicht benötigt wird, soll sie einem anderen sozialen Zweck zugeführt werden.

Zum Abschluss des Treffens sagt Konrektorin Regina Spitzer zu Robin: „Du bist mein größtes Vorbild. Du zeigst Biss über eine lange Zeit und jetzt kannst du dich über deine Erfolge freuen. Weiter so!"

Zukunftspläne

Die Familie Lorbeer plant, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen oder selbst eine Gruppe zu gründen. Ungewissheit besteht noch darüber, ob Robin den Mittlere-Reife-Abschluss nachholen kann. In der Realschule in Schondorf wird er als „freiwillig Wiederholender" geführt.

Robin Lorbeer über sich:

„Meine Freunde haben mich nicht vergessen, das gibt mir viel Kraft. Meine Mannschaft vom Landsberger Football Verein X-Press haben mir einen Pokal verliehen, den „Never give up award". Bei jedem ihrer Spiele hängen sie mein T-Shirt mit der Nummer 23 auf. Früher habe ich Gitarre gespielt, das geht jetzt nicht mehr. Jetzt lerne ich Schlagzeug. Meine Motorik hat sich bereits wieder verbessert."

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Man ist einfach wieder wer

 

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Schlaganfall - ja, dieses Risiko nannte mir der Arzt beim Aufklärungsgespräch vor meiner Operation. Aber ich dachte: Den bekommen doch nur alte Menschen. Aber prompt erwischte es mich. Ich war gerade 34 Jahre alt.

Schlaganfall - ja, dieses Risiko nannte mir der Arzt beim Aufklärungsgespräch vor meiner Operation. Aber ich dachte: Den bekommen doch nur alte Menschen. Aber prompt erwischte es mich. Ich war gerade 34 Jahre alt.“ So beginnt Sibylle Hör-Berg ihren Beitrag für das Buch "...und anders geht es weiter". Sie schrieb es zusammen mit 16 weiteren jungen Schlaganfall-Patienten. Weil sie darauf aufmerksam machen will, dass fünf bis zehn Prozent aller Schlaganfälle in Deutschland bei jungen Menschen auftreten. Und weil sie über ihre Situation, ihre Probleme, ihre Gefühle und ihren Weg aus der Krise berichten will.

Junge Familie voller Pläne

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Sozialpädagogin Sibylle Hör-Berg war jung verheiratet, hatte mit ihrem Mann eine fünfjährige Tochter, eine ganz normale Familie voller Pläne. Das Ehepaar hatte 1995 zur leiblichen Tochter ein kleines Mädchen aus Indien adoptiert. Im Winter 1996 wurde bei Sibylle Hör-Berg ein gutartiger Tumor an der Hirnanhangdrüse diagnostiziert. Die Operation verlief gut, allerdings erlitt sie nach der Operation in der Klinik einen Schlaganfall. Dass etwas nicht stimmte, bemerkte ihre Freundin, als die beiden miteinander telefonierten. Sie alarmierte Sibylles Mann, der wiederum in der Klinik anrief: „Inzwischen war ich aber schon auf die Neurologie verlegt worden" erinnert sich Sibylle.

Durch den Schlaganfall erlitt Sibylle eine schwere Aphasie, lange Zeit kam nur das Wort „Blume" über ihre Lippen, sie konnte nicht mal einen Satz formulieren. „Ich verstand auch nichts mehr. Die Logopädin zeigte mir z.B. einen Baum, ich wusste aber damals nicht, dass es ein Baum war. Heute kann ich mich an diese Situation aber genau erinnern", erzählt Sibylle. Sie konnte also trotz Schädigung des Gehirns damals Informationen speichern. Heute ist die Sprache zurückgekehrt, aber Sibylle kann ihren rechten Arm kaum bewegen. Im rechten Oberarm hat sich zudem eine schmerzhafte Spastik entwickelt.

„Die steht nicht mehr auf"

Eine der leidvollsten Erfahrungen war das Verhalten der Ärzte, das sich tief eingebrannt hat. Bei einer Visite stand ein ganzer Pulk von Ärzten an Sibylles Bett. Einer sagte: „Die steht nicht mehr auf." Damals konnte sie nicht adäquat darauf reagieren. Ein anderes Mal wurde sie von zwei jungen Ärzten untersucht, die sich nebenbei unterhielten. „Sie sprachen nicht mal über mich, die Patientin, sie sprachen über irgendwas, also ob gar nicht vorhanden gewesen wäre!", erinnert sich Sibylle Hör-Berg. „So ein Verhalten begegnete mir leider nicht nur einmal, es war symptomatisch für viele Ärzte in den Kliniken" sagt sie.

Trotzdem hat Sibylle Hör-Berg immer an sich geglaubt und sich nie aufgegeben. Insgesamt dauerte es fast acht Jahre, bis sie wieder gut sprechen konnte und der Wortschatz sich wieder vervollständigt hatte. Große Fortschritte waren zu verzeichnen, als die ältere der beiden Töchter in die Grundschule kam. „Mit ihr zusammen die Hausaufgaben zu machen, forderte und förderte mich ungemein", erinnert sich Sibylle. Trotz aller Anstrengungen blieben die körperliche Defizite und eine Einschränkung des Kurzzeitgedächtnisses. Gegen letzteres helfen kleine gelbe Merkzettel, die aber immer weniger werden!

Die Erkrankung mit all ihren Folgen verhinderte bisweilen ein geregeltes Familienleben und Sibylle Hör-Berg bedauert, dass sie dadurch erst verspätet festgestellt wurde, dass ihre Adoptivtochter eine Hörschädigung hat. Trotz aller Belastung: Die Familie ist nicht zerbrochen.

Eine Gesprächstherapie nach Carl R. Rogers half ihr, wieder mehr zu wagen und sich mehr zuzutrauen: „Heute gehe ich ohne Probleme überall allein hin, fliege sogar allein in Urlaub. Etwas ohne die Hilfe der Familie oder der Freunde zu schaffen, gibt ein enormes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Man ist einfach wieder wer!"

Prognose der Ärzte wiederlegt

Sibylle Hör-Berg hat die Prognosen der Ärzte wiederlegt: Sie ist wiederaufgestanden! Mehr noch, sie hat Deutschlands erste Gruppe für jüngere Schlaganfall-Patienten in Freiburg gegründet. Denn sie hat festgestellt, dass junge Menschen andere Bedürfnisse, Nöte und Sorgen haben als ältere Patienten. Die Gruppe hat großen Zulauf.

Das gemeinsam von Mitgliedern der Gruppe verfasste, sehr lesenswerte Buch (Hrsg. Sabine Frigge) mit dem Titel „…und anders geht es weiter" ist in der Biografienreihe des Verlags Rombach erschienen (ISBN 978-3-7930-5081-0).
Kontakt: s.-berg@web.de

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In meinem zweiten Leben bin ich sehr glücklich

 

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Früher brach Benjamin Franz als Profi-Freitaucher Tiefenrekorde und war als attraktiver, medienwirksamer Extremsportler ein gern gesehener Gast in TV-Shows. Heute schreibt er für die regionale Presse seiner Heimatstadt Cham oder verdient sein Geld als Fotograf und er sagt: „In meinem zweiten Leben bin ich sehr glücklich".

Früher brach Benjamin Franz als Profi-Freitaucher Tiefenrekorde und war als attraktiver, medienwirksamer Extremsportler ein gern gesehener Gast in TV-Shows. Heute schreibt er für die regionale Presse seiner Heimatstadt Cham oder verdient sein Geld als Fotograf und er sagt: „In meinem zweiten Leben bin ich sehr glücklich".

Wie sein Leben verlaufen wäre, wenn nicht ein Schlaganfall seiner sportlichen Karriere im Sommer 2002 ein abruptes Ende gesetzt hätte, vermag Benjamin Frank natürlich nicht zu sagen. Aber er erinnert sich, dass er schon damals daran dachte, seine Sportlerlaufbahn zu beenden: „Die 165-Meter-Marke hätte ich gerne noch geknackt. Ich wollte unbedingt der tiefste Mensch der Welt werden. Anschließen wollte ich mich aus dem Tauchsport zurückziehen, um mich in meinem ursprünglichen Beruf als Holzbildhauer selbstständig zu machen." Auch in diesem Beruf war Benjamin Frank erfolgreich. 1999 hatte er seine Gesellenprüfung mit Auszeichnung absolviert und war mit seinem Gesellenstück Landessieger geworden. Doch es kam anders.

Glück im Unglück

Beim Auftauchen nach einem Trainingstauchgang aus rund 100 Meter Tiefe erlitt der Sportler einen Schlaganfall. Er erinnert sich: „Als ich auf dem Rettungsboot lag und nicht sprechen und mich nicht mehr bewegen konnte, war mir klar, dass meine Karriere als Profi-Freitaucher vorbei ist - egal ob ich wieder völlig hergestellt werde oder im Rollstuhl sitzen muss."
In den ersten Wochen nach dem Schlaganfall saß er dann tatsächlich im Rollstuhl. Doch in den folgenden zwei Jahren entwickelte Benjamin Franz großen Ehrgeiz und erreichte viel. Allerdings will er auf keinen Fall als glorreiches Beispiel betrachtet werden: „Ich war 30 und in sportlicher Höchstform, als mich der Schlag traf. Als Sportler war ich es gewohnt zu kämpfen. Das darf man von einem Menschen, der mit 60 oder 70 Jahren einen Schlaganfall erleidet und möglicherweise nie Sport getrieben hat, nicht erwarten."

Glück im Unglück

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Trotzdem stieß er bei den Bemühungen um seine Rehabilitation an Grenzen. „Nach zwei Jahren war ich am Rande einer Depression. Die großen gesundheitlichen Fortschritte ließen plötzlich auf sich warten und es ging nur noch langsam voran." Doch Benjamin Franz hatte Glück im Unglück, denn er entdeckte eine neue Leidenschaft, die Fotografie. Mit einer kleinen Digital-Kamera, die er allein mit seiner gesunden linken Hand bedienen konnte, fing alles an: „Ich begann bei meinen Spaziergängen zu fotografieren und plötzlich spürte ich, das ich mich über ein gelungenes Foto genauso freuen konnte wie früher über einen Rekord." Heute ist der ehemalige Sportler ein anerkannter Fotograf, seine rechte Hand ist zur „Haltehand" geworden, mit der linken agiert er. Aufträge für Zeitungen, Zeitschriften und für private Kunden häufen sich. Außerdem gibt er Fotokurse in Schulen, Reha-Einrichtungen und Kulturzentren.

Der „neue" Benjamin Franz

Auch an den ersten Schwimmbadbesuch nach dem Schlaganfall gemeinsam mit seinem Sohn Noah erinnert sich der junge Vater noch genau: „Der Weg ins Schwimmbad war schwierig für mich, vor allem weil ich wusste, dass mich dort ganz viele Leute kennen. Sie sahen in mir den populären Taucher, der nun humpelt und seinen Arm nicht mehr bewegen kann. Ich hatte das Gefühl, dass alle gaffen und schauen. Zum Glück konnte ich die Scham überwinden und plötzlich waren mir die Leute völlig egal. Das war ein wundervolles Gefühl."

Mit dem Thema Tauchen setzt sich der neue Benjamin Franz nur noch selten auseinander: Ab und zu wird er von Tauchmedizinern als Fachreferent eingeladen. „Für viele Fachleute die mein Krankheitsbild kennen, ist es geradezu ein Wunder, dass ich putzmunter vor ihnen stehe." Diese Situationen nutzt er, um auf die Risiken des Tauchsports aufmerksam zu machen, denn Benjamin Franz vermutet, dass zwischen dem Tauchen und seinem Schlaganfall ein unmittelbarer Zusammenhang besteht: „Beim Tauchen reduziert sich die Herzfrequenz, das Blut verdickt sich und das Risiko für eine Embolie steigt", erklärt er. „So kann es bei mir gewesen sein - oder auch nicht."

Sein Rat für junge Patienten

Jungen Schlaganfall-Patienten möchte Benjamin Franz eigentlich nur einen Rat mit auf den Weg geben: „Man sollte nicht dauernd nach dem Warum fragen und man sollte sich nach einem Schlaganfall auf keinen Fall zurückziehen." Denn dann, so Franz, schwindet die Chance, jenes zweite Leben zu finden, das er mittlerweile so sehr liebt: „Es ist zwar schade, dass mich eine Behinderung durchs Leben begleitet. Aber trotzdem hat mir der Schlaganfall einen neuen Weg gewiesen, den ich vielleicht ohne ihn nicht gefunden hätte. Früher habe ich gedacht, dass nur das Knacken von Rekordmarken vollkommenes Glück bedeutet. Heute weiß ich, dass das Leben unzählige Herausforderungen bereithält, die längst nicht so gefährlich sind wie das Tauchen. Aber ich bin mindestens genauso glücklich, wenn ich sie bewältige."

Weitere Infos über Benjamin Franz unter: www.benjamin-franz.de, www.chamerleben.de

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Bereit für das zweite Leben - Diana Schattauer kämpft sich zurück

 

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Konzentriert bemalt Diana Schattauer mit ihrer linken Hand ein Holzblatt. Dreimal in der Woche fertigt sie in den Werkstätten des „HAUSES zweites LEBEN" in Regensburg liebevoll bemalte Unikate, die in Geschäften des Umlandes verkauft werden. Hier wird Schlaganfall-Patienten und gehirnverletzten Patienten die Möglichkeit gegeben, auch nach der Rehabilitation Alltagsdinge zu trainieren und soziale Kontakte zu pflegen.

Konzentriert bemalt Diana Schattauer mit ihrer linken Hand ein Holzblatt. Dreimal in der Woche fertigt sie hier in den Werkstätten des „HAUSES zweites LEBEN" in Regensburg liebevoll bemalte Unikate, die in Geschäften des Umlandes verkauft werden. Bei der auf dem Gelände des Bezirksklinikums Regensburg gelegenen Einrichtung handelt es sich um das erste ambulante Neurologische Nachsorgezentrum in Deutschland. Es wurde von dem Verein zweites Leben e.V. gegründet, um Schlaganfall-Patienten und gehirnverletzten Patienten die Möglichkeit zu geben, auch nach der Rehabilitation Alltagsdinge zu trainieren und soziale Kontakte zu pflegen.

Dianas Schlaganfall

Als die junge Frau 2007 im Alter von 27 der Schlaganfall ereilte, sah die Situation anfänglich gar nicht so dramatisch aus. Zumal ihr Lebensgefährte und der herbeigeholte Notarzt sofort handelten und sie innerhalb kürzester Zeit in die Stroke Unit des Bezirkskrankenhauses Regensburg bringen ließen. Gegen sechs Uhr morgens traf die eilig alarmierte Familie am Krankenbett ein. Die leichten Sprachstörungen, die sie bei der Einlieferung gezeigt hatte, waren zu diesem Zeitpunkt schon fast wieder verschwunden. „Wir dachten alle, gerade noch einmal Glück gehabt", erinnert sich ihre ältere Schwester Anna-Maria Ramsauer, die selbst Krankenschwester ist. Vollkommen unerwartet kam es aber gegen Mittag bei der jungen Patientin zu einer lebensbedrohlichen Zuspitzung: Diana Schattauer musste in die Uniklinik verlegt werden, bei einer Notoperation wurde ihre Schädeldecke geöffnet, um den ansteigenden Gehirndruck zu kompensieren, anschließend versetzten die Ärzte sie ins künstliche Koma. „Mich erreichte ein Anruf, dass wir kommen sollen, wenn wir sie noch lebend sehen wollen", berichtet Anna Maria Ramsauer.

Der Weg zurück

Die zierliche Patientin mit den sanften braunen Augen, hinter der sich laut ihrer Schwester jedoch eine zähe Kämpferin verbirgt, überlebte zum Glück. Vorsichtig wurde sie von Ärzten, Therapeuten und Familie nach und nach ins Leben zurückgeführt. Zunächst wurde die künstliche Atmung abgestellt, dann fütterte die Familie sie krümelweise mit Schokolade, um ihren Schluckreflex anzuregen. Es folgte ein wahrer Rehabilitationsmarathon. Diana, die sich heute noch an den Namen jedes einzelnen Therapeuten erinnern kann, konzentrierte sich immer auf ein Ziel. Zu Beginn galt es, den Katheter los zu werden. Danach stand das selbstständige Gehen auf dem Plan. Sprachlich machte sie in den ersten Monaten dagegen nur wenig Fortschritte. Sogar „Ja" und „Nein" verwechselte sie in der Anfangszeit ständig. Erst als sie den Rollstuhl verlassen konnte, begann sie langsam wieder einzelne Worte zu sprechen. Auch heute noch hat Diana Probleme damit, längere Sätze zu bilden und kämpft mit Wortfindungsstörungen.

Berufliche Orientierung

Ein knappes Jahr nach ihrem Schlaganfall folgte die nachklinische Rehabilitation zur beruflichen Wiedereingliederung im Reha-Zentrum in Bad Tölz. Diana Schattauer absolvierte ein Praktikum in einem Bioladen, was der gelernten Bäckereifachverkäuferin viel Freude bereitete. Inzwischen hat sie sich trotz ihrer Behinderung einen großen Grad an Selbstständigkeit zurückerobert. Auf die Frage nach ihrem größten Wunsch lautet die prompte Antwort: „Arbeiten". Doch in der ländlich geprägten Heimatregion gab es bisher keine passende Stelle für sie. Sie konnte zwar in einem nahegelegenen Baumarkt ein Praktikum absolvieren, allerdings erwies sich die Arbeit auf Dauer als zu anstrengend. Obgleich bislang alle Bewerbungen erfolglos blieben, hofft sie weiterhin, dass ihr irgendwann ein Arbeitgeber eine Chance gibt. „Ich kann es", sagt sie selbstbewusst.

Ihr zweites Leben

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Einen großen Rückhalt bildet Dianas Familie. Neben Eltern und Geschwistern, die manchmal etwas zu sehr glucken, wie die große Schwester lächelnd zugibt, ist es vor allem ihr Mann Alex, der ihr während der ganzen Zeit zur Seite stand. Bereits im ersten Jahr nach dem Schlaganfall fand die Hochzeit statt. Schon kurze Zeit danach stand für das junge Paar auch schon die erste Bewährungsprobe an: Alex, der Berufssoldat ist, musste ausgerechnet nach Afghanistan, als Diana aus der Rehabilitation entlassen wurde. Die junge Frau war aber so froh, wieder in ihrer Wohnung zu sein und ihre Katze um sich zu haben, dass sie die Trennungszeit gut bewältigte. Im Moment stehen große Veränderungen an. Das junge Paar hat sich ein Haus gekauft, das sie im Moment mit Unterstützung der ganzen Familie behindertengerecht umbauen. Diana Schattauer bedauert es sehr, dass sie ihren Mann bei den Arbeiten nicht besser unterstützen kann. „Aber Streichen und Aussuchen, das mache ich" erklärt sie und plötzlich blitzen die sanften Rehaugen ganz energisch. Keine Frage, Diana Schattauer ist für ihr zweites Leben bereit. 

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Gegenwind formt den Charakter

 

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An das Datum kann sich Vanessa Dohren noch genau erinnern. Nur wenige Wochen vor ihrem 28. Geburtstag, am 11. September 2006, erlitt die junge Frau einen Schlaganfall. Neben der unglücklichen Kombination von Zigaretten und der Antibabypille konnte kein weiterer Risikofaktor erkannt werden.

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An das Datum kann sich Vanessa Dohren noch genau erinnern. Nur wenige Wochen vor ihrem 28. Geburtstag, am 11. September 2006, erlitt die junge Frau einen Schlaganfall. Neben der unglücklichen Kombination von Zigaretten und der Antibabypille konnte kein weiterer Risikofaktor erkannt werden. „Ich habe zwar nicht viel geraucht, aber ein paar Zigaretten am Tag waren es doch“, berichtet sie.

Glücklicherweise war bei Vanessa Dohren das Sprachzentrum nicht betroffen, sie war jedoch aufgrund des Schlaganfalls halbseitig gelähmt. Damit wollte sich die dynamische Power-Frau nicht abfinden. Während einer intensiven und ausführlichen Rehabilitationsphase in Plau am See erkämpfte sie sich ihre Beweglichkeit zurück. Heute ist ihr von der Halbseitenlähmung lediglich eine leichte Spastik geblieben: „Man sieht mir eigentlich gar nichts mehr an. Da muss ich schon einen ganz schlechten Tag haben“, meint sie selbstbewusst. Allerdings arbeitet sie immer noch regelmäßig mit ihrer Physiotherapeutin daran, die leicht spastische Hemiparese „weiterhin gut im Griff zu haben“. Sehr dankbar ist sie allen Wegbegleitern wie Freunden, Familie, Therapeuten, Ärzten, die sie nach dem Schicksalsschlag begleitet und unterstützt haben. „Ohne diese Menschen würde mein heutiges Leben etwas anders aussehen.“

Neue Wege eingeschlagen

Beruflich musste Vanessa Dohren neue Wege einschlagen. Vor ihrem Schlaganfall hatte die gebürtige Schleswig-Holsteinerin als Pferdewirtin in einem Berliner Dressurstall gearbeitet. Nach der Rehabilitationszeit war sie zwar für kurze Zeit an ihre alte Arbeitsstelle zurückgekehrt, musste jedoch recht schnell feststellen, dass die körperlich anstrengende Arbeit sowie die Kälte im Stall ihr sehr zu schaffen machten und ihre Spastik verschlechterten. 2010 begann sie deshalb eine Umschulung zur Industriekauffrau beim Berufsförderungswerk Berlin-Brandenburg e.V. Zu ihrer eigenen Verblüffung stellte Vanessa Dohren schnell fest, dass sie die kaufmännischen Aufgaben nicht nur bewältigen konnte, sondern diese ihr auch sehr viel Spaß bereiten. Sie konnte ihre Ausbildung im Januar 2012 mit einem Schnitt von 1,5 als Beste ihrer Gruppe abschließen. Selbst eine größere Operation, die ausgerechnet in die Prüfungsphase fiel, bremste sie auf ihrer Erfolgsspur nicht aus. Inzwischen hat sie sogar einen festen Arbeitsvertrag in der Tasche: Seit Februar 2012 arbeitet sie in der Buchhaltung eines Unternehmens für Privatärztliche Abrechnungen.

Vom Pferderücken auf den Drahtesel

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Um einen Ausgleich zu ihrer hauptsächlich sitzenden Tätigkeit zu haben, sucht die sportbegeisterte junge Frau immer wieder nach neuen Herausforderungen. Anfänglich trainierte sie vor allem in der ersten Rehasportgruppe nach Schlaganfall für junge Betroffene in Berlin. Da die meisten Teilnehmer beruflich wieder voll integriert sind, lassen sich gemeinsame Trainingsstunden inzwischen nur noch schwer organisieren. „Wir motivieren uns aber gegenseitig zum Sport und zu gesunder Lebensweise oder treffen uns zum Brunch oder im Kino", erzählt Vanessa Dohren. Heute ist sie während der Wintermonate oft im Fitnessstudio anzutreffen, dort stemmt sie Gewichte, macht je nach Lust und Laune verschiedene Fitnesskurse oder radelt auf dem Ergometer.

Im Sommer ist sie dagegen meist mit dem Fahrrad unterwegs, denn die ehemals passionierte Reiterin hat das Radfahren für sich entdeckt und ist damit vom Pferderücken auf den Drahtesel gewechselt. Dieses macht ihr sogar so viel Freude, dass sie in diesem Jahr zum zweiten Mal als Amateurin beim Berliner Velothon, einem der größten Radrennen der Welt, an den Start gehen wird.

Paradebeispiel

Vanessa Dohren ist ein Paradebeispiel dafür, wie fit Schlaganfall-Patienten nach erfolgreicher Rehabilitation wieder werden können. Nicht zuletzt liegt das aber auch an der eisernen Disziplin und dem ungebrochenen Optimismus der Wahlberlinerin. Der unter Radlern verbreitete, etwas flapsige Spruch „Gegenwind formt den Charakter" trifft bei ihr voll ins Schwarze.

Kontakt: vanessa.dohren@gmx.de

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Johannes Reile liebt die Herausforderung

 

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Johannes Reile ist topfit. Dass er drei Schlaganfälle hatte, ist kaum zu glauben. Geblieben ist ihm davon heute nur ein leichtes Sprachproblem, das jedoch Außenstehende nicht einmal registrieren. Dass er vor kurzem die 50 überschritten hat, sieht man ihm nicht an – zum Älterwerden hat er keine Zeit, der Bilanzbuchhalter aus dem Allgäu sucht lieber extreme Herausforderungen im Sport.

Johannes Reile ist topfit. Dass er drei Schlaganfälle hatte, ist kaum zu glauben. Geblieben ist ihm davon heute nur ein leichtes Sprachproblem, das jedoch Außenstehende nicht einmal registrieren. Heute sucht er Herausforderungen im Sport.

1999 allerdings hatte er sich einer extremen Herausforderung der anderen Art stellen müssen: „Auf einmal funktionierten der linke Arm und das linke Bein nicht mehr", erinnert er sich. Diagnose Schlaganfall. Zunächst konnte er kein Glas halten, nicht mal auf der Tastatur tippen. Aber nach der Reha ging es aufwärts. Eine Ursache für den Schlaganfall wurde nicht festgestellt. 2004 der nächste Einschlag: ein weiterer Schlaganfall, Sprache weg, an Laufen war nicht zu denken. Eine erneute Rehamaßnahme sorgte für Besserung. „Ich fuhr von der Reha nach Hause. Keine 24 Stunden später: Bumm, der nächste Schlaganfall", erzählt Johannes Reile, für den 2004 ein sehr hartes Jahr war. Zehn Tage Ursachenforschung in einer Spezialklinik blieben ohne Ergebnis: „Die Schlaganfälle kommen aus heiterem Himmel."

Das besondere Geschenk

Als begeisterter Sportler ist Johannes Reile es aber gewohnt, Niederlagen wegzustecken und immer wieder aufzustehen. „Ich sage mir einfach, das war's jetzt, jetzt reicht's, das passiert mir nicht mehr!" In seinem schwarzen Jahr 2004 war es ausgerechnet die Schwiegermutter, die ihm den Zugang zum Radsport und damit zu vielen schönen Erlebnissen eröffnete: Sie schenkte ihm ein Sportrad. Er setzte sich drauf und fuhr seine erste Tour, gleich um den gesamten Bodensee herum – genau 200,69 Kilometer!

Die Radtouren

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2.v.l.: Johannes Reile

Vor den sportlichen Anstrengungen hat er keine Angst, denn die Schlaganfälle kamen ja immer dann, wenn es gerade ruhig war. Johannes Reile braucht einfach die Herausforderung: 2004 während der Reha fing er mit Walking an, im Jahr darauf nahm er am National Nordic Walking Day in Köln teil und bewältigte die Halbmarathonstrecke. Beim Radfahren begleitet ihn oft sein Hund Phon – „sie gibt immer Vollgas, da muss ich mithalten", sagt er. Bald genügte es Johannes Reile aber nicht mehr, mit dem Fahrrad in seiner Heimatregion unterwegs zu sein. 2009 wagte er sich nach Berlin, um am Skoda-Velothon teilzunehmen. Dort gibt es zwei Strecken, 60 und 120 km. Es versteht sich von selbst, dass er die 120 km-Strecke wählte („Wegen 60 km fahr ich doch nicht nach Berlin"). Die Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit in Berlin ist 25 km/h. „Bei mir wurden 34,7 km/h gemessen, da hab ich mich gefreut", sagt er stolz. „Ich fuhr im Trikot der Schlaganfall-Hilfe und für eine Reportage zum Thema Sport nach Schlaganfall sollte von seiner Zieldurchfahrt ein Foto gemacht werden. Ich war wegen meiner Geschwindigkeit aber schon vor dem Fotografen da", grinst Johannes Reile.

Die nächste Herausforderung wartete schon bzw. die Frage: Kann man nach drei Schlaganfällen eigentlich mit dem Mountainbike die Alpen überqueren? Johannes Reile wollte es wissen und hat es im August 2010 bewiesen! Natürlich ging eine professionelle Vorbereitung voraus, er beriet sich mit seinen Ärzten und trainierte gemeinsam mit Olympiasieger Uwe Peschel. Zudem nahm er vor dem Rennen neun Kilogramm ab. In Grünau am Fuß der Zugspitze fiel dann am 1. August 2010 der Startschuss mit dem Ziel Gardasee. Johannes Reile schaffte mit seiner Gruppe den Härtetest: 400 km und 9.000 Höhenmeter in sechs Tagen und er fuhr dabei sogar meist ganz vorne mit - der Allgäuer aus Bad Wurzach war von sich selbst überrascht. Als die Gruppe in Riva am Gardasee die Promenade entlang fuhr, „…da tat nach allen Strapazen auf einmal nichts mehr so richtig weh", erinnert sich Johannes Reile: „Einfach ein tolles Gefühl", schwärmt er immer noch. Diese Erfahrung hat ihn so motiviert, dass er 2011 gleich die Vätternrundan in Schweden mitfuhr, mit 300 km und 1450 Höhenmetern die längste Amateurfahrradtour der Welt. Seit 1966 treffen sich Tausende Radfahrer aus der ganzen Welt am schönen Vättersee mit Start und Ziel in Motola/Schweden.
 

Die Zukunft

2012 wird Johannes Reile mit anderen Schlaganfall-Betroffenen zum vierten Mal den Skoda-Velothon in Berlin fahren. Während seine Kollegen im Team „Wir gegen den Schlaganfall" 60 km radeln, wird Johannes Reile wie üblich die 120 km fahren. Das Radeln ist für ihn die beste Schlaganfall-Prävention: „Durch das vorbereitende Training ist man ständig sportlich aktiv, und wenn man erst mal bei einer Tour dabei war, lässt einen dieser Sport sowieso nicht mehr los", weiß er. Johannes Reile versucht seine Sportbegeisterung und die Prävention durch Sport auch anderen Betroffenen zu vermitteln, etwa bei den regelmäßigen Treffen „Junger Mensch und Schlaganfall" der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe und als Leiter der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Bad Wurzach.

Johannes Reile macht Mut

„Meinen ersten Schlaganfall 1999 konnte ich ganz gut wegstecken. Als ich dann aber 2004 zwei weitere Schlaganfälle hintereinander bekam, das war schon hart. Vor allem auch, weil keine Ursache gefunden wurde. Aber ich geh davon aus, dass mir das nicht mehr passiert. Ablenkung finde ich in meinem Beruf, in der Leitung der Selbsthilfegruppe und in sportlichen Herausforderungen. Ich habe mit dem Rad die Alpen überquert und nehme regelmäßig an Rennen teil, zum Beispiel im Team der Schlaganfall-Hilfe „Wir gegen den Schlaganfall". Das baut mich auf und ist auf jeden Fall die beste Prävention."

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Nach Schlaganfall ins Opernfach?

 

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Johannes Gruber hat Ende 2011 sein Schulmusik-Examen an der Hochschule für Musik in München bestanden. Derzeit studiert er Gesang am Salzburger Mozarteum bei Prof. Mario A. Diaz Varas mit dem Ziel, seinen Bassbariton weiter zu perfektionieren und ins Opernfach einzusteigen. Vor 22 Jahren, im August 1989, sah die Welt für Johannes ganz anders aus: Der damals Vierjährige erlitt einen Schlaganfall.

Ende Juli 1989 war Johannes ohne Grund hingefallen. „Es sah aus, als hätte es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen", so seine Mutter. Eine Woche später passierte es nochmals im Schwimmbad. Abends klagte Johannes, sein Arm fühle sich schwer an. Er war müde, die Eltern brachten ihn ins Bett. „Eine halbe Stunde später hörten wir ihn wimmern", erinnert sich Mutter Johanna Gruber. „Mein Mann nahm ihn auf den Arm. Da sahen wir, dass auf der ganzen rechten Seite alles schlaff herunterhing – Gesicht, Arm, Bein…, er konnte nicht richtig sprechen."

Die Diagnose

Die Eltern riefen den Notarzt. Johannes wurde in die Haunersche Kinderklinik nach München gebracht. „Die Gefäße wurden untersucht, Antibiotika und Blutverdünner gegeben", erinnern sich die Eltern. Die Symptome deuteten auf einen Schlaganfall. Mittels Kernspintomografie wurde ein Tumor ausgeschlossen, gleichzeitig ein Schlaganfall in der Nähe des Kleinhirns diagnostiziert. Für die Eltern ein riesiger Schock. Allerdings bildeten sich im Lauf weniger Tage die Symptome schon deutlich zurück, Johannes wurde nach einer Woche entlassen. „Nach 14 Tagen hat er schon wieder Radfahren probiert", sagt Vater Hans Gruber. Dann folgte noch ein Jahr Krankengymnastik mit vielen Koordinationsübungen.

Sein Leben trotz Schlaganfall

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Heute, wenn Johannes nach einem anstrengenden Tag sehr müde ist, „sieht es manchmal aus, als ob er hinkt", sagt Mutter Johanna Gruber, und: „Die Zehen am rechten Fuß kann er nur bewegen, wenn er hinschaut." Beim Singen auf der Bühne, wenn er hochkonzentriert ist, verkrampft manchmal noch die rechte Hand. „Ich weiß, ich habe viel Glück gehabt", sagt Johannes, der einer sehr musikalischen Familie entstammt. Er spielt auch ausgezeichnet Cello, konzertiert gern mit Freunden und bisweilen auch mit seiner Schwester Hedwig, einer hervorragenden Violinistin, die derzeit im Masterstudium bei Christoph Henschel in Augsburg ist.

Nach dem Abitur studierte Johannes zunächst Schulmusik und trat damit in die Fußstapfen seines Vaters, der als Musiklehrer an einem Gymnasium und als Kirchenorganist tätig ist. Was sein Gesangstalent angeht, folgt Johannes offenbar seiner Mutter Johanna nach, die eine ausgezeichnete Sopranistin ist. „Während des Studiums gab mir mein Lehrer Egon Komann Gesangsunterricht und ermunterte mich, meine Stimme weiterzubilden", erzählt Johannes. 2009 bestand der die Aufnahmeprüfung am Mozarteum in Salzburg. 2010 wurde er ins Hauptstudium aufgenommen. Vor einem Jahr stand er in einer ersten Rolle in La Traviata auf der Bühne, im Januar 2012 trat er in der Oper „Die Kavalleristin" von Adriaan de Wit in der Rolle des Vaters auf.
 

Zukunftspläne

Nachdem er nun sein Schulmusikstudium erfolgreich beendet hat, will Johannes Gruber auch an Wettbewerben teilnehmen, u.a. hat er den Gesangswettbewerb „Neue Stimmen" der Bertelsmann Stiftung im Visier. „Sollte es mit der Gesangskarriere aber nicht klappen, gehe ich ins Referendariat", so seine Planung. In seiner knappen Freizeit schafft er es noch, Cello zu unterrichten und den Jugendchor „Feststimmung" zu leiten, der regelmäßig vielbeachtete Konzerte gibt, charmant und versiert moderiert von – Johannes Gruber! An seinen Schlaganfall kann sich Johannes heute kaum mehr erinnern …

Johannes Gruber macht Mut

„Als ich vier Jahre alt war, hatte ich einen Schlaganfall. Jetzt bin ich 26 Jahre alt. Ganz selten, wenn ich nach einem anstrengenden Tag sehr müde bin, spüre ich heute noch eine kleine Einschränkung. Ich habe Musik in München studiert und studiere jetzt Gesang am Mozarteum in Salzburg. Mein Traum ist es, als Bassbariton auf internationalen Bühnen zu singen. An meinen Schlaganfall denke ich heute kaum mehr. Ich bin dankbar, dass ich so viel Glück hatte."

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Gunnar van der Pütten – immer für eine Idee gut

 

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„Mein Schlaganfall liegt 10 Jahre zurück, heute bin ich 34 Jahre alt. Es gab harte Zeiten, aber in den letzten Jahren geht es richtig aufwärts. Der Sport hilft mir sehr dabei: Ich setzt mich jeden Tag aufs Fahrrad und spiele zweimal pro Woche Tischtennis. Über die Schlaganfall-Hilfe und über soziale Netzwerke wie facebook und twitter habe ich Kontakt mit vielen anderen jungen Leuten, dieser Austausch hilft mir sehr. Mir liegt viel daran, meine Erfahrungen an andere weiterzugeben."

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Es war ein ganz normaler Arbeitstag, die Nacht zuvor war kurz gewesen, Gunnar, ein junger Mann aus Leopoldshagen in Mecklenburg-Vorpommern, litt unter Kopfschmerzen. In der Raucherecke machte er eine kurze Pause, er weiß nur noch, dass er dort vom Stuhl fiel. Der Notarzt brachte ihn in die Klinik, wo eine Hirnblutung festgestellt wurde. Als Folge davon blieben bei ihm eine armbetonte Halbseitenlähmung links und eine Einschränkung des Gesichtsfeldes.

Sein Weg zurück ins Leben

Gunnar van der Pütten ist gelernter Gas- und Wasserinstallateur, wurde aber später Suchtkrankenberater. Beide Berufe kann er jetzt nicht mehr ausüben, denn ein ärztliches Gutachten besagt, dass er aufgrund seiner Erkrankung pro Tag weniger als drei Stunden belastbar ist. Eine Tatsache, die Gunnar traurig stimmt. Aber das heißt für ihn gerade nicht, untätig zu sein, ganz im Gegenteil. Er strampelt täglich auf dem Rad (hat dabei in den letzten zwei Jahren 20 kg abgenommen), spielt zweimal die Woche Tischtennis und nutzt jede Möglichkeit, seine Gesundheit zu verbessern. Sechsmal pro Woche geht er zur Physio- und Ergotherapie. Zuhause übt er mittels Spiegeltherapie.

Zudem hat Gunnar auch jede Menge Ideen, an deren Umsetzung er arbeitet. Für kommunikativen 34-jährigen mit der sympathischen Ausstrahlung ist es nicht schwer, bleibende Kontakte zu knüpfen. Auch über das Projekt „Junger Mensch und Schlaganfall" der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe hat er viele junge Schlaganfall-Patienten kennengelernt, mit denen er sich regelmäßig austauscht.
Gunnar leitete außerdem einen Kochworkshop für Menschen mit Schädel-Hirn-Schädigungen, organisierte einen Erfahrungs- und Wissensaustausch zum Thema „Hilfsmittel und Therapien" und hat die Leitung der Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Torgelow, zu deren Treffen meist 10 bis 15 Betroffene kommen.

Seine Erfahrungen teilt er mit Anderen

Seine eigenen Erfahrungen möchte Gunnar nicht für sich behalten, weiß er doch, wie wertvoll es ist, bewährte Tipps und Tricks genannt zu bekommen, ohne selbst lange danach suchen zu müssen. Er hat daher die Website www.helppool.de gegründet. Computerexperte Thilo Mann, den Gunnar ebenfalls bei einem Treffen der Schlaganfall-Hilfe kennengelernt hat, hat ihm geholfen, diese Website aufzubauen. Der weitere Ausbau und die Pflege der Seite ist ein Projekt, bei dem Gunnar van der Pütten auch auf Input von außen hofft. Denn nur wenn viele zusammenarbeiten und ihr Wissen einbringen, kann die Seite perfekt werden: „Damit kann ich anderen helfen, genauso, wie mir andere geholfen haben", sagt er. Er selbst verdankt z.B. den Rückwärtsgang seines Fahrrads dem Tipp eines anderen Betroffenen. „Von selber wäre ich da gar nicht drauf gekommen", erzählt er. „Viele Leute wissen gar nicht, was es alles für Hilfsmittel gibt", weiß Gunnar. Manches ist auch sehr teuer und kaum erschwinglich. Gunnar van der Pütten weiß da nicht selten eine Lösung: „Manches kann man sich auch selbst bauen. Die Vorrichtung für die Spiegeltherapie z.B. hat mir meine Mutter gebaut", sagt Gunnar.

Auch über facebook und twitter findet ein reger Austausch mit Freunden und anderen Betroffenen über Tipps und Tricks statt. Mit helppool hat er eine Aufgabe gefunden – ein Verein soll noch gegründet werden, viel Hilfe bekommt er auch von der Firma Speicherhosting.com, er hofft aber auf weitere Sponsoren. Die Plattform soll international werden und soll auch nicht auf Schlaganfall-Betroffene beschränkt bleiben: „Menschen mit Behinderungen aller Art sollen dort Informationen finden und einstellen können", sagt der helppool-Gründer.

Die Zukunft

Für sich selbst wünscht sich Gunnar van der Pütten: „dass es weiter so gut bergauf geht, ich immer wieder Leute kennen lerne, vielen helfen kann und dass mir Ämter und Behörden bzw. die Krankenkasse nicht immer wieder Steine in den Weg legen, wenn es um Reha usw. geht! Auf ganz viele Treffen mit Betroffenen möchte ich fahren!"

Kontakt: gunnar@puetti.com oder help@helppool.de
Die Hilfsmittelwebsite: www.helppool.de oder help@helppool.net!

 

Gunnar von der Pütten macht Mut

„Mein Schlaganfall liegt 10 Jahre zurück, heute bin ich 34 Jahre alt. Es gab harte Zeiten, aber in den letzten Jahren geht es richtig aufwärts. Der Sport hilft mir sehr dabei: Ich setzt mich jeden Tag aufs Fahrrad und spiele zweimal pro Woche Tischtennis. Über die Schlaganfall-Hilfe und über soziale Netzwerke wie facebook und twitter habe ich Kontakt mit vielen anderen jungen Leuten, dieser Austausch hilft mir sehr. Mir liegt viel daran, meine Erfahrungen an andere weiterzugeben."

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Schritt für Schritt zurück ins Leben

 

Nur wenige Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Tessa erlitt die 37-Jährige einen sehr schweren Schlaganfall. Nur dank sofortiger Hilfe überlebt die junge Mutter. Doch ihre rechte Körperhälfte fühlt Jasmina G. nicht. Und auch die Sprache hat der Schlaganfall ihr geraubt. Geduldig, mühsam und in kleinen Schritten erobert sie sich ihr Leben zurück.

Nur wenige Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Tessa erlitt die 37-Jährige einen sehr schweren Schlaganfall. Nur dank sofortiger Hilfe überlebt die junge Mutter. Doch ihre rechte Körperhälfte fühlt Jasmina G. nicht. Und auch die Sprache hat der Schlaganfall ihr geraubt. Geduldig, mühsam und in kleinen Schritten erobert sie sich ihr Leben zurück. Zur Rehabilitation gehören Krankengymnastik und Ergotherapie ebenso wie Sprech- und Sprachtraining.

„Als meine Frau nach dem Klinikaufenthalt nach Hause kam, wussten wir nicht, wie es weitergehen soll. Sie brauchte weitere Therapie, ich musste arbeiten gehen und die Kinder versorgen. Wir mussten möglichst schnell Termine bei Fachärzten und Therapeuten bekommen, alles selbst koordinieren und Unmengen von Anträgen stellen", so Familienvater Gabriel.
 
Sehen und hören Sie, direkt aus der Perspektive von Betroffenen, welche Probleme bewältigt werden müssen. Hilfe und Unterstützung gibt ein Schlaganfall-Lotse.